Im Oktober 1996 wurden in einem alten Brunnen (Nr. J22) an der Zoumalou-Straße (走马楼) am Wuyi-Platz in Changsha (长沙), Provinz Hunan, mehr als hunderttausend datierte Holzschriftstücke aus der Zeit des Staates Sun Wu (孙吴) der Drei Reiche geborgen – mehr, als damals in ganz China an Schriftstücken ausgegraben worden war. Der Fund zählt zu den hundert großen archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts und zu den zehn großen archäologischen Neuentdeckungen Chinas des Jahres 1996. In diesem Bestand lag ein Bündel besonders großer Tafeln aus Tannenholz, die Landpacht verzeichnen: Für jeden Haushalt der „吏民“ – der Bediensteten und der einfachen Leute – halten sie fest, wie viel Land gepachtet wurde, welches Stück von Dürre betroffen war, wie viele Mu normalen Ertrag brachten, wie viel Reis, Stoff und Geld zu zahlen war, an welchen Speicher oder welches Magazin es ging und welcher Schreiber die Sache bearbeitete. Das Bündel trägt einen eigenen Namen: „嘉禾吏民田家莂“ (Jiahe limin tianjia bie), die Verträge der Ära Jiahe über Feldwirtschaft von Bediensteten und Gemeinen. Jiahe (嘉禾) ist ein Äraname des Wu-Herrschers Sun Quan (孙权), 232–238. Ein bie (莂) ist ein geteilter Vertragszettel; dasselbe Wort begegnet später in den Funden von Dutou (渡头古城).

Ein in drei Teile geschnittener Vertrag auf Holz

Zur Zahl der Stücke gibt es zwei Angaben: Die Übersee-Ausgabe der „People's Daily“ nennt „2400余枚“ – über 2400 Stück –, Guangming Online nennt „2194枚“, also 2194 Stück; dieser Beitrag schreibt „约2200枚(一说2400余枚)“: rund 2200 Stück, nach anderer Zählung über 2400. Die Verträge gelten als die bisher ältesten und formal größten gegenständlichen Vertragsurkunden über Landpacht, die in China gefunden wurden. Entscheidend ist die Form: Derselbe Inhalt wurde dreimal auf Holzstücke geschrieben, oben stand ein großes „同“ („gleich“), dann wurde das Stück der Länge nach in drei Teile geschnitten; je eines behielten die Amtsstelle, die Aufsichtsstelle und der bäuerliche Haushalt. Zusammengelegt mussten die drei „同“ übereinstimmen – das war die Echtheitsprüfung und der Beweis. Jedes Stück ist tatsächlich die Jahresrechnung eines Hauses: wie viel Land, wie viel Ertrag, wie viel Steuer, an wen. In einer Zeit, in der Papier fehlte oder teuer war, bestand ein Vertrag aus Holz, und man prüfte ihn, indem man ihn zerschnitt und wieder zusammenfügte.

Geld, Stoff, Reis, Bohnen, Häute

Diese Steuerschriftstücke sind knapp dreißigtausend Stück; an ihnen lässt sich ablesen, was erhoben wurde. Die Steuern von Wu wurden vor allem in Geld, Stoff, Reis, Bohnen und Häuten eingezogen, unter sehr vielen Bezeichnungen; allein beim Reis gab es zehn Namen: „税帛米“ (shui bo mi, Steuerreis für Seidenabgaben), „税中白米“ (shui zhong bai mi, weißer Steuerreis mittlerer Güte), „杂限米“ (za xian mi, gemischter Quotenreis), „旧米“ (jiu mi, alter Reis), „孰米“ (shu mi, wörtlich reifer Reis), „临米“ (lin mi, Reis mit Ortsangabe), „渍米“ (zi mi, eingeweichter Reis), „盐米“ (yan mi, Salzreis), „种贾米“ (zhong jia mi, Saatgut-Handelsreis), „禾准米“ (he zhun mi, Reis nach dem Richtmaß für Getreide). Die Namen unterscheiden sich, weil Herkunft und Verwendung sich unterscheiden – manche bezeichnen die eigentliche Steuer, manche eine Quote, manche tragen einen Ortsnamen oder deuten eine Umrechnung der Abgabe an. Eine Warnung: Aus diesen Namen lässt sich kein Steuersatz errechnen. Ackerfläche, dürregeschädigte Fläche und geschuldeter Betrag sind bei jedem Haushalt anders, die Texte enthalten keine Summen; wer ein Verhältnis nennen will, kann nur einzelne Haushalte als Einzelfall anführen und darf nicht sagen, im Durchschnitt seien so und so viele Zehntel eingenommen worden.

Das Archiv eines einzigen Kreises

Der Bestand umfasst Verwaltungsschriftgut eines Kreises – eines Markgrafentums, das man gewöhnlich mit Linxiang (临湘) identifiziert – im Kommandanturbezirk Changsha jun (长沙郡) unter Wu, etwa im dritten Jahrhundert, und erstreckt sich auf Rechtspflege, Finanzen, Steuern und Haushaltsregister. Er ist also das Archiv eines Kreises, nicht eine Geschichte der Drei Reiche: Er lässt sich nicht auf Wei oder Shu ausdehnen und ebenso wenig auf ganz Wu; wo vom „Volk der Drei Reiche“ die Rede ist, muss gesagt werden, dass es die Bediensteten und Gemeinen dieses einen Kreises sind. Auch das Wort „吏民“ verdient Beachtung – unter denen, die Land pachteten und Steuern zahlten, waren sowohl „吏“ (Bedienstete) als auch „民“ (Gemeine), und die örtlichen Speicher-Schreiber (仓吏), Magazin-Schreiber (库吏) und Landamt-Schreiber (田户曹史) waren die Männer, die Getreide, Stoff und Geld annahmen und auf den Stücken unterschrieben. In dieser Welt gibt es keine Helden, nur Speicher, Magazine, Quittungen und Abrechnungen.

Warum man die drei Teile auseinanderschnitt

Eine Urkunde dreifach auszufertigen hat eine schlichte Logik: Jede der drei Seiten hält ein Stück, und keine kann das Ganze verändern; zur Prüfung werden die Stücke zusammengelegt, und erst wenn das „同“ oben und die Schnittkanten übereinstimmen, gilt die Urkunde. Das ist Beweis und zugleich Bindung: Weil der bäuerliche Haushalt ein Stück in Händen hielt, konnte die Amtsstelle nicht mündlich Steuern draufschlagen; weil Amt und Aufsicht je ein Stück hatten, konnte der Haushalt die Schuld nicht abstreiten. Im selben Bestand liegt eine andere Art von Material: zwölf Briefe von Bediensteten und Gemeinen, in Laufschrift, Regelschrift und Kursivschrift – das erste Mal, dass solche Briefe aus Wu in einer Gruppe zutage kamen, und ein Beleg dafür, dass diese Holzstücke nicht nur Steuerzettel, sondern auch Träger alltäglicher Korrespondenz waren. Dazu kommen 木牍 mudu (Holztafel), 签牌 qianpai (Anhängeetikett), 封检 fengjian (Siegeldeckel) und 封泥匣 fengni xia (Siegelschutzkästchen): Tafel, Etikett, Umschlag und Siegelkästchen bilden zusammen das Formularwesen des Amtsverkehrs in der Zeit der Holzschriftstücke.

Der Bestand wächst weiter

Die Geschichte der Wu-Schriftstücke endet nicht im Jahr 1996. 2022 kamen auf der Fundstätte Dutou (渡头古城) in Chenzhou (郴州) die ersten vollständigen Schriftstücke des Typs „莂“ aus der Drei-Reiche-Zeit zutage – das Wort „完整“ („vollständig“) ist wichtig, denn früher waren meist nur Bruchstücke gefunden worden; 2024 grub das Archäologische Forschungsinstitut der Provinz Hunan auf der Fundstätte Dutou in Linwu (临武) erneut über zehntausend Wu-Schriftstücke aus. In Hunan sind insgesamt fast 200.000 Schriftstücke geborgen worden, zwei Drittel der landesweiten Gesamtmenge. Das gemahnt auch zur Genauigkeit: Die über hunderttausend Stücke sind die Gesamtzahl der Funde, die meisten sind gebrochen, die Entzifferung dauert an; sie sind nicht „hunderttausend vollständige Akten“. Und der Materialbestand, auf den sich dieser Beitrag stützt, hat keine zitierfähigen Stücknummern und Transkriptionen der Originalschriftstücke abgesichert; deshalb werden hier keine Nummern genannt und keine konkreten Texte zitiert – wer zitieren will, muss die Transkriptionsbände von Changsha Zoumalou San guo Wu jian · Jiahe limin tianjia bie(《长沙走马楼三国吴简·嘉禾吏民田家莂》)nachschlagen. Auch Aussagen wie „der früheste“ sind nach Maßgabe der Quellen zu begrenzen auf „die bisher ältesten und formal größten gegenständlichen Vertragsurkunden über Landpacht“; und spätere Ordnungen wie die lijia (里甲) oder die yitiaobian (一条鞭) der Ming-Zeit dürfen nicht rückwärts auf die Steuer- und Dienstpflichten von Wu übertragen werden, so wenig wie Sanguo yanyi(《三国演义》)als Quelle taugt.

Fest steht eine klare Kette: Im Wu des dritten Jahrhunderts erhob ein Kreis die Landpacht mit dreifach ausgefertigten Holzverträgen; im Vertrag standen die gepachtete Fläche, Dürre und Ertrag, der geschuldete Reis, Stoff und das Geld, der Speicher oder das Magazin, das sie annahm, und Name und Zeitpunkt des bearbeitenden Schreibers; der Vertrag war dreifach, und man prüfte ihn anhand des „同“ und der Schnittkanten. Ebenso klar ist, was offen bleibt: wie hoch der Steuersatz war, wie viel der Kreis in einem Jahr einnahm, ob dieses Verfahren anderswo in Wu genauso galt und ob das Stück des bäuerlichen Haushalts heute noch existiert – das Material gibt nur Verfahren und Einzelfälle, keine Summen. Dieser Haufen erinnert auch daran, wie viel Schriftgut von Wu verloren ist: Was ein Brunnen bewahrte, ist nur ein Ausschnitt davon. Eine Frage mag offenbleiben: Und das eine der drei Stücke, das dem bäuerlichen Haushalt gehörte – wo liegt es heute begraben?

Quellen und weitere Lektüre

  1. 邹雅婷《千年风华留汗青(你所不知道的一级馆)》,《人民日报海外版》2019年5月14日 — 1996年长沙五一广场走马楼街J22古井出土10万余枚孙吴纪年简牍,数量超过当时全国已出土简牍总和;内容涉司法、财政、赋税、户籍;赋税征钱布米豆皮,米有税帛米等十种名目;嘉禾吏民田家莂2400余枚杉木大木简,记录租佃田亩、受旱与正常收获亩数、应缴米布钱数及仓库官吏姓名时间
  2. 光明网《〈简牍探中华〉再现三国时期孙吴政权管理下的社会百态》2025年6月22日 — 约3万枚赋税简;嘉禾吏民田家莂由2194枚木简组成,为中国迄今发现最早、形制最大的田租类实物合同券书;一式三份、顶端大书「同」字、中剖为三,官府/监管/农户各执其一;首见12枚吏民书信简(行、楷、草书)
  3. 任波《「牍」懂三国市井生活》,《新湖南/掌上长沙》2025年6月23日 — 2022年郴州渡头古城出土三国时期首例完整「莂」类简牍;2024年临武渡头古城又出1万余枚吴简;湖南累计出土简牍近20万枚,占全国总量三分之二