Der Bo-Altar (亳社) war einer der Altäre von Lu. Zwei Seiten nennen ihn: die Zuo Tradition für die Regierungszeit Herzog Ais, wo ein Eintrag einen Brand an ihm verzeichnet und, vier Jahre später, eine Übergabe von Gefangenen dort; und das Kapitel des Liji (Buch der Riten) über das Opfer in der Vorstadt, das festlegt, wie mit dem Altar eines zerstörten Staates zu verfahren ist. Das eine ist eine Chronik von Lu, das andere ein Ritualkapitel. Eines ist eine Chronik, eines eine Regel des Ritus, und dieser Artikel hält beide auseinander: die Chronik sagt, was geschehen ist, das Buch sagt, was geschehen soll, und keines bürgt für das andere. Auch die Zeichen sind verschieden — 亳社 in der Chronik, 薄社 im Buch —, und beide stehen so, wie sie stehen. Lu war der Staat des Herzogs von Zhou, und der Altar einer früheren Dynastie stand in ihm; keine der beiden Seiten erklärt, wie er dorthin kam.

Der Brand

Der ‚Klassiker‘ zum vierten Jahr Herzog Ais verzeichnet, im sechsten Monat, am Tag xinchou: 亳社災 — der Bo-Altar brannte. Das ist der ganze Eintrag: ein Monat, ein Tag des Sechziger-Zyklus und zwei Zeichen. Der Tag steht, wie er geschrieben steht, nicht umgerechnet; xinchou ist ein Tag des sechzigteiligen Zyklus, und der Eintrag nennt keine Jahreszahl über das vierte Jahr des Herzogs hinaus. Der Eintrag sagt nicht, wie das Feuer ausbrach, was zerstört wurde, ob jemand zur Rechenschaft gezogen wurde oder was danach geschah.

Die ‚Überlieferung‘ jenes Jahres sagt nichts dazu: Ihr Bericht läuft über Cai und Chu und die Man-Sippen, und der Altar wird nicht wieder erwähnt. Für den Brand gibt es also nur diese fünf Zeichen, das Minimum der Chronik. Eine Chronik, die nichts sagt, sagt dennoch etwas: im Bericht jenes Jahres hat der Brand keinen Satz verdient. Nichts wird erklärt, und hier wird nichts ergänzt.

Am Altar vorgeführt

Vier Jahre später erscheint derselbe Altar wieder, im Gebrauch. Im siebten Jahr Herzog Ais wollte Ji Kangzi Zhu angreifen; Zifu Jingbo wandte ein: 背大國不信,伐小國不仁 — sich gegen einen großen Staat zu wenden sei Treulosigkeit, einen kleinen anzugreifen nicht Güte —, und er wurde nicht gehört. Im Herbst zog das Heer: 師遂入邾,處其公宮,眾師晝掠……師宵掠,以邾子益來,獻于亳社,囚諸負瑕 — es drang in die Hauptstadt von Zhu ein, besetzte ihren Palast, plünderte bei Tag und bei Nacht, brachte ihren Herrn Yi zurück, führte ihn am Bo-Altar vor und sperrte ihn in Fuxia ein. Zhu war ein kleiner Staat, und der Einwand war gewesen, dass einen kleinen Staat anzugreifen nicht Güte sei; die Seite verzeichnet den Einwand und dann den Feldzug, ohne Kommentar.

Hier ziehen die beiden Seiten in verschiedene Richtungen: die eine behandelt einen solchen Altar als Relikt eines toten Staates, zu überdachen und mit einem Nordfenster zu versehen; die andere zeigt eben diesen Altar, wie er einen besiegten Herrn in einem Siegesritus empfängt. Der Artikel führt sie nicht zu einem Bild zusammen — das Buch spricht von einer Klasse von Altären, die Chronik von einem Altar an bestimmten Tagen.

Die Regel: ein Dach darüber

Das Liji gibt die Regel: 天子大社,必受霜露風雨,以達天地之氣也。是故喪國之社屋之,不受天陽也。薄社北牖,使陰明也 — der große Altar des Himmelssohns muss Reif, Tau, Wind und Regen empfangen, damit das Qi von Himmel und Erde hindurchgeht; darum wird der Altar eines zerstörten Staates überdacht und empfängt kein himmlisches Yang, und der Bo-Altar hat ein Nordfenster, damit das Yin hell sei. Großer Altar unter freiem Himmel; Altar des toten Staates überdacht gegen den Himmel; ein Fenster, im Norden. Die Regel gilt zwei Arten von Altar, nicht einem Gebäude.

Der Zusammenhang ist, was ein Altar ist: 社祭土而主陰氣也,君南鄉於北墉下,答陰之義也 — er opfert der Erde und gebietet über das Yin-Qi, und der Fürst steht nach Süden gewandt an der Nordmauer und antwortet dem Yin; daher liegt das Fenster im Norden. Dasselbe Kapitel fügt hinzu: 天子存二代之後,猶尊賢也。尊賢不過二代 — der Himmelssohn hält die Nachkommen der beiden früheren Dynastien, doch nicht über zwei hinaus. Das gilt den Nachkommen, nicht den Altären; es steht hier als Rahmen des Kapitels, nicht als Beweis für diesen Altar. Die beiden Sätze stehen wenige Zeilen auseinander und beantworten verschiedene Fragen: der eine das Licht, der andere die Nachkommen.

Das Kapitel sagt auch, wozu ein Altar da ist: 社,所以神地之道也。地載萬物,天垂象,取財於地,取法於天,是以尊天而親地也,故教民美報焉 — die Erde trägt alle Dinge, der Himmel zeigt seine Zeichen, und die Menschen nehmen den Reichtum von der Erde und das Gesetz vom Himmel; darum ehrt man den Himmel und hält sich zur Erde, und so lehrt man das Volk, den Ursprung würdig zu vergelten; und 家主中霤而國主社,示本也 — der Haushalt ehrt den mittleren Abfluss, der Staat den Altar, um seinen Ursprung zu zeigen; 唯為社事,單出里;唯為社田,國人畢作;唯社,丘乘共粢盛。所以報本反始也. Der Altar eines toten Staates wird also nicht abgeschafft, nur überdacht: er ist noch ein Altar und noch ein Ort der Rückkehr. Das ist die Begründung des Kapitels selbst, und näher kommt keine der beiden Seiten der Frage, warum der Altar eines toten Staates erhalten bleibt.

Zu 使陰明也 gibt das Buch nur eine Richtung und eine Wirkung: das Fenster liegt nach Norden, damit das Yin Licht habe. Wie groß es war, wo in der Mauer es saß, wie der Raum eingerichtet war — nichts davon wird gesagt. Eine Rekonstruktion des Baus wird hier nicht versucht, und kein späteres Ritualgesetz wird herangezogen, um zu ergänzen, was dieser Seite fehlt.

Zwei Schichten

Die Schichten dürfen nicht zusammengezogen werden. Die Zuo Tradition verzeichnet einen Brand und eine Übergabe von Gefangenen; das Liji sagt, wie ein solcher Altar gebaut und belichtet wird und wozu ein Altar da ist. Das Ritualkapitel erwähnt diesen Brand nicht; die Chronik erwähnt kein Dach, kein Fenster, keine ‚Rückkehr zum Ursprung‘. 亳社 und 薄社 gelten allgemein als derselbe Altar — 一般认为 —, doch keine der beiden Seiten sagt es, und keine wird herangezogen, um die andere zu füllen. Die fünf Zeichen der Chronik und die Regel des Buches sind verschiedene Arten von Aussage; sie zu verbinden hieße, eine Frage zu beantworten, die keiner der Texte stellt.

Was keine der beiden Seiten gibt

Keine der beiden Seiten gibt die Lage des Altars, seine Größe, die Form seines Daches, die Größe des Nordfensters, die Ordnung einer Zeremonie, was das Feuer zerstörte oder ob er wieder aufgebaut wurde. Auch liest keine von beiden den Brand politisch: kein Omen wird gedeutet, kein Minister äußert sich, keine Maßnahme folgt.

Andere Themen bleiben draußen: die jahreszeitlichen Opfer am Altar und das Wachsfest gehören zu einem anderen Artikel, und dieser handelt davon, was mit dem Altar eines eroberten Staates geschah. Auch eine allgemeine Theorie des Altars als Symbol des Staates wird hier nicht geboten — die Seiten geben einen Brand, eine Übergabe, eine Regel über Dächer und Fenster und ein paar Sätze darüber, warum ein solcher Altar überhaupt erhalten bleibt. Mehr ist es nicht: ein Brand, eine Übergabe, eine Regel und die Gründe, die das Ritualbuch nennt.

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Quellen und weitere Lektüre

  1. 《春秋左氏传·哀公》(哀公四年经、哀公七年传;维基文库本,页面白文无注,未与中华书局点校本复核) — The chronicle's entry for the fourth year of Duke Ai, in the sixth month on the xinchou day: 亳社災, the Bo altar burned — five characters, with no explanation, and the tradition for that year says nothing about it. In the seventh year the same altar appears in use: Lu attacks Zhu, enters its palace, brings back its lord Yi, and 獻于亳社, presents him at the Bo altar, imprisoning him at Fuxia. So one page records a fire at the altar of a former dynasty and, four years later, a victory rite performed there.
  2. 《礼记·郊特牲》(维基文库本,页面白文无注,未与中华书局点校本复核) — The ritual rule: the altar sacrifices to earth and governs the yin qi, the ruler facing south at the north wall to answer the yin; the Son of Heaven's great altar must receive frost, dew, wind and rain so that the qi of heaven and earth may pass, and therefore 喪國之社屋之,不受天陽也。薄社北牖,使陰明也 — the altar of a destroyed state is roofed over and receives no heavenly yang, and the Bo altar has a north window so that the yin may be bright. The same chapter notes that the Son of Heaven keeps the descendants of the two former dynasties, though for no more than two.