Am Nordufer des Huan (洹河), am nordöstlichen Rand der Fundstätte Yinxu (殷墟) bei Anyang, liegt eine zweite ummauerte Stadt. Gefunden wurde sie 1999, nach Untersuchungen, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen; der Grundriss ist annähernd quadratisch, die Fläche beträgt etwa 4,7 Quadratkilometer, und ihr Rand überschneidet sich leicht mit der 1961 vom Staatsrat festgelegten Schutzgrenze von Yinxu. Sie ist nicht Yinxu. Sie ist eine andere Stadt, älter als Yinxu, und das ist das Erste, was über sie zu sagen ist. Der Bericht von 2002 ist eine Zeitungsmeldung über die Grabung: Nach acht Monaten Arbeit habe sich das Palastfundament Nr. 1 „klar und unmittelbar den Menschen gezeigt“, und die Existenz der Stadt sei „weiter bestätigt“ worden.

Zwei Städte, zwei Perioden

Getrennt werden die beiden Städte durch die Zeit. Der Bericht von 2002 zitiert den Ausgräber Tang Jigen (唐际根): Huanbei (洹北商城) und seine Reste füllten die Lücke zwischen der frühen Shang-Kultur, für die Erligang (二里岗) bei Zhengzhou steht, und der späten Shang-Kultur, für die Yinxu steht, und ergänzten damit das chronologische Gerüst der Shang-Kultur. Wenn das zutrifft, gehört die Stadt in die mittlere Shang-Zeit, nicht in die späte; sie ist älter als Yinxu und darf nicht als Teil davon behandelt werden. Ein Anyang, zwei Shang-Städte, und zwischen ihnen eine Periode. Das ist eine Aussage über die Abfolge der Shang-Kultur, und sie hängt davon ab, dass das Material der Stätte tatsächlich das ist, wofür die Ausgräber es halten.

Über die Stadt selbst sagt der Bericht wenig. Sie liegt dicht am Nordufer des Huan, am nordöstlichen Außenrand von Yinxu, und überschneidet die Schutzgrenze von 1961 ein wenig. Die ummauerte Fläche ist annähernd quadratisch und etwa 4,7 Quadratkilometer groß. Über Mauerlänge, Torzahl und Straßenverlauf steht in dem hier benutzten Bericht nichts; nur Umriss und Fläche. Wer den künstlichen Graben gezogen hat, wann und warum, sagt der Bericht nicht; der Schnitt war einfach da und ließ sich nutzen.

Wo der Palast lag

Im Herbst 2001 nutzten die Ausgräber den Schnitt eines künstlichen Grabens, um eine große Gruppe von Palastfundamenten aus gestampfter Erde im südlichen Abschnitt der Nord-Süd-Achse zu lokalisieren. Die Gruppe misst in Nord-Süd-Richtung 500 Meter und in Ost-West-Richtung mehr als 200 Meter; ihr westlicher Teil liegt unter der Eisenbahnlinie Peking–Guangzhou und der Nationalstraße 107 und wurde nicht sondiert. Nach dem Bericht ist die Gruppe in ihrer Größenordnung mit dem Palast- und Ahnentempelbezirk nordöstlich des Dorfes Xiaotun (小屯) in der älteren Anlage von Yinxu vergleichbar. Xiaotun ist der Palastbezirk der späten Shang; der Vergleich besagt „so groß wie die alte Anlage“, nicht „derselbe Bautyp“.

Die Gruppe besteht aus 25 einzelnen Fundamenten aus gestampfter Erde. Das Fundament Nr. 1 liegt südlich der Achsmitte, leicht nach Osten versetzt, und folgt einem hui-förmigen Grundriss (回): rund 170 Meter in Ost-West-Richtung, 90 Meter in Nord-Süd-Richtung, insgesamt etwa 16.000 Quadratmeter. Sockel, Pfostenlöcher, Stufen und Torwege sind erhalten. Der Südflügel hat zwei Torwege von fünf Metern Breite; die Haupthalle steht mehr als 0,7 Meter über dem damaligen Bodenniveau; vor ihren Stufen fand man zerteilte Tierknochen, die bei Opfern verwendet worden waren. Die Pfostenlöcher folgen einem klaren Muster, aus dem sich der Grundriss rekonstruieren lässt. Der hui-Grundriss ist ein auf vier Seiten geschlossener Hof – ein Quadrat im Quadrat; der Bericht nennt die einzelnen Flügel und setzt die beiden Torwege in den Südflügel.

Wessen Stadt

Die Textseite ist weniger hilfreich, als sie aussieht. In den Annalen des Shiji (《史记》) heißt es, als Pan Geng (盘庚) den Thron bestieg, habe „Yin bereits nördlich des Flusses“ gelegen; Pan Geng sei nach Süden über den Fluss gegangen, „zur alten Wohnstätte des Cheng Tang (成汤) zurückgekehrt“, habe fünfmal verlegt, ohne festen Ort, und schließlich „den Fluss nach Süden überquert und in Bo (亳) regiert“. Das Shiji sagt nicht, Pan Geng sei nach Yin gezogen; „Pan Geng zog nach Yin“ ist eine spätere Formulierung. Dass Yinxu eine Hauptstadt der späten Shang war, ist durch die Orakelknochen und durch die Grabung gesichert. Die Entsprechung zwischen den Texten und den beiden Stätten ist deshalb nicht in einem Satz herzustellen. Pan Gengs Rede, wie das Shiji sie wiedergibt, beruft sich auf die Gründer: „Einst haben der hohe Ahn Cheng Tang und die Ahnen eurer aller die Welt geordnet; seine Regeln lassen sich pflegen.“

Tang Jigen wird mit den Worten zitiert, Huanbei sei eine Shang-Hauptstadtstätte, die durch gezielte, über Jahre geführte Untersuchungen „aktiv gefunden“ worden sei, und ihre Entdeckung helfe zu verstehen, warum die Shang die Gegend von Yinxu als Hauptstadt wählten. Welchem König die Stadt aber gehörte und in welchem Verhältnis sie zu Pan Geng steht, bleibt in dem Bericht offen. Die Zuschreibung ist eine Arbeitshypothese, und dieser Artikel behandelt sie als solche. Der Bericht nennt für die Stadt keine absoluten Daten; ihre Datierung beruht auf dem Argument der zeitlichen Lücke, nicht auf einer Abfolge von Befunden.

Die Grenzen eines Berichts

Der Text von 2002 ist ein Zeitungsbericht, kein Grabungsbericht. Die oben genannten Maße sind die des Berichts; eine publizierte Mauerlänge, eine Torzahl, ein Straßenplan oder eine Datierungsabfolge gibt es in dem hier benutzten Material nicht. Der Bericht enthält auch die Aussage, Huanbei habe den größten bisher gefundenen Einzelbau der Shang, und alle vier Shang-Königsstädte lägen in Henan; das sind Rangordnungen und Zuschreibungen des Berichts, und sie werden hier nicht als Messdaten verwendet. Der Text liest sich als Pressebericht über einen Besuch: Er nennt Reporter und Grabungsteam und liefert keine Profile, keine Stratigraphie und keine Keramikzählungen.

Messbar ist die Größenordnung: rund 4,7 Quadratkilometer ummauerte Fläche; eine Fundamentgruppe von 500 auf 200 Metern; ein Bau von 170 auf 90 Metern und etwa 16.000 Quadratmetern; Torwege von 5 Metern Breite; eine Halle, die 0,7 Meter über dem damaligen Boden liegt. Das sind die Zahlen des Berichts, und sie werden als solche zitiert. Die Zahlen sind im Bericht gerundet – „etwa 4,7“, „mehr als 200“, „rund 16.000“ –, und hier werden sie gerundet zitiert.

Was sich sagen lässt und was nicht

Die Grenzen: Die mittlere Shang ist nicht die späte Shang; der Bericht ist kein Grabungsbericht; die Bestimmung der Stadt und ihre Datierung sind Hypothesen, keine Befunde; die beiden Städte werden nicht zusammengelegt; die Rangordnungen des Berichts werden nicht übernommen; Mauer-, Tor- und Straßendaten werden nicht erfunden; und Yinxu heißt nicht Huanbei, Huanbei nicht Yinxu. Für keine der beiden Städte wird ein Jahr genannt.

Es bleibt ein schlichter Befund mit großen Folgen: Anyang hat zwei Shang-Städte. Die eine ist das späte Yinxu mit Orakelknochen, Palast und Königsgräbern; die andere ist das ältere Huanbei, eine quadratische Stadt mit einer großen Palastfundamentgruppe auf ihrer Achse. Wie die beiden zusammenhängen und wessen Hauptstadt Huanbei war, darüber streitet das Material noch. Aber seit 1999 stimmt der Satz „Anyang hat nur eine Shang-Hauptstadt“ nicht mehr. Zwei Städte, eine schlichte Tatsache; die zweite hat die Frage verändert.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 司马迁《史记》卷三·殷本纪 (Sima Qian, Shiji, juan 3, 'Basic Annals of Yin') — The literary passage used here: when Pan Geng came to the throne the Yin had already been settled north of the river; he crossed south, returned to the old dwelling of Cheng Tang, moved five times with no fixed place, and finally 'crossed the river south and governed at Bo'. The text does not say that Pan Geng moved to Yin; that formulation is later. Used only as the literary side, not as a record of the Huanbei site.
  2. 《河南日报》〈河南洹北商城发现大型宫殿基址群〉2002-06-24(新浪转载页)(Henan Daily, 'Large palace foundation group found at Huanbei Shang city', 24 June 2002; Sina repost) — Newspaper report, not an excavation report. The site was found in 1999 after surveys from the 1960s, close to the north bank of the Huan and at the north-eastern outer edge of Yinxu, slightly overlapping the 1961 protected area; the walled area is roughly square and about 4.7 square kilometres. In autumn 2001 a section cut by an artificial ditch revealed a palace foundation group on the southern part of the north-south axis, 500 m north-south and over 200 m east-west (west part under the railway and highway, unprobed); 25 separate rammed-earth foundations; foundation no. 1 on a hui-shaped plan, about 170 by 90 m, some 16,000 sq m, with two 5 m gateways in the south wing, the main hall more than 0.7 m above the old ground, dismembered animal bones before its steps, and post-holes regular enough to reconstruct the plan. Tang Jigen is quoted saying the site fills the gap between Erligang early Shang and Yinxu late Shang.