Die beste Zusammenfassung der Ansprache an Kang steht nicht in der Ansprache. Sie steht im Shiji: Als Kang Shu belehnt wurde, „fürchtete der Herzog von Zhou, Kang Shu sei zu jung, und wiederholte ihm seine Auflage: du mußt die tüchtigen Männer, die Edlen und die Alten der Yin suchen, sie fragen, warum ihre frühere Dynastie aufstieg und warum sie fiel, und dein Herz darauf richten, das Volk zu lieben“ (必求殷之賢人君子長者……而務愛民). Ein eben erobertes Land: die erste Weisung ist, die alten Männer der vorigen Dynastie zu befragen. Dieser Artikel handelt von dem Text, den diese Auflage einleitet — dem Kanggao, einer Verkündigung, keinem Gesetzbuch.

Eins: wer belehnt wurde, und wo

Zuerst der Hintergrund. Nach der Eroberung wurde der Rest der Yin Wu Geng, dem Sohn des letzten Shang-Königs, gegeben; als Guan Shu, Cai Shu und Wu Geng sich erhoben, „erhob der Herzog von Zhou auf Befehl König Chengs Truppen gegen die Yin, tötete Wu Geng und Guan Shu, verbannte Cai Shu und gab die übrigen Yin Wu Gengs Kang Shu als Herrn von Wei, damit er zwischen He und Qi auf dem alten Boden der Shang wohne“ (以武庚殷餘民封康叔為衞君,居河、淇閒故商墟). Der Ort ist genau — zwischen He und Qi, auf den Ruinen der Shang —, und der Mann war der jüngste leibliche Bruder König Wus.

Drei Texte begleiteten die Belehnung: „er sagte ihm, wie der Fall des letzten Shang-Königs aus der Trunksucht kam … er machte das Zicai, um zu zeigen, daß ein Edler ein Vorbild hat, und so heißen sie Kanggao, Jiugao und Zicai, mit denen er ihn beauftragte“ (告以紂所以亡者以淫於酒……故謂之《康誥》《酒誥》《梓材》以命之). Das Ergebnis steht in einem Satz: „als Kang Shu den Staat übernahm, gelang es ihm, weil er so beauftragt war, sein Volk in Eintracht zu sammeln, und das Volk war sehr erfreut“ (康叔之國……能和集其民,民大說). Später wurde er Justizminister der Zhou. Das ist alles, was die Seite über seine Regierung gibt — ein Satz — und dieser Artikel fügt nichts hinzu und erfindet keine Verwaltung.

Zwei: wessen ist der „König“, der spricht

Der ganze Text läuft über „der König sprach also“, und die ersten Worte sind: „Meng Hou, mein jüngerer Bruder, der kleine Feng“ (孟侯,朕其弟,小子封). Der Sprecher nennt den Herrn von Wei seinen jüngeren Bruder, ist also ein älterer Bruder Kang Shus. Das Shiji nennt ihn — der Herzog von Zhou „wiederholte ihm seine Auflage“. Eine verbreitete Lesart läßt den Herzog von Zhou für den jungen König Cheng sprechen; eine andere den König Cheng selbst. Beide stehen hier nebeneinander und werden nicht entschieden, und der Text dieses Artikels sagt nur „der König“. Eine Schicht mehr: Der Kopf der Seite schreibt das Kapitel Ji Dan, dem Herzog von Zhou, zu, während der Text nur „der König“ sagt — der Kopf ist spätere Herausgeberarbeit und kann nicht entscheiden, wer spricht.

Drei: ein Rückgrat aus vier Zeichen

Der Kern der Auflage ist vier Zeichen lang, und er beginnt mit dem Lob des Vaters: „dein großer und leuchtender verstorbener Vater, König Wen, vermochte die Tugend zu erhellen und in der Strafe vorsichtig zu sein, und wagte nicht, den Witwer und die Witwe zu verachten“ (惟乃丕顯考文王,克明德慎罰,不敢侮鰥寡). Dann wird dasselbe Maß Kang Shu in die Hand gegeben: „erhelle deine Strafen mit Sorgfalt“ (敬明乃罰). Diese Sätze werden als Sätze des Textes zitiert; dieser Artikel macht daraus keine Regierungslehre.

Was die Auflage zuerst verlangt, ist zu fragen. „Geh und suche allenthalben die früheren weisen Könige der Yin, um das Volk zu schützen und zu regieren. Laß nicht ab, die ehrwürdigen Alten der Shang weit im Sinn zu behalten, und nimm ihre Unterweisung zu Herzen“ (往敷求于殷先哲王……汝丕遠惟商耇成人,宅心知訓). Die „ehrwürdigen Alten“ werden gewöhnlich für alte Männer von bewährtem Wert gehalten; die Seite gibt keine Erklärung. Dieselbe Rede gibt „ein neues Volk machen“ (作新民) und ein Sprichwort über den Groll: „der Groll liegt nicht im Großen und nicht im Kleinen“ (怨不在大,亦不在小).

Vier: drei Maßstäbe des Urteils

Das schärfste Kriterium richtet sich nach der Absicht, nicht nach der Größe der Tat: „hat ein Mensch eine kleine Schuld, und ist es kein Versehen, sondern etwas, das er gewohnheitsmäßig und vorsätzlich getan hat, so muß er, obwohl seine Schuld klein ist, getötet werden. Hat er aber eine große Schuld, und ist es nicht Gewohnheit, sondern ein Versehen und ein Unglück, und hat er tatsächlich seine ganze Schuld bekannt, so darf er nicht getötet werden“ (人有小罪,非眚,乃惟終自作不典……乃不可不殺……乃有大罪,非終,乃惟眚災……時乃不可殺). 眚 wird gewöhnlich als Versehen oder Irrtum gelesen, 非眚 als das Gegenteil; die Seite erklärt keines von beiden.

Das zweite Kriterium betrifft die Zeit: „bei wichtigen Gefangenen denke fünf oder sechs Tage nach, bis zu einer Frist von zehn Tagen, und dann erst entscheide über die wichtigen Gefangenen“ (要囚,服念五六日,至于旬時,丕蔽要囚). Das wird als Auflage zitiert, festzuhalten und nachzudenken; dieser Artikel nennt es keine festgelegte Verfahrensfrist. Das dritte ist der Präzedenzfall: „in äußeren Angelegenheiten lege deine Maßstäbe dar und folge dieser Strafe der Yin in ihrer Ordnung“ (外事,汝陳時臬,司師兹殷罰有倫); „entscheide die Strafen nach dem beständigen Gesetz der Yin, indem du ihre passenden Strafen und passenden Tötungen gebrauchst, und folge nicht einfach dir selbst“ (罰蔽殷彝,用其義刑義殺,勿庸以次汝封). Die Strafe der Yin und das beständige Gesetz der Yin werden gewöhnlich für Präzedenzfälle und geltende Regeln der Yin gehalten (die Seite erklärt es nicht); dieser Artikel rekonstruiert kein Shang-Recht und zitiert keinen Orakeltext.

Fünf: die Strafe ist nicht deine

Der letzte Punkt des Kerns ist, daß die Macht zu strafen nicht dem Herrn gehört: „nicht du, Feng, tötest oder strafst Menschen — niemand töte oder strafe von sich aus; nicht du, Feng, sagst: ich schneide ihm Nase oder Ohr ab — niemand schneide sie von sich aus ab“ (非汝封刑人殺人,無或刑人殺人;非汝封又曰劓刵人,無或劓刵人). Die zwei Gleichnisse dazu sind sanfter: „als hättest du eine Krankheit, wird das Volk seine Fehler gänzlich ablegen; als hütetest du einen Säugling, wird das Volk in Frieden und gut regiert sein“ (若有疾,惟民其畢棄咎。若保赤子,惟民其康乂).

Eine weitere Klausel stellt Familienverbrechen hoch: „das große Übel und der große Haß — wieviel mehr bei Unkindlichkeit und Unfreundlichkeit“ (元惡大憝,矧惟不孝不友), mit Söhnen, die die Geschäfte des Vaters nicht besorgen, Vätern, die den Sohn nicht lieben, jüngeren Brüdern, die den Älteren nicht achten; für diese: „beeile dich, die Strafen anzuwenden, die König Wen gemacht hat; strafe sie ohne Pardon“ (曰乃其速由文王作罰,刑兹無赦). Zitiert, wie es steht; dieser Artikel dehnt es nicht zu einer ethischen Lehre.

Die Auflage schließt kurz: „geh, Feng. Vernachlässige nicht die ehrwürdigen Ordnungen; höre meine Auflage, und mit dem Volk der Yin wirst du dein Geschlecht von Generation zu Generation genießen“ (往哉,封!勿替敬典,聽朕告汝乃以殷民世享). Aber es bleibt eine Rede, kein Gesetzbuch: keine numerierten Artikel, keine Liste von Strafen. Was die beiden Seiten nicht geben: kein einzelner Fall, die Einzelheiten der Strafvollstreckung, Kang Shus tatsächliche Regierung über jenen einen Satz hinaus. Der Bau der neuen Hauptstadt in Luo, am Anfang erwähnt, gehört zu einem anderen Thema und wird nur gestreift; die Linie von Wei wird nicht verfolgt; keine Regierungsjahre werden in westliche Daten umgerechnet. Was die Seiten hinterlassen, ist eine Auflage, die Alten zu fragen, ein Kern von vier Zeichen, drei Kriterien und ein Satz, daß die Strafe nicht deine ist.

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Quellen und weitere Lektüre

  1. 《尚书·康诰》(维基文库本,未与点校本复核) — The proclamation itself, about 1,400 characters. The king addresses 'Meng Hou, my younger brother, the little one Feng' (孟侯,朕其弟,小子封), praises King Wen for being 'able to illustrate virtue and be cautious in punishment' (克明德慎罰), tells him to seek out the former wise kings of Yin and to keep in mind 'the venerable adults of Shang' (商耇成人), and to 'make a new people' (作新民); then the judicial charge — the small offence deliberately and habitually done that must be killed, the great offence by mischance and not repeated that must not be killed (非眚……乃惟終……/非終,乃惟眚災……時乃不可殺), the instruction to ponder important prisoners 'five or six days, up to a ten-day period' (要囚,服念五六日,至于旬時), the use of Yin precedent (司師兹殷罰有倫;罰蔽殷彝), the sentence that punishment is not the lord's own (非汝封刑人殺人), and the close 'do not neglect the reverent statutes… with the Yin people you shall enjoy your line for generations' (勿替敬典……殷民世享). The page carries editorial correction brackets in the text (庸(用), 衣(殷), 宅(度), 已(嘻) and many others); those are the transcribers' variant marks, not the original, and quotations here take the main text only. The page header attributes the chapter to Ji Dan (the Duke of Zhou), while the text itself says only 'the king'.
  2. 司马迁《史记》卷三十七〈卫康叔世家〉(维基文库本,未与点校本复核) — Why the proclamation was made: after the conquest the Yin remnant was given to Wu Geng, son of the last Shang king; when Wu Geng, Guan Shu and Cai Shu rebelled, the Duke of Zhou 'raised troops against Yin by King Cheng's command, killed Wu Geng and Guan Shu, banished Cai Shu, and gave Wu Geng's remaining Yin people to Kang Shu as lord of Wei, to dwell between the He and Qi on the old Shang ground' (以武庚殷餘民封康叔爲衞君,居河、淇閒故商墟). 'Fearing that Kang Shu was young, he repeated his charge to him: you must seek out the worthy men, gentlemen and elders of Yin, ask why their former dynasty rose and why it fell, and set your mind on caring for the people' (必求殷之賢人君子長者……而務愛民). Then the three texts, the one-line result ('he was able to harmonise and gather his people, and the people were greatly pleased' 能和集其民,民大説), and his later appointment as Zhou's minister of crime. The page has editorial -{…}- marks, which are not quoted.