Eine königliche Gabe kann so kurz sein wie sechs Posten: „Ich verleihe dir ein You-Gefäß mit Wein aus schwarzer Hirse; einen roten Bogen, hundert rote Pfeile; einen schwarzen Bogen, hundert schwarze Pfeile; vier Pferde“ (用賚爾秬鬯一卣;彤弓一,彤矢百;盧弓一,盧矢百;馬四匹). Sechs Posten, jeder mit einer Zahl; laut gelesen ist das eine Liste. Es sind die Worte des Königs an „Vater Yihe“ (父义和) in der „Weisung an den Marquis Wen“ (文侯之命), einem Kapitel des Buchs der Urkunden.
Sechs Posten in einer Weisung
Vor der Gabe steht eine Rede. Der König erinnert daran, dass Wen und Wu „sorgsam auf helle Tugend bedacht waren, so dass diese emporstieg und sich unten verbreitete“, dass die früheren Diener ihre Herrscher stützten, so dass „die Ahnen in ihren Sitzen ruhten“; dann spricht er von sich selbst, einem kleinen Kind, das „des Himmels große Schuld“ traf, ohne erprobte Amtsträger im Dienst; und dann von dem Mann vor ihm: „Du vermochtest deine leuchtenden Ahnen hell zu machen; du nahmst Wen und Wu zum Vorbild, sammeltest die Fürsten, um deinen Herrscher fortzuführen, und folgtest der Kindespflicht gegenüber den früheren Männern der Kultur. Du hast dich viel geübt und mich in der Not verteidigt“ (汝克昭乃顯祖……捍我于艱). Die Hälfte des Kapitels ist Rede, und kein einziger Gegenstand darin.
Die zweite Rede trägt Weisung und Gabe zugleich: „Kehre zurück und sieh nach deinen Truppen, beruhige dein Land. Ich verleihe dir ein You-Gefäß mit Wein aus schwarzer Hirse; einen roten Bogen, hundert rote Pfeile; einen schwarzen Bogen, hundert schwarze Pfeile; vier Pferde. Geh, Vater: sei sanft zu den Fernen, tüchtig gegenüber den Nahen, gütig und ruhig zu den kleinen Leuten, ohne Trägheit und Behagen“ (其歸視爾師……用成爾顯德). Die Gabe steht zwischen zwei Anweisungen, und der Text nennt sie nirgends eine Bedingung des Dienstes. Auch die Verben des Gebens sind verschieden: Die Weisung braucht 賚, das Gedicht braucht 釐 und 錫.
Ein Gegenstand, zwei Textsorten
Das Gedicht „Jiang Han“ (江汉) in den Großen Oden hat eine zweite Liste, ganz anders geschrieben. Es erzählt zuerst von Krieg und Grenzziehung: „Am Ufer von Jiang und Han befahl der König Zhao Hu: breite die vier Himmelsrichtungen aus, zieh meine Grenzen.“ Dann die Weisung: „Der König befahl Zhao Hu, zu mustern und zu verkünden … Eifrig erfülle deinen kriegerischen Dienst, so schenke ich dir Heil“ (肇敏戎公,用錫爾祉). Was tatsächlich gegeben wird, steht in der nächsten Strophe: „Ich schenke dir eine Jade-Kelle und ein You-Gefäß mit Wein aus schwarzer Hirse, und melde es den Männern der Kultur; ich schenke Hügel und Felder, empfange die Weisung in Zhou, aus der Weisung deines Ahnen Shao. Hu beugt das Haupt: der Himmelssohn zehntausend Jahre“ (釐爾圭瓚,秬鬯一卣,告于文人。錫山土田,于周受命,自召祖命).
Nebeneinander gelegt, teilen die beiden Seiten genau einen Gegenstand: „ein You-Gefäß mit Wein aus schwarzer Hirse“. Die Weisung fügt Bogen, Pfeile und Pferde hinzu, das Gedicht eine Jade-Kelle und „Hügel und Felder“ (山土田). Die Zahlen bilden ihren eigenen Kontrast: Pfeile erscheinen in Hunderten, Pferde als vier; das Land sind nur drei Zeichen, „Hügel und Felder“, ohne Flächenangabe und ohne Zahl der Bezirke. Die beiden lassen sich nicht zu einem „Standardpaket der Belohnung“ verschmelzen; sie lassen sich nur nebeneinander stellen. Die einzige rituelle Handlung, die das Gedicht festhält, steht in der Zeile „und melde es den Männern der Kultur“ (告于文人): Die Gabe wird den Ahnen gemeldet.
Das Gedicht ist ein Preisgedicht
Am Kopf der Jiang-Han-Seite steht die Mao-Vorrede: „Jiang Han: Yin Jifu pries König Xuan; er vermochte das Gesunkene zu heben und die Verwirrung zu ordnen, und befahl dem Herzog von Shao, die Huaiyi zu befrieden“ (《江漢》,尹吉甫美宣王也). Das ist ein Text der Han-Zeit, nicht das Gedicht selbst, und muss als solcher gekennzeichnet werden. Der Schluss des Gedichts lautet: „Hu beugt das Haupt und preist die Huld des Königs; er fertigt für den Herzog von Shao ein Gefäß; der Himmelssohn zehntausend Jahre“ (虎拜稽首,對揚王休). „Die Huld des Königs preisen“ ist die eigene Auskunft des Gedichts darüber, wozu es da ist; die Belohnung darin gehört zum Preis, nicht zur Buchführung.
Die „Weisung an den Marquis Wen“ ist eine Urkunde der Einsetzung: Der König spricht unmittelbar zu einem Untergebenen, beide Reden beginnen mit „Der König sprach“. Hier spricht ein König zu einem Diener, dort preist ein Dichter einen König; das ist der wichtigste Unterschied zwischen den beiden. Keine der beiden Seiten hält den Rhythmus der Gaben fest, Unterschiede des Ranges, eine Gegenleistung oder eine Ausführung: nicht wie oft, nicht welcher Rang was bekam, nicht was der Empfänger zurückgab, nicht wo und in welcher Reihenfolge etwas geschah.
Die Namen der Geräte: keine Anmerkung hier
Keines der Geräte – der Wein aus schwarzer Hirse, die Jade-Kelle, der rote Bogen, der schwarze Bogen, das You-Gefäß – ist auf einer der beiden Seiten erklärt. Die „Weisung“ ist reiner Text; die Jiang-Han-Seite trägt weder Mao-Kommentar noch Zheng-Xuan-Anmerkung, und ihr Abschnitt „Anmerkungen“ ist leer. So lassen sich nur die gängigen Glossen geben, und sie müssen als solche gekennzeichnet werden: Man nimmt im Allgemeinen an, dass ju (秬) schwarze Hirse ist, chang (鬯) ein duftender Wein, you (卣) ein Weingefäß, die Jade-Kelle (圭瓒) ein Schöpfgefäß aus Jade für die Libation, tong (彤) rot und lu (卢) schwarz. Wie diese Geräte aussahen und wie sie gebraucht wurden, sagen die Seiten nicht, und dieser Artikel füllt die Lücke nicht aus der Archäologie.
Die Mengen werden so wiedergegeben, wie sie dastehen: ein You Wein; ein roter Bogen und hundert rote Pfeile; ein schwarzer Bogen und hundert schwarze Pfeile; vier Pferde; und im Gedicht eine Jade-Kelle, ein You Wein, Hügel und Felder. Keine Bewertung, keine Umrechnung, keine Schätzung des Fassungsvermögens – „ein You“ wird nicht in Liter oder Scheffel verwandelt.
Was die beiden Seiten nicht haben
Kein Datum, kein Name: Die „Weisung an den Marquis Wen“ nennt kein Jahr, keinen Namen des Empfängers und keinen Namen seines Staates – nur „Vater Yihe“ (父义和). Man setzt den Text gewöhnlich an den Beginn der Östlichen Zhou; die alte Gleichsetzung mit dem Marquis Wen von Jin ist eine spätere Zuschreibung. Beides muss als Annahme gekennzeichnet bleiben, nie als das, was die Seite sagt. Es gibt keine Rangordnung der Gaben, keinen Rhythmus, keine Pflicht zur Gegenleistung, keine Aufzeichnung der Ausführung, keinen Wert. So schreibt dieser Artikel kein „System der Belohnungen der Zhou“, keine Kausalaussage, dass Gaben Loyalität kauften, und zieht keine Bronzeinschriften heran – das bräuchte einen anderen Quellenbestand. Ebenso wenig ist es dasselbe Thema wie der Beitrag der Seite über die Tributlisten: Dort geht der Tribut nach oben, hier kommt die Belohnung nach unten. Zusammen geben die beiden Seiten zwei Listen und ein Preisgedicht; über die Listen hinaus nichts. Ihr Schweigen gehört zur Bezeugung: Die Texte zählen Gaben auf und theoretisieren sie nie.
Weiterlesen:Das Gefäß für das Geld: Wie ein Markt der Streitenden Reiche funktionierte · Sechs Namen für eine Banknote: Wie das Jin-Reich sein Papiergeld immer wieder umbenannte · Die Märkte von Chang'an: ein Quadrat von 266 Schritten und ein Blatt Marktregister
Quellen und weitere Lektüre
- 《尚书·文侯之命》(维基文库本,未与点校本复核) — A royal charge, not a ceremony record. The king first recalls Wen and Wu and the former ministers, speaks of his own misfortunes and lack of veteran officers, and praises the addressee: 'You were able to make bright your illustrious ancestors… you have greatly cultivated yourself and defended me in hardship' (汝克昭乃顯祖……捍我于艱). Then the second speech: 'Return and look to your troops, pacify your state. I bestow on you one you-vessel of black-millet wine; one red bow, a hundred red arrows; one black bow, a hundred black arrows; four horses. Go, father: be gentle to the distant, able with the near…' (用賚爾秬鬯一卣;彤弓一,彤矢百;盧弓一,盧矢百;馬四匹……). The page is plain text: no date, no name for the recipient beyond 'Father Yihe', no commentary. The traditional identification with the Marquis Wen of Jin is a later account, and the dating to the early Eastern Zhou is the usual modern view; the page itself supplies neither.
- 《诗经·大雅·江汉》(维基文库本,未与点校本复核) — A six-stanza praise poem, with the Mao preface at its head: 'Jiang Han: Yin Jifu praised King Xuan; able to raise the fallen and set right disorder, he ordered the Duke of Shao to pacify the Huaiyi' (《江漢》,尹吉甫美宣王也). That preface is a Han composition, to be marked as such; the page has no Mao commentary or Zheng Xuan annotation, and its 'notes' section is empty. The reward lines: 'The king commanded Zhao Hu… Zealously discharge your martial service, and I shall bestow blessing on you' (肇敏戎公,用錫爾祉); 'I bestow on you a jade ladle and one you-vessel of black-millet wine, announcing it to the men of culture; I bestow hills and fields, receiving the charge in Zhou, from the charge of your ancestor Shao. Hu bows his head: the Son of Heaven ten thousand years' (釐爾圭瓚,秬鬯一卣,告于文人。錫山土田,于周受命,自召祖命。虎拜稽首,天子萬年). The poem closes with 'Hu bows his head and extols the king's bounty' (對揚王休) — praise is its business.




