Zunächst die Zahlen. Eine Knochenwerkstatt der Shang: sieben Grabungsschnitte angelegt, 277 Quadratmeter tatsächlich ausgegraben. In diesen 277 Quadratmetern lagen acht Abfallgruben der Knochenverarbeitung, vier Töpferöfen, 116 Aschegruben, sechs Hausgrundrisse, sechs Brunnen und zwanzig Gräber (M16 blieb unausgegraben). Die Zahlen stammen aus einem Grabungsbericht, nicht aus einer Vermutung.

277 und 1.200

Der Bericht nennt zwei Flächen, die man auseinanderhalten muss. 277 Quadratmeter sind das, was ausgegraben wurde. Das durch Prospektion geschätzte Kerngebiet der Knochenverarbeitung umfasst „nicht weniger als 1.200 Quadratmeter“ – das ist die Ausdehnung unter der Erde, nicht die geöffnete Fläche. Die 277 Quadratmeter sind also nur eine Ecke der Werkstatt, und der Bericht behauptet selbst nicht, dass sie das Ganze seien. Die Fundstelle liegt nördlich des Dorfes Hanwangdu (韩王度村); etwa 200 m östlich liegt eine Bronze- oder Gießwerkstatt, und mit ihr verzahnt eine Töpferwerkstatt – drei Werkstätten nebeneinander, doch dieser Artikel folgt nur dem Knochen.

Die Töpferöfen, Häuser, Brunnen und Gräber, die dieselbe Grabung zutage brachte, gehören zum Bestand des Fundplatzes; sie lassen sich nicht allesamt als Anlagen der Knochenwerkstatt zählen. Der Bericht führt sie nebeneinander auf, und dieser Artikel führt sie ebenso auf. Direkt mit der Knochenverarbeitung verbinden lassen sich die acht Abfallgruben und das, was in ihnen lag.

Der Abfall ist die Hauptfigur

Die Einordnung des Berichts ist nüchtern: „Der größte Teil der Knochen ist Abfall, der mit der Knochenverarbeitung zusammenhängt: die Gelenkenden der Gliedmaßenknochen, die Schäfte, die nach dem Herausschneiden der Rohlinge übrig blieben, die Rohlinge selbst und ihr Ausschuss sowie die Abschnitte, die beim weiteren Zuschneiden der Rohlinge anfielen; dazu kommt eine kleine Menge halbfertiger Knochengeräte und beschädigter Stücke fertiger Geräte. Knochen, die kein Werkstattmaterial sind, sind wenige.“ Das Register einer Werkstatt besteht überwiegend aus Abfall, nicht aus Erzeugnissen.

Das passt zum Ablauf. Gelenkenden bedeuten, dass beide Enden abgeschnitten wurden; die zurückbleibenden Schäfte bedeuten, dass der Rohling entnommen war; aussortierte Rohlinge bedeuten, dass manche Rohlinge misslangen; Abschnitte bedeuten, dass das Stück noch in Form gebracht wurde. Fertige Ware ist knapp, weil sie die Werkstatt verließ; Abfall ist reichlich, weil er blieb. Um zu sehen, wie aus Knochen ein Gerät wurde, ist der Abfall nützlicher als das Erzeugnis.

Der Bericht nennt nur Wörter wie „der größte Teil“ und „eine kleine Menge“, keine Prozentzahlen, und dieser Artikel erfindet keine. Was er geben kann, sind die Einordnung und der Fundort: welche Art Abfall, aus welcher Grube.

Ein Rinderbein

Unter dem Knochenmaterial herrscht das Rind vor; Schwein, Hund und Schaf folgen, Hirschgeweih wird eigens gezählt – „das Geweihmaterial ist in der Regel die Geweihstange großer oder mittelgroßer Hirsche“. Die entnommenen Körperteile sind genau aufgeführt: Oberarmknochen, Speiche, Elle, Oberschenkelknochen, Schienbein, Mittelhandknochen, Mittelfußknochen, Unterkiefer, Schulterblatt und Rippe – überwiegend Gliedmaßenknochen, was zum Vorigen passt: Gliedmaßenknochen lassen sich zu streifenförmigen Rohlingen zuschneiden.

Am deutlichsten wird der Werkstattboden in der Fundschicht F2. An ihrer Basis lag eine 1,4 × 1 m große Ablagerung von Knochenabfall und Tierknochen, und darin „fanden sich mindestens sechs Stücke, deren proximale und distale Gelenke und die anhaftenden Knochen noch miteinander verbunden waren“ – Knochen, die noch nicht auseinandergenommen waren, der Zustand vor dem Herausschneiden des Rohlings. Mit ihnen kamen Knochenhaarnadeln, Knochenschöpfer, Knochenpfrieme sowie Orakelknochen und Orakelschildkrötenpanzer.

H29 liefert den Hinweis auf das Werkzeug: Keramikscherben und ein Wetzstein, die mit Knochenmaterial überlagert waren. Ein Wetzstein dient dem Schleifen. Sägen und Meißel werden im Bericht erwähnt, doch ihre Stückzahlen wurden hier nicht geprüft, deshalb gibt dieser Artikel keine Liste der Geräte. Die Tabellen 1 und 2 erfassen das Knochenmaterial Grube für Grube; die Spalte für H29 kommt auf mehr als dreitausend Stücke – eine Zahl aus einer statistischen Tabelle, nicht der Ausstoß der Werkstatt.

Bericht und Aufsatz

Neben dem Bericht steht eine Forschungsarbeit, und ihr Rang ist davon zu unterscheiden. Der Grabungsbericht ist primär: Grabungsschnitte, Schichten, Fundverbände – alles ist ausgegraben. Der Aufsatz von He Yuling (何毓灵) ist Deutung. Der Forscher argumentiert: „Die Produktion der Knochenwerkstatt war wirtschaftliches Handeln, ihre Produkte vor allem Waren zum Verkauf“, während der Bronzeguss „vor allem politisches Handeln“ gewesen sei, dessen Erzeugnisse politisch oder rituell verbraucht wurden. Das ist die Auffassung des Autors, nicht der Schluss des Berichts; dieser Artikel schreibt sie ihm zu und nicht dem Befund.

Die Forschungsarbeit enthält außerdem eine methodische Warnung: „Allein aus einer Abfallgrube mit Knochen zu schließen, dass in der Nähe eine große Werkstatt lag, ist offensichtlich kein ausreichender Beleg.“ Genau deshalb bleibt dieser Artikel innerhalb der 277 Quadratmeter: Eine Abfallgrube beweist, dass hier mit Knochen gearbeitet wurde; wie viel und in welcher Größe, dafür braucht es mehr als eine Grube.

Was hier nicht steht

Die Lücken: keine Zahl der Handwerker, keine Arbeitsstunden, kein Jahresausstoß; keine Prozentzahlen für die einzelnen Arbeitsschritte, nur „der größte Teil“ und „eine kleine Menge“; keine Stückzahlen für Sägen und Meißel; und keine Extrapolation von einer Werkstatt auf ganz Yinxu (殷墟). Die Haarnadeln und Orakelknochen aus F2 sind nicht die Produktpalette der ganzen Werkstatt, und dass die Fundstelle mit den Bronze- und Töpferwerkstätten verzahnt liegt, erlaubt es nicht, sie zu einer Summe zusammenzuzählen.

Was dieser Bericht also geben kann, sind die Knochen, Abfälle und halbfertigen Stücke innerhalb von 277 Quadratmetern und die Spuren, wie ein Rinderbein zerlegt wurde – Gelenke abgeschnitten, Schaft entnommen, Rohling geschnitten, in Form gebracht, geschliffen. Was er nicht geben kann, ist die Antwort auf die Frage, wie entwickelt die Knochenverarbeitung der Shang war. Man liest ihn als Register: Gruben zählen, Stücke zählen, Schichten lesen – nicht als Urteil.

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Quellen und weitere Lektüre

  1. 中国社会科学院考古研究所安阳工作队《河南安阳洹北商城制骨作坊2020—2022年发掘报告》,《考古学报》2025年第4期(PDF 50 页;维基文库无录文,未与纸本复核) — The primary excavation report. It records: seven trenches laid out, 277 square metres actually excavated; eight bone-waste pits, four pottery kilns, 116 ash pits, six house foundations, six wells and twenty burials (M16 left unexcavated); a surveyed bone-working core area of no less than 1,200 square metres north of Hanwangdu village, with a bronze-casting workshop about 200 m to the east and a pottery workshop interleaved with it. Most of the bone is production waste — joint ends, shafts left after blanks were cut, blanks and rejects, offcuts — with only a little semi-finished and broken finished work, and few bones that are not bone-working material. Cattle dominate, with pig, dog and sheep, plus deer antler; the parts taken are humerus, radius, ulna, femur, tibia, metacarpal, metatarsal, mandible, scapula and rib. In F2, a 1.4 by 1 m deposit of bone waste and animal bone at the base contained at least six pieces whose proximal and distal joints and attached bones were still connected, together with bone hairpins, bone ladles, bone awls, and oracle bones and shells. In H29 a whetstone lay superimposed with bone material. The report gives no number of craftsmen, no working hours and no output figures.
  2. 何毓灵《论殷墟手工业作坊遗址考古的相关问题》(研究论文,PDF 6 页;作者观点,非一手发掘记录) — A research paper, used only as attributed opinion, never as the report's conclusion. Its argument: 'in a sense the production of a bone workshop was economic behaviour, its products mainly commodities for sale, while the bronze casting that embodied the Bronze Age level of the Three Dynasties was mainly political behaviour, its products consumed politically or ritually' (制骨作坊的生产行为是经济行为,其产品主要是商品…铸铜生产主要是政治行为). It also warns that a waste-bone pit alone is 'clearly insufficient evidence' for concluding that a large workshop stood nearby — a methodological caution used in this article to explain why it stays inside the 277 square metres.