Im achten Monat des neunten Jahres Jian'an (204) wurde das Osttor von Ye (邺城) von innen geöffnet: Shen Rong (审荣), der Neffe des Stadtkommandanten Shen Pei (审配), ließ in der Nacht die angreifenden Truppen ein. Von da an besaß Cao Cao (曹操) die Stadt. Die Zeit ist genau zu fassen: Das ist das Ende der Östlichen Han, der Han-Kaiser Xiandi (汉献帝) war noch im Amt, und den Staat Wei gab es noch nicht — Cao Cao war damals unter den Han Gouverneur der Provinz Ji (冀州牧); erst im fünften Monat des achtzehnten Jahres Jian'an (213) wurde er zum Herzog von Wei ernannt, mit zehn Kommandanturen von Ji als Staatsgebiet, und erst damit wurde Ye Hauptstadt von Wei. Nachdem Cao Pi (曹丕) die Han abgelöst hatte (220), war die Hauptstadt von Wei Luoyang, und Ye zählte zu den „fünf Hauptstädten“. Beschrieben wird hier die nördliche Stadt Ye, wie sie in den gut zehn Jahren danach neu geordnet wurde.

1. Erst fällt die Stadt, dann wird sie umgebaut

Nach dem Wudi ji (《三国志·魏书·武帝纪》) wurde im fünften Monat das Wasser des Zhang (漳水) in die Stadt eingelassen, und „mehr als die Hälfte der Menschen darin verhungerte“; im achten Monat öffnete Shen Rong, der Sohn von Shen Peis Bruder, in der Nacht das Osttor, und Ye war befriedet. Im neunten Monat erging der Befehl, „für dieses Jahr keine Abgaben zu erheben“, und das Gesetz gegen die Landaneignung mächtiger Häuser wurde verschärft; der Kaiser machte den Herzog zum Gouverneur von Ji. Der Shui jing zhu (《水经注》) zitiert den Xiandi chunqiu (《献帝春秋》): der Belagerungswall habe „vierzig li im Umfang“ gehabt, und Cao Cao habe ihn „in einer Nacht verstärkt, zwei zhang breit und tief, und das Zhang-Wasser hineingeleitet“. Die Stadt wurde aus dem alten Ye der Familie Yuan umgebaut, nicht auf leerem Grund neu angelegt. Im Frühjahr des dreizehnten Jahres Jian'an (208) war er wieder in Ye und „legte den Xuanwu chi (玄武池) an, um seine Seesoldaten zu üben“; wohin die ausgehobene Erde kam — der Pressebericht sagt, sie sei zu hohen Plattformen aufgeschüttet worden; dieser Text hält nur diesen einen Satz fest.

Die Daten der Terrassen sind klar: im Winter des fünfzehnten Jahres Jian'an (210) „errichtete man die Tongque tai (铜雀台/铜爵台)“; im fünften Monat des achtzehnten Jahres (213) wurde er zum Herzog von Wei ernannt, im neunten Monat „errichtete man die Jinhu tai (金虎台) und grub einen Kanal, der das Zhang-Wasser in den Bai-Kanal leitete, um bis zum Fluss zu reichen“. Der Shui jing zhu sagt, die drei Terrassen hätten „alle die Stadtmauer als Fundament“ — die Mauer diente als Sockel, die Terrassen waren kein Garten draußen vor der Stadt.

2. Eine Mittelachse von siebzehn Metern

Die Archäologie hat die Straße vermessen. Im Süden liegen drei Nord-Süd-Achsen; die mittlere ist „bis zu 17 Meter breit“ und endet nicht an der Ost-West-Achse, sondern läuft nach Norden in den Palastbezirk weiter und verbindet das Zhongyang-Tor (中阳门), das Zhiche-Tor (止车门), das Duan-Tor (端门) und die Wenchang-Halle (文昌殿) zu einer Linie; im mittleren Norden wurden 10 Stampflehmfundamente als Palastbezirk bestimmt, symmetrisch zu dieser Achse. Die Stadt hat nur eine Ost-West-Achse, etwa 13 Meter breit; sie teilt die Stadt in zwei Hälften, und Osttor und Westtor liegen „weit auseinander und doch einander gegenüber, von gleicher Breite, im Wesentlichen auf einer geraden Linie“.

Die Reihenfolge ist der eigentliche Blickpunkt dieser Stadt: zuerst war die Straße da, dann die Stadt. Das Zhongyang-Tor liegt genau vor der 17-Meter-Achse, die Straße führt bis an das Zhiche-Tor, weiter innen folgen Duan-Tor und Wenchang-Halle. Der Leiter der Ausgrabung, He Liqun (何利群), nennt sie „die erste große Hauptstadt Chinas mit einer symmetrischen Mittelachse“ — das ist das Urteil des Grabungsteams, als Zitat wiedergegeben, nicht als gesicherte Tatsache, und es wird auch nicht gesagt, sie habe das Kaogong ji (《考工记》) kopiert.

3. Sieben Tore: die Namen aus der Literatur, die Breiten von der Kelle

Nach dem Shui jing zhu hat Ye „sieben Tore“: im Süden Fengyang (凤阳门), Zhongyang (中阳门) und Guangyang (广阳门), im Osten Jianchun (建春门), im Norden Guangde (广德门) und Jiu (厩门), im Westen Jinming (金明门), auch Weißes Tor genannt. Die Archäologie hat Breiten gemessen: 800 Meter südlich der Südostecke liegt ein Torplatz, „die Toröffnung 22 Meter breit“, davor eine Barbakane; in der Nord- und der Südmauer wurde je ein Tor gefunden, „die Toröffnungen durchweg 20 Meter breit“. Vom Mauerstück bei Hongshan stehen noch 800 Meter Länge, 3 bis 5 Meter Breite und 2 bis 3 Meter Höhe; an den meisten Abschnitten ist nur noch der Stampflehm-Fundamentgraben da. Wie hoch die ursprüngliche Mauer war, ist nicht überliefert.

Es gibt zwei Sätze von Maßen. Die Archäologie: 2620 Meter von Ost nach West, gut 1700 Meter von Nord nach Süd; die Literatur: nach dem Shui jing zhu „sieben li von Ost nach West, fünf li von Nord nach Süd“, „außen mit Ziegeln verkleidet, alle hundert bu ein Turm“. Der Pressebericht nennt außerdem „etwa siebzehn li Umfang“; das ist aus 2620 mal 1700 errechnet, keine Messung, und wird hier nicht als Messwert verwendet. Umfang des Palastbezirks, Zahl der Wards, Einwohnerzahl, Bauzeit, Arbeitskräfte, Kosten, Tiefe der Tordurchgänge: nichts davon ist vorhanden.

4. Die drei Terrassen: die Nordwestecke der Stadt

Die drei Terrassen stehen in der Nordwestecke in einer Reihe an der Stadtmauer: im Süden die Jinhu tai (金虎台), später Jinfeng tai (金凤台), in der Mitte die Tongque-Terrasse, im Norden die Bingjing tai (冰井台). Vermessen wurde an der Jinfeng-Terrasse der Unterbau: 122 Meter von Nord nach Süd, 78 Meter breit, 12,5 Meter hoch, ganz aus Stampflehm — und das ist nur das Fundament der Terrasse; der eigentliche Körper hat „über dem Boden einen 12 Meter hohen Stampflehmbau, darunter einen 8 Meter tiefen Fundamentgraben“, die Stampfschichten je 11 bis 13 Zentimeter. Von der Tongque-Terrasse ist nur die Südostecke übrig, die Bingjing-Terrasse wurde vom Zhang-Fluss zerstört; die Höhen gibt es nur noch in der Literatur: nach dem Shui jing zhu „zehn zhang hoch, mit 101 Räumen“ für Tongque, „acht zhang hoch, mit 109 Räumen“ für Jinhu, „ebenfalls acht zhang hoch, mit 145 Räumen“ für Bingjing, oben eine Eis-Kammer, „die Brunnen fünfzehn zhang tief“, Eis und Graphit gelagert, dazu Getreide- und Salzkeller. Bei der Fertigstellung der Tongque-Terrasse ließ Cao Cao seine Söhne hinaufsteigen und Gedichte verfassen.

Das Wasser kam von Westen. Nach dem Shui jing zhu „leitete Cao Cao das Zhang-Wasser westlich der Stadt nach Osten ein; es lief unter der Tongque-Terrasse hindurch, verschwand und strömte in die Stadt nach Osten; man nannte es den Changming gou (长明沟)“; beiderseits des Kanals lagen Straßen, Seitenarme bewässerten das Land; das „Gedicht vom Besteigen der Terrasse“ mit der Zeile „den Changming heranführen, die Straßen und Gassen bewässern“ meint diesen Kanal. Westlich der Stadt lag das Tianjing yan (天井堰): „auf zwanzig li zwölf Stufen, je dreihundert bu auseinander“. Die Westmauer der Stadt ist bis heute nicht nachgewiesen — westlich der Jinfeng-Terrasse liegt bis fünf Meter Tiefe nur Flugsand, und der Pressebericht hält es für möglich, dass der Zhang-Fluss sie zerstört hat; „nicht nachgewiesen“ wird geschrieben, nicht „nicht vorhanden“.

5. Was aus dieser Stadt wurde

Nachdem Cao Pi die Han abgelöst hatte (220), war die Hauptstadt von Wei Luoyang. Der Shui jing zhu nennt Ye „die Grundlage des königlichen Werks“ und stellt es mit Qiao, Xuchang und Chang'an zu den „fünf Hauptstädten“. Die Östliche Wei und die Nördliche Qi bauten südlich der Stadt ein südliches Ye; beide Städte teilen eine Mauer, und jene ist eine andere Stadt — dieser Text beschreibt nur die nördliche Stadt Ye. Die „zehn zhang“ sind Literatur eines nördliche-Wei-zeitlichen Autors, keine erhaltene Messung; von der Tongque-Terrasse steht nur die Südostecke, und in einem Suchgraben kam ein zwei Meter langer Drachenkopf (螭首) aus blaugrauem Stein zutage.

Was sich aus dieser Stadt ablesen lässt, ist eine Reihe konkreter Dinge: eine 17-Meter-Achse, die zu Palasttor und Halle führt; eine 13-Meter-Achse, die die Stadt teilt; sieben Tore und zwei Zahlen — 22 Meter und 20 Meter; drei Terrassen in der Nordwestecke, Stampfschichten von 11 bis 13 Zentimetern. Wie lange die Belagerung dauerte, wie viele Jahre die Mauer brauchte, wie viele Menschen eingesetzt wurden — in den Materialien steht davon nichts. Die Stadt wurde zuerst erobert und erst danach neu geordnet.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 《三国志》卷一·魏书·武帝纪(西晋陈寿撰;维基文库本,页标 textquality 75%,部分人名地名已校中华书局 1982 年 2 版) — The dates: Ye taken in the eighth month of 204 after the Zhang river was let into the city; tax remitted and the law against great households tightened the same autumn; appointed governor of Ji province; the naval pond of 208; the Bronze Sparrow Terrace built in the winter of 210; made Duke of Wei in 213 with the ten commanderies of Ji as his state, the Golden Tiger Terrace and the channel to the Bai canal in the ninth month of that year.
  2. 《水经注》卷十·浊漳水(北魏郦道元注;维基文库本) — The literary side, written some three centuries after the events: the city seven li east-west and five li north-south, faced with brick, a tower every hundred paces; the seven gate names; the three terraces built on the wall itself, the Bronze Sparrow a hundred and one rooms, the Golden Tiger a hundred and nine, the Ice Well a hundred and forty-five with wells fifteen zhang deep; the Changming channel led in from the west under the terrace; the Tianjing weir of twelve drops; Ye as one of the five capitals.
  3. 张小英〈邺城肇始——考古揭示埋藏千年的中国都城秘密〉(《北京日报》2023-12-12,访谈徐光冀、何利群) — Survey report, not a final excavation report: the walled city 2,620 m east-west by just over 1,700 m north-south; gate passages 22 m and 20 m wide; the single east-west avenue about 13 m, the central north-south avenue 17 m running from the Zhongyang gate to the Zhiche gate, Duan gate and Wenchang hall; ten rammed-earth building platforms in the palace zone; the Jin Feng terrace platform 122 by 78 m and 12.5 m high, rammed layers 11-13 cm; the circumference of about seventeen li is computed from the sides.