Im Jahr 221 v. Chr., die Kriege waren eben zu Ende, wurde das neue Reich in Kommandanturen geteilt und das Volk in „Schwarzköpfe“(黔首)umbenannt. Die Annalen zählen dann auf, was mit den Waffen des Reiches geschah — eingezogen, eingeschmolzen, zu Glocken und zwölf Metallstatuen gegossen —, und schließen mit drei kurzen Sätzen: „Die Gesetze und die Maße für Gewicht, Hohlmaß und Länge wurden vereinheitlicht; die Achsen wurden auf dieselbe Spurweite gebracht; die Schrift wurde zu einer einheitlichen Schrift gemacht.“ Das ist alles, was die Shiji(《史记》)über die Schrift sagt. Keine Schriftart wird genannt, kein Verfahren angegeben, kein Beamter benannt.

Was die Annalen sagen — und was nicht

Im sechsten Kapitel, den „Annalen des Ersten Kaisers“(秦始皇本纪), heißt es: „Das Reich wurde in sechsunddreißig Kommandanturen geteilt, jede mit einem Gouverneur, einem Kommandanten und einem Inspektor. Das Volk wurde in Schwarzköpfe umbenannt. Es gab ein großes Fest. Die Waffen des Reiches wurden eingesammelt und nach Xianyang gebracht, eingeschmolzen zu Glocken und Gestellen, und zwölf Metallstatuen, jede tausend shi(石), in den Höfen des Palastes aufgestellt. Die Gesetze und die Maße für Gewicht, Hohlmaß und Länge wurden vereinheitlicht. Die Achsen wurden auf dieselbe Spurweite gebracht. Die Schrift wurde zu einer einheitlichen Schrift gemacht.“ Drei Sätze stehen nebeneinander: ein Standard für die Maße, eine Breite für die Achsen, eine Weise zu schreiben. Der Annalist führt sie als dieselbe Art von Sache — vom Staat gesetzte Normen. Der Wortlaut ist 書同文字, vier Zeichen; spätere Zeiten kürzten ihn zu 書同文, und beim Zitieren sind die beiden nicht zu verwechseln.

Dasselbe Kapitel überliefert auch die Inschriften der östlichen Rundreisen des Kaisers. Auf dem Stein von Langya(琅琊刻石)aus dem Jahr 219 v. Chr. steht: „Geräte und Maße einheitlich, die Schriftzeichen gleich“(器械一量,同書文字). Die Behauptung war also auch in Stein gehauen, nicht nur in den Annalen notiert. Doch das Kapitel sagt nirgends, in welcher Schrift die Steine gehauen wurden oder welche Schrift die Kreise für ihre Dokumente verwendeten. Es hält das Ergebnis fest — „gleich“ — und überlässt den Vorgang einem anderen.

Dreihundert Jahre später

Dieser andere ist Xu Shen(许慎), der in der Östlichen Han-Zeit schrieb. Das Vorwort zu seinem Wörterbuch Shuowen jiezi(《说文解字·叙》)sagt, im Zeitalter der sieben Staaten hätten „die Felder verschiedene Maße, die Wege verschiedene Spurweiten, Gesetze und Verordnungen verschiedene Fassungen, Kleidung und Kopfbedeckung verschiedene Formen, die Sprache verschiedene Laute und die Schriftzeichen verschiedene Gestalten“ gehabt(田疇異畝,車涂異軌,律令異法,衣冠異制,言語異聲,文字異形). Das ist eine spätere Zusammenfassung, keine Erhebung; wie sehr die Schrift der sechs Staaten tatsächlich abwich, lässt sich mit diesen beiden Büchern nicht messen, und dieser Text versucht es nicht. Xu Shen stellt die Stelle zudem in eine längere Geschichte: Die Schrift begann mit Cangjie(苍颉), die Formen änderten sich durch die Zeitalter, und unter König Xuan von Zhou(周宣王)verfasste der Großhistoriograph Shizhou(太史籀)fünfzehn Kapitel in großer Siegelschrift(dazhuan 大篆), die von der älteren Schrift hier und da abwich — eben jene Schrift, die der Auftrag des Li Si(李斯)später zusammenstrich.

Dann, im selben Vorwort, folgt der Vorgang: „Als der Erste Kaiser von Qin das Reich zum ersten Mal vereinte, trug der Kanzler Li Si darauf an, sie gleichzumachen, und schaffte ab, was nicht mit der Qin-Schrift übereinstimmte. Li Si verfasste das Cangjie(仓颉篇); der Vorsteher der kaiserlichen Wagen, Zhao Gao(赵高), verfasste das Yuanli(爰历篇); der Großhistoriograph Huwujing(胡毋敬)verfasste das Boxue(博学篇). Alle nahmen sie die große Siegelschrift des Shizhou und kürzten oder änderten sie hier und da — das ist es, was man die kleine Siegelschrift nennt.“ Auf zwei Verben liegt das Gewicht: abschaffen, und kürzen-oder-ändern. Die kleine Siegelschrift(xiaozhuan 小篆)war nicht aus dem Nichts erfunden; sie war die alte Schrift, zusammengestrichen. Die drei Bücher waren Fibeln zum Zeichenlernen. Eine Norm, die als Schulbuch ausgegeben wurde: Kanzler, Wagenvorsteher und Großhistoriograph stellten je eines zusammen.

Die Schrift auf dem Schreibtisch

Das Vorwort fährt fort: „Zu dieser Zeit verbrannte Qin die Klassiker und tilgte die alten Urkunden. In Massen wurden Dienstpflichtige zu Garnisonsdiensten ausgesandt. Die Schreibarbeit der Ämter und Gefängnisse wuchs schwer, da entstand zuerst die Kanzleischrift(lishu 隶书), um schnell und einfach zu sein(初有隸書,以趣約易); und die alte Schrift endete damit.“ Nach Xu Shen ist also die normative Form eine Schicht und die Hand am Schreibtisch eine andere; die zweite war nicht die Norm des Staates, sondern die Geschwindigkeit von Leuten, die Arbeit zu erledigen hatten. Das Reich hatte, dieser Darstellung zufolge, auf einmal zwei Schriften: eine für die Norm, eine für den Schreibtisch.

Dasselbe Vorwort zählt die „acht Schriften Qins“(秦书八体)auf: große Siegelschrift, kleine Siegelschrift, Kerbzeichen(刻符), Wurmschrift(虫书), Stempelschrift(摹印), Aufschrift(署书), Waffenschrift(殳书)und Kanzleischrift. Jeder Name weist auf einen Gebrauch — Beglaubigungszeichen, Siegel, Beschriftungen, Waffen —, doch die Liste ist Xu Shins Einteilung, kein amtliches Qin-Statut, und darf nicht als vom Hof erlassene Schriftordnung gelesen werden. Das Vorwort selbst zeigt, wo die Liste praktisch wurde: Unter der Han wurden Anwärter in den acht Schriften geprüft, bevor sie Schreiber werden durften. Das ist eine Han-Prüfung, kein Qin-Gesetz.

Was die Quellen nicht zeigen

Zwei Bücher sind alles, was dieser Text benutzt, und die Lücken sind zu benennen. Wie die Anordnung, nicht passende Formen abzuschaffen, durchgesetzt wurde, wie lange das dauerte und was ein Kreisschreiber tatsächlich schrieb, steht in keinem der beiden Bücher. Die archäologische Schicht — die ausgegrabenen Qin-Dokumente selbst — ist hier bewusst ausgelassen: Für diesen Text ließ sich keine aufschlagbare Ausgabe der Bambusstreifen mit den Abschriften verifizieren, deshalb wird aus ihnen keine Behauptung abgeleitet und kein Fundstück angeführt. Das ist eine Lücke, keine Schlussfolgerung.

Die beiden Quellen sind auch verschiedene Arten von Text. Die Shiji ist eine Erzählung aus der Westlichen Han-Zeit, rund ein Jahrhundert nach den Qin, und gibt die Linie des Hofes: es sei gleich gemacht worden. Das Vorwort des Shuowen jiezi ist eine Schriftgeschichte aus der Östlichen Han-Zeit, mehr als dreihundert Jahre danach, und gibt eine Erklärung: wie es gleich gemacht wurde und was gleich gemacht wurde. Keine zitiert die andere, und die beiden Stellen lassen sich nicht zu einer fortlaufenden Akte zusammensetzen.

Wie die zwei Schichten zu lesen sind

Zusammengenommen lässt sich sagen: Qin stellte die Schrift neben Gewichte und Achsspurweiten als einen Standard, den der Staat zu vereinheitlichen gedachte; und dreihundert Jahre später beschrieb ein Gelehrter der Han, wie dieser Standard aus älteren Formen zusammengestrichen wurde und warum die Hand am Schreibtisch einen anderen Weg nahm. Nicht sagen lässt sich: dass alle im Reich die kleine Siegelschrift schrieben (Xu Shen selbst sagt, die Kanzleischrift sei bereits entstanden), dass die Vereinheitlichung vollständig gelang (ihre Reichweite wird in der Forschung diskutiert) oder dass dies das erste derartige Unternehmen der Welt gewesen sei. Ein Satz mit einer Rangliste gehört hier nicht hin.

So hinterlässt der Erlass zwei Schichten. Die eine ist die Ergebnissprache des Hofes: ein paar Sätze, neben Gewichten und Achsen abgelegt. Die andere ist eine Erklärung dreihundert Jahre später, die zwei Wörter liefert — „hier und da gekürzt oder geändert“ und „Kanzleischrift“. Zwischen beiden liegt die Schicht, die keines der Bücher gibt: die Zeile, die ein Kreisschreiber eines Morgens auf ein Holzbrett schrieb. Die Quellen lassen uns die Absicht und die Erklärung sehen. Der Schreibtisch fehlt.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 司马迁《史记》卷六·秦始皇本纪(西汉;维基文库本,未与中华书局点校本复核) — Western Han narrative, about a century after the Qin. For the twenty-sixth year (221 BCE), after the empire was divided into thirty-six commanderies, it gives the result in three clauses: the laws and the measures of weight, volume and length were unified; axles were made the same gauge; writing was made the same script (書同文字 — four characters, not the later abbreviation 書同文). The chapter says nothing about which script was used, how the rule was enforced, or who carried it out. It does quote the eastern tour inscriptions at length; the Langya stele of the twenty-eighth year (219 BCE) repeats the claim as 器械一量,同書文字. That is still a claim, not a description of practice.
  2. 许慎《说文解字·叙》(东汉;维基文库本) — A retrospective written more than three centuries after the Qin, by an Eastern Han scholar. It says the seven states had different field measures, axle gauges, laws, dress, speech and 'different forms of writing' (文字異形); that Li Si proposed to abolish forms not matching Qin writing (罷其不與秦文合者) and compiled the Cangjie primer with Zhao Gao and Huwujing; that the three primers took the great seal script of the Shizhou and 'abbreviated or altered it here and there' (或頗省改), which is what is called the small seal script; and that because administrative and prison paperwork multiplied, 'clerical script first appeared, for speed and ease' (初有隸書,以趣約易). Its list of the eight Qin scripts is the author's classification, not an official statute. No Qin document is quoted in it.