Südöstlich von Lindong, im Bairin-Left-Banner der Inneren Mongolei, steht ein Stück Stampflehmwand noch 6 bis 9 Meter über dem Boden. Draußen, in Abständen von 95 bis 105 Metern, sitzt ein quadratischer Mauerpfeiler (mamian 马面). Von oben gesehen hat die Stadt die Form des chinesischen Zeichens 日 (ri, ›Sonne‹): im Norden die Kaiserstadt, im Süden die unregelmäßige Han-Stadt, und in der Kaiserstadt, östlich der Mitte, eine kleine quadratische Umwallung, die Palaststadt. 918 hieß sie zunächst Kaiserhauptstadt, 938 wurde sie in Shangjing (上京) umbenannt, die erste der fünf Hauptstädte der Liao (辽).
1. Zuerst die Kaiserstadt, dann Palaststadt und Han-Stadt
Nach dem Liao shi (《辽史》), Geographischer Traktat, wurde der Sitz Linhuang (临潢府) »im dritten Jahr der Ära Shence ummauert und Kaiserhauptstadt genannt«; im dreizehnten Jahr der Ära Tianxian erhielt er den Namen Shangjing. Der Text nennt zwei Maßstäbe: die Außenstadt »2 zhang (丈) hoch, ohne Wehrtürme, 27 li (里) im Umfang«; »der nördliche Teil heißt Kaiserstadt, 3 zhang hoch, mit Wehrgängen«. Die Messung stimmt beim zweiten überein: die Stampflehmwände der Kaiserstadt stehen in der Regel 6 bis 9 Meter über dem Boden, was zu »3 zhang« passt. Drei Dinge sind auseinanderzuhalten: die im Text genannte ursprüngliche Höhe, die heute gemessene Höhe und die 2 bis 4 Meter, die von den Wänden der Han-Stadt übrig sind. Das Grabungsteam schließt aus der Prospektion auf diese Reihenfolge: 918 zuerst die Kaiserstadt, an allen vier Seiten mit quadratischen Mauerpfeilern; erst 926 begann der vollständige Ausbau von Palaststadt und Han-Stadt, also der »äußeren Umwallung« (fuguo 郛郭). Das ist aus der Prospektion erschlossen, nicht im Text belegt.
Die vier Wände der Kaiserstadt sind gemessen: Südwand 1619,6 Meter, Nordwand 1513,4, Ostwand 1492,3; die Westwand verläuft nicht gerade, sondern knickt an beiden Enden nach innen, drei Abschnitte zusammen 1861 Meter. Die Han-Stadt ist schlecht erhalten; es bleiben drei Abschnitte — Ost 1223,4, Süd 1609,1, West 1220,9 Meter —, mit 2 bis 4 Metern Resthöhe, ohne Mauerpfeiler und ohne Barbakanen. Der Bericht gibt die Fläche beider Städte zusammen mit rund fünf Quadratkilometern an. Die »siebenundzwanzig li im Umfang« des Textes werden hier nicht gegen die Messung umgerechnet: addiert man die Restlängen der Wände, kommen etwas über zwölf Kilometer heraus, und diese Zahl ist eine Summe, kein gemessener Umfang. Die Restlänge ist nicht die ursprüngliche Länge.
2. Tore, die nach Osten öffnen
Die Palaststadt liegt östlich der Mitte der Kaiserstadt und nimmt etwa ein Fünftel ihrer Fläche ein. Drei Tore sind gesichert: das Osttor Donghua (东华) in der Mitte der Ostwand, ein Hallentor mit drei Durchgängen (yi men san dao 一门三道); das Südtor Chengtian (承天) und das Westtor Xihua (西华) sind Sturz-Tore mit je einem Durchgang; die Nordwand hat kein Tor. Die Palastmauer ist dünn: die Hauptmauer 2,5 bis 2,9 Meter an der Sohle, an der Südwand und am Südende der Ost- und der Westwand 6 bis 6,85 Meter, darunter 2 bis 3 Fundamentgräben, außen ein Wallgraben. Auch die Restlängen der vier Palastmauern sind gemessen: Ostwand 464,4 Meter, Südwand 785,7, Westwand 777,6, von der Nordwand sind 623,5 Meter ergraben.
Die Kaiserstadt hat je ein Tor auf jeder Seite, nach dem Liao shi: Andong (安东) im Osten, Dashun (大顺) im Süden, Qiande (乾德) im Westen, Gongchen (拱辰) im Norden. Das Südtor ist vom Shali-Fluss zerstört; die Torstellen im Osten, Westen und Norden sind an der Oberfläche noch klar, alle mit einer Barbakane, und außerhalb dreier Wände läuft ein Wallgraben. Der Rangunterschied zeigt sich an den Durchgängen: das Osttor der Kaiserstadt und das Osttor der Palaststadt haben drei Durchgänge, das Westtor der Kaiserstadt sowie das Süd- und das Westtor der Palaststadt je einen. Die Straße vor dem Osttor der Palaststadt ist mindestens doppelt so breit wie die vor ihrem Südtor.
3. Eine Gruppe von Hallen, nach Osten gerichtet
Innerhalb des Osttors der Palaststadt liegt eine Gruppe von drei großen Bauwerksfundamenten, alle nach Osten ausgerichtet, mit der Rückseite nach Westen. Die Anlage der Halle 1 ist die größte: rechteckiger Podestgrundriss, die Wände mit Ziegeln verkleidet, Nord-Süd rund 48 Meter, Tiefe Ost-West rund 26,2 Meter; das Grabungsteam hält sie für das größte Gebäude der Palaststadt und für die Haupthalle des Kaisers. Das Osttor der Kaiserstadt, das Osttor der Palaststadt, diese nach Osten gerichteten Hallen und die Straße dazwischen bilden eine Ost-West-Achse.
Dass dem Osten Vorrang zukam, ist die Beurteilung des Grabungsteams, nicht eine Aufzeichnung der Liao selbst. Dong Xinlin (董新林) sagt, das Osttor sei groß und ranghoch und müsse das Haupttor von Kaiserstadt und Palaststadt sein; »archäologisch ist damit bewiesen, dass in Liao Shangjing eine Vorrangstellung des Ostens bestand«. Dieses Urteil wird hier als Zitat wiedergegeben, nicht als Feststellung. Es wird nichts über Sitten und Bräuche der Khitan (契丹) hinzugefügt, keine Erklärung also, das ganze Volk habe nach Osten geschaut, weil es den Osten verehrte. Der Vergleich mit den Jin bleibt ein einziger Satz: deren Shangjing (上京) und Zhongdu (中都) liegen auf einer Nord-Süd-Achse, diese Stadt auf einer Ost-West-Achse.
4. Mauerpfeiler und zwei Höhen
An allen vier Wänden der Kaiserstadt sitzen außen Mauerpfeiler, 43 sind erhalten, je zwei liegen 95 bis 105 Meter auseinander, im Grundriss quadratisch, der höchste erhaltene etwa 13 Meter. Diese Zahl lässt sich gegen das Liao shi lesen: die Außenstadt »ohne Wehrtürme«, die Kaiserstadt »mit Wehrgängen« — und die archäologisch gesehenen Mauerpfeiler sitzen tatsächlich an der Mauer der Kaiserstadt. Text, Prospektion und erhaltene Resthöhe sind jeweils eigene Aussagen.
Auch was fehlt, muss gesagt werden: Für den Gesamtumfang beider Städte gibt es keine Messung, nur die Summe der Restlängen der einzelnen Wände. Über Tiefe und Aufbau der Tore ist außer »drei Durchgänge / ein Durchgang« nichts bekannt. Genaue Straßenbreiten fehlen; bekannt ist allein das Verhältnis, dass die Straße vor dem Osttor mindestens doppelt so breit ist wie die vor dem Südtor. Von den Palastbauten hat nur Halle 1 Maße. Bevölkerung, Bauzeit, Arbeitskräfte und Kosten: dazu keine einzige Angabe.
5. Die Kaiserstadt gehört der Verwaltung, die Han-Stadt dem Handel
Nach dem Liao shi lagen in der Kaiserstadt das Amt des Reichsverwesers (liushou siya 留守司衙), das Salz- und Eisenamt (yantie si 盐铁司) und die Longsi-Straße (龙寺街); im Süden die Präfektur und der Kreis Linhuang; im Südwesten die Reichsakademie (guozijian 国子监), ein Konfuziustempel und der Jieyi-Tempel (节义寺); im Nordwesten der Anguo-Tempel (安国寺), der alte Wohnsitz der Kaiserin Qitian (齐天皇后) und der Wohnsitz der Yuanye (元妃); südwestlich des inneren Palastes das Seidenweberamt (lingjinyuan 绫锦院), das Amt des Inneren (neisheng si 内省司), das Weinamt (quyuan 曲院), die beiden Speicher Shanguo und Shengsi (赡国、省司) und die Acht Werkstätten (bazuo si 八作司). Behörden, Tempel, Werkstätten und Speicher lagen alle innerhalb der Kaiserstadt.
Die Han-Stadt lag südlich davon: »gegen die Querstraße, mit Türmen einander gegenüber, darunter Reihen von Läden und Brunnen«; östlich des Südtors das Uigurenlager (Huihu 回鹘营), in dem uigurische Händler, die in Shangjing blieben, angesiedelt wurden; im Südwesten die Poststationen Tongwen (同文驿) und Linhuang (临潢驿), die Gesandte der verschiedenen Reiche und die Gesandten des Tangut-Staates empfingen. Hu Jiao (胡峤), der die Stadt Mitte des zehnten Jahrhunderts selbst gesehen hatte, notierte: in Shangjing gab es Häuser und Marktstände, »der Handel geschieht ohne Münzen, mit Stoff«, dazu Seidenwebereien, ein Musikamt (jiaofang 教坊), Mönche, Nonnen und Daoisten. Die Archäologie hat zudem am Westhang eine buddhistische Tempelanlage bestätigt, die in der Liao-Zeit gegründet wurde; im Fundament des zentralen Pagodenbaus kamen zahlreiche plastische Buddhafiguren aus Ton zutage. Die Kaiserstadt verwaltete Behörden und Werkstätten, die Han-Stadt trieb Handel; bezahlt wurde mit Stoff, nicht mit Geld.
Quellen und weitere Lektüre
- 《辽史》卷三十七·地理志一(元脱脱等修;维基文库本,未与中华书局点校本复核) — Shangjing: built in 918 and renamed the Supreme Capital in 938; the outer city two zhang high, without fighting towers, twenty-seven li in circuit; the northern imperial city three zhang high with parapets, its four gates named; the southern Han city with its cross street, two-storey shops, the Uighur camp and the two post stations; Hu Jiao's tenth-century note that trade used cloth rather than coin. Yuan compilation, page marked textquality 50%.
- 董新林〈辽上京规制和北宋东京模式〉(瓷网转载页,2021-01-20;非原刊,原刊出处本轮未核到) — Repost page on a ceramics website, not the original publication; the journal issue is not verified in this round and is marked pending. Content: research article by a member of the Liao Shangjing excavation team, not a final report — the sun-shaped plan of two cities; imperial city walls standing 6-9 m above ground, 43 bastions 95-105 m apart, four walls of 1619.6, 1513.4, 1492.3 and 1861 m; the palace enclosure about a fifth of the imperial city, its three gates and the east gate of three passages; the east-facing hall group and the 48 by 26.2 m first hall; the Han city walls and their surviving 2-4 m; the 918 and 926 building sequence.
- 阿荣〈穿越千年的辽上京遗址〉(《内蒙古日报·草原云》,中国日报转载 2024-08-26) — Archaeological report, not a final excavation report: built 918, expanded 926, renamed the Supreme Capital in 938; sun-shaped plan, about 5 sq km in all; both the imperial city's east gate and the palace enclosure's east gate have three passages, while the west gates and the palace south gate have one; the street outside the palace east gate is at least twice the width of the one outside its south gate; a Buddhist temple on the west slope.




