Das Kapitel beginnt mit einer Definition, nicht mit einem Ritus: „Yu (虞) heißt zur Ruhe bringen. Wenn ein Ritter Vater oder Mutter bestattet hat, empfängt er den Geist zurück und opfert ihm am Mittag in der Totenhalle (殯宮), um ihn zur Ruhe zu bringen. Das Yu zählt innerhalb der fünf Klassen der Riten zu den unglückbringenden“ (虞,安也。士既葬其父母,迎精而反,日中祭之于殯宮以安之。虞於五禮屬凶). Dieser Satz ist der Kommentar des Zheng Xuan (郑玄), nicht der Ritualtext; die Seite stellt ihn trotzdem voran, weil das Wort Yu ohne ihn für einen Leser nichts bedeutet.

Ein Ritus am Mittag

Der Ritualtext selbst ist dünn. „Der Yu-Ritus des Ritters: ein einziges Schwein wird dargebracht“ (士虞禮。特豕饋食); „der Dienst wird am Mittag abgehalten“ (日中而行事); „geschlachtet wird westlich des Tempeltors, der Hausherr sieht nicht zu; das Schwein wird zerlegt“ (殺於廟門西,主人不視。豚解). Drei Sätze, und der Tagesplan steckt in ihnen: ein Begräbnis am Morgen, ein Schwein, das vor einem Tor geschlachtet wird, ein Dienst am Mittag.

Der Kommentar des Zheng Xuan füllt aus, was der Text weglässt. „Dargebracht“ wird erklärt als „eine Art des Gebens“ (饋猶歸也). Der Mittag wird begründet: „Begraben am Morgen, Yu am Mittag — der edle Mann handelt zur rechten Stunde des Tages. Das zweite und dritte Yu finden beide beim ersten Licht statt“ (朝葬,日中而虞,君子舉事必用辰正也。再虞、三虞皆質明). Dass der Hausherr dem Schlachten nicht zusieht, geschieht „weil man die Angelegenheiten der Trauer knapp hält“ (凡為喪事略也), und die Zerlegung ist „nur die Schenkel, der Rücken und die Rippen; wenn es gar ist, wird es in Teile zerlegt und in die Dreifüße gehoben“ (解前後脛脊脅而已,熟乃體解,升於鼎也). Nichts davon steht im Ritualtext; alles davon war, was ein späterer Leser brauchte.

Die Glosse: Ein Gastgeber aus Fleisch und Blut

Dann bringt der Ritualtext den Shi (尸) ins Spiel, den lebenden Vertreter des Ahnen: „Der Anrufer (祝) empfängt den Shi. Ein Mann in Hanftrauer (衰絰), der einen Korb (篚) trägt, folgt dem Shi weinend“ (祝迎尸。一人衰絰奉篚,哭從尸). Das Zeichen 尸 verleitet heute zu einer falschen Lesart; der Kommentar des Zheng Xuan wehrt sie sofort ab: „Der Shi ist der Gastgeber. Beim Opfer des frommen Sohnes sieht er die Gestalt seiner Eltern nicht, sein Herz hat nichts, woran es sich halten kann, darum wird ein Shi eingesetzt, der Herr des Sinns zu sein“ (尸,主也……立尸而主意焉). Ein lebender Mensch also, der an der Stelle des Ahnen sitzt und für die Dauer des Ritus wie der Ahne behandelt wird. Der Unterkommentar des Jia Gongyan fügt hinzu, dass der Shi aus der Generation der Enkel kommen muss.

Der Kommentar des Zheng Xuan erklärt weiter die Lücken des Textes. Wenn Hausherr und Anrufer sich vor dem Shi verneigen, um ihn zu „beruhigen“, sagt die Glosse: „Beruhigen heißt bequem sitzen“ (妥,安坐也); wenn der Hausherr nicht herunterkommt, um den Shi zu empfangen, sagt die Glosse: „In der Trauer führt man mit dem Schmerz, nicht mit der Ehrerbietung“ (喪事主哀不主敬); wenn der Shi sitzt, ohne die Schuhe abzulegen, sagt die Glosse: „Einem Geist dient man nicht in Bequemlichkeit“ (侍神,不敢燕惰). Wenn der Shi neunmal isst, sagt der Kommentar: „Nur neun Bissen: der Ritus des Ritters“ (九飯而已,士禮也), und der Unterkommentar des Jia Gongyan ergänzt die Stufen: das kleine Opfer (少牢) hat elf, die Fürsten dreizehn, der König fünfzehn.

Der Unterkommentar argumentiert

Die dritte Stimme ist der Unterkommentar des Jia Gongyan, geschrieben, um Zheng Xuans Glossen zu erklären. Wo Zheng ein Wort definiert, streitet Jia über die Definition. „Dargebracht“ bekommt eine ganze Seite: Jia zitiert das Zhouli (周禮) zu „Darbringen“ (獻) und „Geben“ (饋), das Liji (禮記·坊記) über die Gaben eines Sohnes an seine Eltern, das Lunyu (論語·鄉黨) über die Gabe eines Freundes und den Eintrag Shanfu (膳夫) — und schließt, dass „Darbringen“ dem Höhergestellten gilt, während „Geben“ zwischen den Rängen auf und ab läuft (獻雖主於尊……其云饋者,上下通稱). Ein Wort, vier Zitate.

Jia ist auch der, der einen Widerspruch repariert. Der Ritualtext sagt, das Schwein werde am „Tempeltor“ getötet; Zhengs Katalog sagt, das Opfer finde „in der Totenhalle“ (殯宮) statt. Jia: „Der Tempel, das ist die Totenhalle … Yu und das Ende des Weinens finden in der Kammer (寢) statt; das Aufstellen der Tafel im Tempel kommt später“ (廟則殯宮也……虞、卒哭在寢,祔乃在廟). Er erklärt auch das halbe Schwein: „Bei den glückbringenden Riten wird das ganze Tier verwendet, beide Hälften; hier heißt es ‚Seite‘, also nur eine Hälfte — weil es beim Yu keine Becherübergabe gibt“ (吉禮皆全,左右胖皆亨……以其虞不致爵).

Ein einziger Becher

Nachdem der Shi gegessen hat, bringt der Hausherr die erste Gabe dar: „Der Hausherr wäscht den fußlosen Becher (廢爵), schenkt Wein ein und bringt ihn dem Shi dar, um sein Essen zur Ruhe zu bringen. Der Shi verneigt sich und nimmt den Becher; der Hausherr, nach Norden gewandt, erwidert die Verneigung. Der Shi bringt den Wein dar und kostet ihn“ (主人洗廢爵,酌酒酳尸。尸拜受爵,主人北面答拜。尸祭酒,嘗之). Der Kommentar: „Ein Becher ohne Füße heißt fußloser Becher. Das Yin (酳) heißt, das Essen zur Ruhe bringen. Der Hausherr wendet sich nach Norden, um darzubringen und den Becher zurückzugeben: eine Abweichung vom glückbringenden Ritus. Jeder Unterschied ist eine Abweichung vom glückbringenden“ (爵無足曰廢爵。酳,安食也。主人北面以酳酢,變吉也).

Zum Becher gehört die Leber: „Ein ranghoher Gast bringt die Leber mit, legt sie auf die Opferplatte (俎), die Wurzel (柢) zum Shi gewandt und das Salz zur Rechten“ (賓長以肝從,實於俎,縮,右鹽). Der Kommentar sagt, in der Trauer werde „das Wurzelende dargebracht“ und „man zielt nicht auf den Geschmack“ (以喪不志於味). Wenn der Shi den Becher leert, „nimmt der Anrufer ihn; es gibt kein Geleiten des Bechers“ (不相爵), weil „bei Traueropfern die Zeremonie kurz gehalten wird“ (喪祭於禮略).

Der Ritus läuft dann weiter: der Shi vollzieht mit demselben Becher die Becherübergabe (致爵) an den Hausherrn; die Hausherrin wäscht einen Becher mit Füßen und bringt die zweite Gabe dar; ein ranghoher Gast bringt die dritte mit einem Becher, der an Mund und Fuß graviert ist. Hier endet der Abschnitt in Juan 42 (卷四十二); Juan 43 (卷四十三) setzt mit der Verabschiedung des Shi ein: „Der Shi erhebt sich; der Anrufer geht vor ihm her, ihm zugewandt“ (尸謖,祝前,鄉尸) — an der Tür, beim Hausherrn, an den Stufen wendet er sich ihm wieder zu.

Drei Stimmen, ein Mittag

Eine weitere Stimme steht außerhalb des Ritus. Das Liji, Kapitel „Tan Gong II“ (禮記·檀弓下), nennt den Grund für den Zeitpunkt, nicht den Ablauf: „Wenn das Grab geschlossen ist, macht der Hausherr sein Abschiedsgeschenk, und der Anrufer bleibt, um den Shi des Yu vorzubereiten“ (既封,主人贈,而祝宿虞尸). „Die Beamten stellen Matte und Tisch auf und legen links vom Grab eine Opfergabe nieder; sie kehren zurück, und am Mittag kommt das Yu. Das Yu am Begräbnistag geschieht, weil er einen Tag der Trennung nicht erträgt; an diesem Tag ersetzt das Yu die Speisegabe“ (葬日虞,弗忍一日離也。是日也,以虞易奠). Das ist Argument, nicht Vorschrift: es beantwortet, warum der Ritus nicht bis zum Morgen warten kann. Die drei Schichten tun verschiedene Arbeit. Der Ritualtext gibt die Handlungen und fast keine Gründe; der Kommentar des Zheng Xuan gibt die Bedeutungen und die Gründe; der Unterkommentar des Jia Gongyan gibt die Argumente, die Querverweise und die Reparaturen, wo Text und Kommentar nicht ganz zusammenpassen. Das Liji gibt das Argument, dass der Ritus notwendig ist. Als eine Stimme gelesen ist die Seite ein Durcheinander; als drei gelesen hält sie fest, wie ein Ritus verstanden wurde — von dem Mann, der die Handlungen aufschrieb, von dem, der sie Jahrhunderte später glossierte, und von dem, der die Glosse verteidigte.

Was die Seite nicht gibt, ist ebenso klar: keine vollständige Liste der Gefäße und Orte über die genannten hinaus, keine Angabe, wie oft eine Familie den Ritus vollzog, kein Beleg dafür, dass er je genau so ausgeführt wurde, wie er geschrieben steht. Das ist der Ritus eines Ritters, nicht ein Brauch des Dorfes. Aber am Mittag ist der Text genau: ein Schwein, ein Tor, ein Becher ohne Füße und ein lebender Mann, der auf dem Platz des Ahnen sitzt, während ein Sohn sich vor ihm verneigt, nach Norden gewandt.

Weiterlesen:Fünf Trauerstufen: eine Tabelle aus Verwandtschaft und Stoff · Drei Verbeugungen, dreimal Nachgeben: Das Trinkritual des Bezirks

Quellen und weitere Lektüre

  1. 《仪礼注疏》卷四十二·士虞礼第十四(汉郑玄注、唐贾公彦疏;维基文库本,未与点校本复核) — The three layers on one page. Zheng Xuan's opening comment: 'Yu is to set at rest; when a knight has buried his father or mother he welcomes the spirit back and at midday sacrifices in the mortuary hall; yu belongs to the inauspicious among the five classes of rites' (虞,安也……虞於五禮屬凶). The ritual text: 'a single pig is fed' (特豕饋食), 'the service is at midday' (日中而行事), 'killed west of the temple gate, the master does not watch, the pig quartered' (殺於廟門西,主人不視。豚解), 'the invocator welcomes the shi; one man in hemp, carrying a basket, follows weeping' (祝迎尸), the first offering with the footless cup (主人洗廢爵,酌酒酳尸), the liver brought by a senior guest (賓長以肝從), 'no escorting of the cup' (不相爵). Zheng's glosses: '饋猶歸也', '尸,主也……立尸而主意焉', '朝葬,日中而虞,君子舉事必用辰正也。再虞、三虞皆質明', '凡為喪事略也', '變吉也', '以喪不志於味', '九飯而已,士禮也'. Jia's sub-commentary: why only one half of the pig (虞不致爵), how the temple (廟) of the text is the mortuary hall (殯宮) because yu and the ending of weeping are in the chamber, the scale of helpings (少牢十一飯,諸侯十三飯,天子十五飯), and the argument over 獻 versus 饋.
  2. 《仪礼注疏》卷四十三(汉郑玄注、唐贾公彦疏;维基文库本,未与点校本复核) — The chapter's continuation, used here only for the sending-off of the shi: 'The shi rises; the invocator goes before him, facing him' (尸謖,祝前,鄉尸), and the turning at the door, at the master, at the steps (還,出戶,又鄉尸。還,過主人,又鄉尸。還,降階,又鄉尸); Zheng notes that the invocator 'must first face him, to give him the measure' (必先鄉之,為之節). The juan also supplies the rule that the shi comes from the grandson's generation (尸須得孫列者) and that male and female shi are separate, 'of different surname, not a low-born woman' (必使異姓,不使賤者).
  3. 《礼记·檀弓下》(维基文库本,未与点校本复核) — The argument, not the rubric: 'When the grave is sealed, the master makes his parting gift, and the invocator stays to prepare the shi of the yu' (既封,主人贈,而祝宿虞尸); 'the officers set mat and table with a deposit at the left of the grave, return, and at midday comes the yu. The yu on the day of burial is because he cannot bear one day's separation; on that day yu replaces the food-offering' (葬日虞,弗忍一日離也。是日也,以虞易奠); and 'yu sets up the shi, with a table and mat' (虞而立尸,有幾筵). Also 'the day is changed to the auspicious sacrifice' at the ending of weeping.