Der berühmteste Satz über Speicher im Han shu (《漢書》) lautet: „Das Getreide der Großscheune 太倉 (tài cāng) lag Schicht auf Schicht, quoll über und türmte sich im Freien, verrottet und ungenießbar“ (太倉之粟陳陳相因,充溢露積於外,腐敗不可食). Er wird oft zitiert, um zu zeigen, wie viel Getreide das Han-Reich hatte. Er steht tatsächlich in dem Abschnitt über „die ersten siebzig Jahre bis zu Kaiser Wu“ und ist ein Rückblick auf den Überfluss — keine Bestandsaufnahme eines Speichers in einem bestimmten Jahr.
Die Großscheune und die Ever-Normal-Scheune
Die Großscheune stand in der Hauptstadt und nahm Getreide auf, das von östlich der Berge (關東) auf dem Wasserweg herangeschafft wurde, für den Bedarf der Hauptstadt. Im selben Kapitel heißt es zu Sang Hongyang (桑弘羊) und seinen Transportreformen: „Das aus dem Osten der Berge verschiffte Getreide stieg auf sechs Millionen shi 石 im Jahr, und in einem Jahr waren die Großscheune und der Ganquan-Speicher (甘泉倉) voll“ (山東漕益歲六百萬石……太倉、甘泉倉滿). Sechs Millionen shi sind eine verschiffte Menge, nicht die Kapazität eines Speichers; keine der beiden Seiten nennt Kapazitäten, Zahl der Speicher oder Personal der Han-Zeit. Sagen lässt sich nur der Zweck: Die Großscheune war der Hauptspeicher des Staates, und sie verwaltete den Durchfluss — wie viel hereinkam, wie viel hinausging.
Die Ever-Normal-Scheune 常平倉 (chángpíng cāng) war etwas anderes. Sie stand nicht in der Hauptstadt, sondern in den Grenz-Grafschaften (邊郡); sie zählte nicht den Durchfluss, sondern den Preis: Sie kaufte bei erhöhtem Preis, wenn das Getreide billig war, und verkaufte bei gesenktem Preis, wenn es teuer war. Der eine Speicher verwaltet, wohin das Getreide geht; der andere, wohin der Preis geht. Dieser Artikel handelt vom zweiten, von seiner Einrichtung bis zu seiner Abschaffung.
Fünf Käsch für eine shi
Der Anlass war ein Preis. Nachdem Kaiser Xuan (宣帝) den Thron bestiegen hatte, „wurden die Beamten meist nach Tugend ausgewählt, das Volk blieb auf seinem Land, die Jahre waren wiederholt reich an Ernte, das Getreide fiel auf fünf Käsch 錢 die shi, und die Bauern hatten wenig Gewinn“ (歲數豐穰,穀至石五錢,農人少利). Zu billiges Getreide schadet dem Erzeuger; darum ging es bei einer Ever-Normal-Scheune — das Gegenteil einer Knappheit.
Der Mann, der sie vorschlug, war Geng Shouchang (耿壽昌), als Gehilfe des Großdirektors für Landwirtschaft (大司農中丞) im Amt, „gut im Rechnen und fähig, Gewinn zu berechnen“, der in den Wufeng-Jahren eine Denkschrift einreichte. Er begann mit einer Transportrechnung: „Nach bisheriger Übung werden jährlich vier Millionen hu 斛 Getreide aus dem Osten der Berge zur Versorgung der Hauptstadt verschifft, mit sechzigtausend Soldaten. Es wäre gut, Getreide aus dem Hauptstadtbezirk, aus Hongnong (弘農), Hedong (河東), Shangdang (上黨) und Taiyuan (太原) zu kaufen, um die Hauptstadt zu versorgen; das könnte mehr als die Hälfte der östlichen Transporttruppen sparen“ (歲漕關東穀四百萬斛……可以省關東漕卒過半). Zuerst die Rechnung, dann die Institution.
Billig kaufen, teuer verkaufen
Dann der entscheidende Satz: „Shouchang schlug daraufhin vor, in allen Grenz-Grafschaften Speicher zu bauen, bei billigem Getreide zu erhöhtem Preis zu kaufen (糴, dǐ), um den Bauern zu nützen, und bei teurem Getreide zu gesenktem Preis zu verkaufen (糶, tiào), und nannte es Ever-Normal-Scheune; das Volk fand es zuträglich“ (邊郡皆築倉,以穀賤時增其賈而糴,以利農,穀貴時減賈而糶,名曰常平倉。民便之). Der Ort sind die Grenz-Grafschaften, nicht das ganze Reich; das Ergebnis sind drei Zeichen, „das Volk fand es zuträglich“ — das Urteil des Textes, keine statistische Erfolgszahl. Der Kaiser „erlässt ein Edikt und verleiht Shouchang den Rang eines Markgrafen innerhalb der Pässe“.
Xiao Wangzhi widerspricht
Sie wurde nicht einmütig beschlossen. Der kaiserliche Sekretär Xiao Wangzhi (蕭望之) reichte eine Denkschrift mit einer anderen Rechnung ein: „Nun will Shouchang in der Nähe Getreide kaufen und es innerhalb der Pässe verschiffen, Speicher bauen und Boote herstellen, mit Kosten von mehr als zwanzig Millionen, und mit der Arbeit, Volksmassen zu bewegen; ich fürchte, das erzeugt Dürre und bringt Unheil über das Volk“ (費直二萬萬餘,有動眾之功). Und über den Mann: „Shouchang ist geübt darin, Gewinn nach Bruchteilen eines Käsch zu berechnen; seine tiefen Pläne und weiten Erwägungen sind wahrlich nicht verlässlich; es wäre gut, es vorerst so zu lassen“ (習於商功分銖之事……宜且如故). Der Kaiser „hörte nicht darauf“. Im selben Zusammenhang stritt Xiao auch gegen eine Erhöhung der Abgabe auf den Meeresfisch und sagte, als die Abgabe in früheren Jahren erhöht wurde, kamen die Fische nicht mehr. Die beiden Argumente stehen im Text nebeneinander, sind aber nicht ein Satz; sicher ist nur: Der Finanzbeamte schlug einen Speicher vor, der Aufsichtsbeamte widersprach mit den Kosten und der „Bewegung von Volksmassen“, und der Kaiser wählte den ersteren.
Kaiser Yuan schafft sie ab
Die Scheune bestand bis zum Thronwechsel. Bei der Thronbesteigung Kaiser Yuans (元帝) gab es „große Überschwemmungen im Reich, und elf Grafschaften östlich der Berge waren besonders betroffen“; im zweiten Jahr „litt Qi Hunger, das Getreide erreichte über dreihundert Käsch die shi, viele verhungerten, und in der Grafschaft Langya (琅邪) aßen Menschen einander“. Unmittelbar danach heißt es im Text: „Die Konfuzianer am Hofe sagten vielfach, die Salz- und Eisenämter, das Beijia-Feldamt (北假田官) und die Ever-Normal-Scheune könnten abgeschafft werden, da sie mit dem Volk um Gewinn stritten. Der Kaiser folgte ihrem Rat und schaffte alles ab“ (在位諸儒多言……毋與民爭利。上從其議,皆罷之). In dem Moment, in dem das Getreide von fünf Käsch auf dreihundert gestiegen war, wurde die Scheune zusammen mit den Salz- und Eisenämtern zu den Konkurrenten des Volkes gezählt. Eine Zeile folgt: „Später, als die Ausgaben nicht reichten, wurden allein die Salz- und Eisenämter wiederhergestellt“ (其後用度不足,獨復鹽鐵官). Die Ever-Normal-Scheune kam nicht zurück. Das ist das Ende dieser Linie: eingerichtet, betrieben, bekämpft, abgeschafft — alle vier Schritte auf dieser einen Seite des Han shu, ohne eine spätere Geschichte von zwei Jahrtausenden Fortdauer.
Du You (杜佑) erzählt im Tongdian (《通典》), Juan 12, dieselbe Geschichte, doch es ist eine Enzyklopädie der Tang-Zeit, die das Han shu fast wörtlich abschreibt: Sie ist als Parallele zu lesen, nicht als zweiter unabhängiger Zeuge zu zählen. Sie fügt je eine Zeile für die Spätere Han-Zeit hinzu („im fünften Jahr Yongping wurde die Ever-Normal-Scheune eingerichtet“) und für die Jin („im vierten Jahr Taishi wurde eine Ever-Normal-Scheune errichtet, bei Überfluss gekauft, bei Mangel verkauft“), und nicht mehr. Dasselbe Juan führt auch Tang-Zahlen für das achte Jahr Tianbao an, darunter „die Großscheune, 71.270 shi“ — eine Rechnung der Tang-Zeit unter einem Namen, den auch die Han-Zeit verwendete; die Zahl lässt sich nicht in die Han-Zeit zurückrechnen und wird hier nicht benutzt. Ebenso wenig ist dies dasselbe Thema wie der Beitrag dieser Seite über die Speicher der Sui- und Tang-Zeit: Jener folgt der Arbeit im Inneren eines Speichers, dieser fragt, warum der Staat überhaupt Speicher baute.
Die Lücken sind deutlich: Keine der beiden Seiten nennt Kapazität oder Zahl der Speicher der Han-Zeit, Personal, die Standorte der Scheunen oder ein Maß dafür, ob die Scheunen die Preise beruhigten; „das Volk fand es zuträglich“ ist das Urteil des Textes. Die Preise werden so wiedergegeben, wie sie stehen (fünf Käsch die shi, über dreihundert), ohne Umrechnung in moderne Kaufkraft, ohne Kapazitätsschätzungen, ohne Architektur. Der Staat baute Speicher nicht nur, um Getreide zu lagern; die Ever-Normal-Scheune wollte den Preis verwalten — doch diese Seite gibt ihr einen Anfang und ein Ende und dazwischen wenig.
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Quellen und weitere Lektüre
- 《汉书》卷二十四·食货志(东汉;维基文库本,未与点校本复核) — Two kinds of store and one policy. The imperial granary in the capital: 'the grain of the Grand Granary lay layer on layer, brimming over and piled outdoors, rotting and unfit to eat' (太倉之粟陳陳相因,充溢露積於外,腐敗不可食) — a retrospective of the first seventy years, not a storehouse statistic; and under Sang Hongyang's transport reforms, 'the grain shipped from east of the mountains rose to six million shi a year, and in one year the Grand Granary and the Ganquan Granary were full' (山東漕益歲六百萬石……太倉、甘泉倉滿). The Ever-Normal Granary: under Emperor Xuan, 'years were repeatedly abundant and grain fell to five cash a shi, so farmers profited little' (歲數豐穰,穀至石五錢,農人少利); the grand director of agriculture's assistant Geng Shouchang, 'good at calculation and able to reckon profit', proposed in the Wufeng years to buy grain from the metropolitan and neighbouring commanderies to supply the capital and 'save more than half' of the 60,000 transport troops; then 'ordered every frontier commandery to build granaries, buying at a raised price when grain was cheap to help the farmer, selling at a reduced price when it was dear, and calling it the Ever-Normal Granary; the people found it convenient' (邊郡皆築倉……名曰常平倉。民便之), and the emperor granted him the rank of marquis within the passes. The imperial secretary Xiao Wangzhi objected, putting the cost at 'more than twenty million' and calling Geng 'versed in calculating profits by fractions of a cash; his deep plans are not to be relied on' (習於商功分銖之事……宜且如故); the emperor did not listen. On Emperor Yuan's accession, after great floods and a famine in Qi where 'grain reached three hundred cash a shi', the Confucians said the salt and iron offices, the Beijia field office and the Ever-Normal Granary 'contended with the people for profit' and all were abolished; later, when funds ran short, 'only the salt and iron offices were restored' (獨復鹽鐵官) — the barns were not.
- 《通典》卷十二·食货十二·轻重(唐杜佑;维基文库本,未与点校本复核) — A Tang encyclopaedia, used only as a parallel and explicitly not as an independent Han source: it retells the Han story almost word for word (漢宣帝時,歲數豐穰……名曰常平倉,人便之……元帝即位,罷之), then gives one line each for the Later Han (明帝永平五年,作常平倉) and the Jin (泰始四年,立常平倉,豐則糴,儉則糶). The same chapter also lists Tang storehouse totals for the eighth year of Tianbao — including 'the Grand Granary, 71,270 shi' — which are Tang figures under a Han-sounding name and are not used in this article.




