Der wichtigste Satz auf diesen zwei Seiten ist ein negativer: 毋文書,以言語爲約束 — sie hatten keine Schriftstücke; sie banden sich durch Worte. Alles hier ist also, was han-zeitliche Autoren über ein Volk sagten, das keinen schriftlichen Bericht von sich hinterließ. Das Fehlen ist kein Loch im Material; es ist das Thema. Der Stoff sind zwei Han-Bücher, eines auf dem anderen gebaut: Sima Qians Shiji, Kapitel 110, die Xiongnu-Liezhuan, und Ban Gus Hanshu, Kapitel 94, erster Teil. Beide beginnen mit einem fast gleichen Absatz über das Leben der Xiongnu. Keines ist ein Reisebericht: keine Szene, kein genannter Gewährsmann, kein Datum an der Beschreibung. Dieser Absatz, seine Varianten und der Streit, den er später zwischen zwei Han-Männern auslöste, sind der ganze Beleg.
Zwei Han-Bücher, nicht zwei Zeugen
Der Anfang des Hanshu folgt dem des Shiji fast Wort für Wort: 隨畜牧而轉移 gegen 隨草畜牧而轉移; 毋城郭常處 gegen 無城郭常居. Das sind nicht zwei unabhängige Zeugen für das Leben der Xiongnu, sondern eine fortgeführte Überlieferung, und sie zweimal zu zählen ließe den Beleg fester erscheinen, als er ist. Was das Hanshu hinzufügt, ist anderer Art: Verse über die Einfälle der Xianyun, die laut Seite die Dichter machten (詩人始作,疾而歌之), eine längere Darstellung der Nordkriege und ein langer Streit zwischen einem Han-Gesandten und einem zu den Xiongnu übergetretenen Han-Eunuchen, Zhongxing Yue. In diesem Streit erscheint zum ersten Mal das Wort für das Zelt; das Hanshu wirft keinen zweiten Blick auf das Leben der Xiongnu, es gibt eine zweite Stimme in einem Han-Streit. Das Shiji lässt am Ende seinen Historiker an der ganzen Sache zweifeln: 世俗之言匈奴者…不參彼己 — die über die Xiongnu reden, dienen einer einseitigen Sicht, ohne die andere Seite zu wägen.
Unterwegs: Gras, Wasser, eigener Boden
Für die Bewegung gibt es zwei Zeilen: 隨畜牧而轉移, sie ziehen mit ihren Herden; 逐水草遷徙, sie wechseln zu Wasser und Gras. Dann vier Zeichen, die man leicht überliest: 然亦各有分地 — doch jeder hat auch seinen zugeteilten Boden. Kein wahlloses Umherziehen und kein Fehlen von Landanspruch: die Seite sagt beides in einem Atemzug und im selben Atemzug, dass sie keine ummauerten Städte, keine feste Wohnung und keinen Ackerbau haben (毋城郭常處耕田之業). Wie Boden gemessen wurde oder wer eine Grenze festsetzte, sagt die Seite nicht.
Die Tiere werden aufgezählt, nicht gezählt: 其畜之所多則馬、牛、羊,其奇畜則橐駞、驢、驘、駃騠、騊駼、騨騱 — Pferde, Rinder und Schafe gewöhnlich; Kamel, Esel, Maultier und drei weitere gute Pferde als Seltenheiten. Das Hanshu nennt dieselben sechs in anderen Zeichen, und eines seiner Zeichen ist verdorben, wo das Shiji 驘 für das Maultier hat; die Varianten werden hier vermerkt, nicht verschmolzen. Nirgends wird eine Herde gezählt. Dann der konkreteste Satz beider Seiten: 兒能騎羊,引弓射鳥鼠;少長則射狐兔:用爲食 — ein Kind, das ein Schaf reiten kann, zieht den Bogen auf Vögel und Ratten; älter, schießt es Füchse und Hasen, und sie werden gegessen (das Hanshu: 少長則射狐菟,肉食). Dann das Heer: 士力能彎弓,盡為甲騎 im Hanshu; die Seite des Shiji hat das verdorbene Zeichen 毋弓, wo diese Zeile steht; 彎弓 ist die hier befolgte Lesart, die Variante vermerkt statt stillschweigend geheilt.
Dann das Zelt, und ein Faktum der Überlieferung. Der Anfangsabsatz enthält keines. 穹廬 erscheint auf diesen Seiten nur einmal, in der Anklageliste eines Han-Gesandten: 匈奴父子同穹廬臥, Vater und Sohn schlafen im selben Zelt. Das ist keine Beschreibung, es ist eine Anklage. Zhongxing Yue antwortet mit seiner eigenen Beschreibung: 匈奴之俗,食畜肉,飲其汁,衣其皮;畜食草飲水,隨時轉移 — ihre Sitte ist, das Fleisch ihrer Herden zu essen, die Flüssigkeit zu trinken, die Haut zu tragen; die Herden fressen Gras und trinken Wasser, und sie ziehen mit der Jahreszeit. Dann wendet er sich gegen den Gesandten: 嗟土室之人…冠固何當 — ihr Männer der Lehmhäuser, was nützt eine Kappe? Keine Seite gibt Größe, Gerüst oder Tür eines Zeltes. Man beachte, was das mit der Autorität der Seite macht: das erste Zelt in dieser Han-Schrift ist eine Anklage, keine Beobachtung.
Neunzehn Zeichen für Essen und Kleidung
Kleidung und Essen brauchen neunzehn Zeichen: 自君王以下,咸食畜肉,衣其皮革,被旃裘 — vom Herrscher abwärts essen alle das Fleisch ihrer Herden, tragen deren Haut und Leder, sind in Filz und Pelz gehüllt. Das Hanshu trägt denselben Satz; die Fassung des Zhongxing Yue fügt zwei Wörter und ein Detail hinzu, 飲其汁, sie trinken die Flüssigkeit. Nichts sagt, wie der Filz gemacht, wie das Leder zugerichtet, wie das Fleisch gekocht wurde oder was in welcher Jahreszeit gegessen wurde: Namen, keine Techniken, und nirgends auf den Seiten eine Speisekarte.
Wer das gute Fleisch bekam, wird gesagt und dann beurteilt: 壯者食肥美,老者食其餘 — die Starken essen das Fette und Feine, die Alten den Rest; und im nächsten Atemzug 貴壯健,賤老弱 — sie ehren die Starken und verachten die Schwachen. Das erste ist Beschreibung, das zweite ein Urteil, als ein Satz gedruckt: zusammen gelesen, geht ein Han-Urteil als Han-Beobachtung durch. Das Hanshu fügt ein Wort hinzu (老者飲食其餘) und inszeniert einen Streit. Ein Han-Gesandter sagt 匈奴俗賤老. Zhongxing Yue antwortet: 匈奴明以攻戰為事,老弱不能鬥,故以其肥美飲食壯健以自衛 — sie machen den Krieg zu ihrer Sache, die Alten und Schwachen können nicht kämpfen, also geht das gute Essen an die Starken, um alle zu schützen — 何以言匈奴輕老也. Dann dreht er es um: wenn ein Han-Haus einen Sohn zur Grenzwache schickt, 其親豈不自奪溫厚肥美齎送飲食行者乎 — nehmen die Eltern nicht das Warme und Feine und geben es dem, der geht? Der Gesandte antwortet 然, ja. Ein Han-Gesandter und ein Han-Überläufer, die über das Abendessen eines Han-Hauses streiten.
Essen und Kleidung werden dann Politik, wieder in Zhongxing Yues Mund: 匈奴人眾不能當漢之一郡,然所以強之者,以衣食異,無卬於漢 — sie erreichen mit ihrem Volk nicht eine Han-Kommandantur und sind stark, weil Essen und Kleidung anders sind und sie nichts von den Han brauchen. Lass den Chanyu Han-Waren nehmen, und 漢物不過什二,則匈奴盡歸於漢矣 — bei Han-Waren zu zwei Teilen von zehn würden alle Xiongnu zu den Han übergehen. Er bietet zwei Proben: Han-Seide und Han-Flocke, durch Gras und Dornen gezogen, reißen (以視不如旃裘堅善也), Han-Essen wird weggeworfen (以視不如重酪之便美也). Ein Han-Mann, in einem Han-Buch, argumentiert gegen Han-Waren; die Frage ist Abhängigkeit, nicht Geschmack — zwei Teile von zehn sind kein Preis, sondern eine Schwelle.
Ehe: ein Satz, zwei Positionen
Der Ehesatz steht in beiden Büchern und dient in beiden als Beleg. Shiji: 父死,妻其後母;兄弟死,皆取其妻妻之. Hanshu: 兄弟死,盡妻其妻. Im Hanshu erscheint derselbe Satz ein zweites Mal, in den Anklagen des Gesandten, neben 父子同穹廬臥 und 無冠帶之節,闕庭之禮 — wo er ein Verbrechen ist. Zhongxing Yue gibt einen Grund: 父兄死,則妻其妻,惡種姓之失也。故匈奴雖亂,必立宗種 — stirbt Vater oder älterer Bruder, nimmt man seine Frau, aus Furcht, das Geschlecht gehe verloren, und so wird, wie verwirrt die Xiongnu auch seien, immer ein Erbe eingesetzt. Dann die Gegenanklage: 今中國雖陽不取其父兄之妻,親屬益疏則相殺,至到易姓. Zwei Stimmen auf einer Seite, ohne redaktionellen Satz dazwischen, der sagt, welche recht hat: die Seite behält Anklage und Antwort; dieser Artikel auch, der für die Praxis keinen modernen Begriff verwendet.
Die Urteile, und der Zweifel
Die Urteile kommen alle von der Seite der Historiker. 急則人習戰攻以侵伐,其天性也 — in harten Zeiten üben sich die Menschen im Krieg und im Überfall, das ist ihre Natur: eine Gewohnheit, Natur genannt. 茍利所在,不知禮義 — wo der Vorteil ist, kennen sie nicht Recht und Ritus: ein Urteil ohne angehängten Beleg. Die Waffen werden genannt, nicht beschrieben: 其長兵則弓矢,短兵則刀鋋. Die Taktik braucht sieben Zeichen: 利則進,不利則退,不羞遁走. Und eine Zeile zu den Namen: 其俗有名不諱,而無姓字; das Hanshu sagt nur 無字. Die Verben sind die der Historiker: sie ehren, sie verachten, sie kennen nicht.
Es endet, wo es begann, bei dem Mann, der schreibt. Sima Qians Würdigung: 世俗之言匈奴者,患其徼一時之權,而務莖讇納其說,以便偏指,不參彼己 — die über die Xiongnu reden, wollen einen Augenblick Vorteil und beeilen sich, schmeichelnde Worte einzuschleusen, einer einseitigen Sicht dienend, ohne die andere Seite zu wägen. Er meint andere Männer; aber er hat gerade ein Kapitel damit verbracht, die Xiongnu ebenfalls von außen zu schreiben, und er nimmt sich nicht aus, und er schließt zweimal mit 唯在擇任將相哉. Also: ein Volk ohne Schriftstücke, zwei Han-Bücher, und darin ein Han-Gesandter, ein Han-Überläufer und ein Han-Historiker, die streiten, was ein Zelt, ein Essen und eine Ehe bedeuteten. Diese Seite hat über die heqin-Allianz, über Grenzgarantien, über die Han-Xiongnu-Kriege geschrieben; dieser Artikel ist nur der Alltag, und nur so, wie die Han ihn erzählten.
Weiterlesen:Heqin: Ein Brief, eine Prinzessin und die jährlichen Gaben an Seide und Getreide · Pferde in den Gassen: Preis, Verbot und ein Bronzemodell · Dem Gelände folgen: Wie die Mauer der Qin gebaut wurde
Quellen und weitere Lektüre
- 《史記》卷一百一十·匈奴列傳(西漢司馬遷撰;維基文庫本,繁體白文,未與中華書局點校本複核) — The ethnographic opening and the chapter's closing appraisal, written by a Han historian about a people who, on his own page, 毋文書,以言語爲約束. What the opening gives: descent traced to the Xia; the earlier names 山戎、獫狁、葷粥; 隨畜牧而轉移 and 逐水草遷徙; 毋城郭常處耕田之業,然亦各有分地; the animals, three common and six strange; 兒能騎羊,引弓射鳥鼠;少長則射狐兔:用爲食; 士力能毋弓 (the Hanshu has 彎弓 here); 寬則隨畜,因射獵禽獸爲生業,急則人習戰攻以侵伐,其天性也; 長兵弓矢,短兵刀鋋; 利則進,不利則退,不羞遁走; 茍利所在,不知禮義; 咸食畜肉,衣其皮革,被旃裘; 壯者食肥美,老者食其餘; 貴壯健,賤老弱; 父死,妻其後母;兄弟死,皆取其妻妻之; 有名不諱,而無姓字. The appraisal: 世俗之言匈奴者,患其徼一時之權,而務莖讇納其說,以便偏指,不參彼己, ending twice on 唯在擇任將相哉.
- 《漢書》卷九十四上·匈奴傳上(東漢班固撰;維基文庫本,繁體白文,頁頭標 textquality 25%,未與中華書局點校本複核) — The same opening with small variants (隨草畜牧/無城郭常居/少長則射狐菟,肉食/士力能彎弓/老者飲食其餘/盡妻其妻/無字), plus poems from the Book of Songs on the Xianyun raids and, uniquely, the debate between a Han envoy and Zhongxing Yue. Envoy: 匈奴俗賤老; 父子同穹廬臥; 無冠帶之節,闕庭之禮. Zhongxing Yue: 匈奴明以攻戰為事,老弱不能鬥,故以其肥美飲食壯健以自衛; 而漢俗屯戍從軍當發者,其親豈不自奪溫厚肥美齎送飲食行者乎 (envoy: 然); 匈奴之俗,食畜肉,飲其汁,衣其皮; 父兄死,則妻其妻,惡種姓之失也; 今中國雖陽不取其父兄之妻,親屬益疏則相殺,至到易姓; 嗟土室之人…冠固何當; 匈奴人眾不能當漢之一郡,然所以強之者,以衣食異,無卬於漢; 漢物不過什二,則匈奴盡歸於漢矣; 以視不如旃裘堅善也; 以視不如重酪之便美也; 夫力耕桑以求衣食,築城郭以自備,故其民急則不習戰攻,緩則罷於作業.




