Ein Urteilstext aus der Tang-Zeit ist an seiner Form zu erkennen. Zuerst der Fall, schmucklos in Prosa: „通事舍人崔暹奏事口误,御史弹付法,大理断笞三十,征铜四斤。暹款奏事虽误,不失事意,不伏。“ — der tongshi sheren (通事舍人) Cui Xian (崔暹) habe sich bei einer Berichterstattung versprochen, ein Zensor habe ihn dem Recht überstellt, das Dali (大理寺) habe ihn zu dreißig leichten Stockschlägen und vier jin Kupfer als Ersatzstrafe verurteilt; Xian erklärt, sein Vortrag sei zwar fehlerhaft gewesen, habe aber den Sinn der Sache nicht verloren, und er akzeptiere das Urteil nicht. Wer, was, welches Urteil, und ob es angenommen wird — ein Satz. Dann ein langer Block Parallelprosa. Dann ein Spruch. Diese drei Teile sind das Thema dieses Artikels.

Zuerst das Wichtigste: Das hier ist kein Prozessprotokoll, sondern ein Musterurteil (拟判). Die Quelle ist Zhang Zhuos (张鷟) Longjin Fengsui Pan (龙筋凤髓判): Zu jedem Eintrag wird ein Fall erfunden und dann das Urteil geschrieben, das ihn beantworten soll — geordnet nach Behörde: das Zhongshu (中书省), das Menxia (门下省), die Yushitai (御史台), das Shangshu (尚书都省) und die Ministerien für Personal, Steuern, Bau, Riten, Opfer und Krieg, dazu die Hochschule, die Palastwerkstätten und die Bauaufsicht. Liest man das Buch durch, wirkt es wie ein nach Abteilungen sortiertes Übungsbuch im Urteilschreiben. Die in Dunhuang (敦煌) gefundene Wenming Panji (文明判集), heute in Paris, ist von derselben Art: neunzehn Urteilstexte, die meisten mit der Formel fengpan (奉判, „den Fall empfangen“) beginnend, Musterstücke, keine Akten. Die Frage lautet hier also, wie ein Tang-Urteil geschrieben wurde, nicht wie ein Tang-Gericht entschied: Diese Fälle haben keine Akten, keine Aussagen beider Seiten, keine Vollstreckungsnotiz; selbst die Namen sind erfunden.

Die drei Teile eines Urteils

Gehen wir den Eintrag zu Cui Xian einmal durch. Der Fall ist ein Satz; das ursprüngliche Urteil lautet dreißig Stockschläge und vier jin Kupfer, und Cui akzeptiert es nicht. Das Urteil beginnt nicht mit dem Recht. Es beginnt mit Lob: „崔暹风神爽俊,词彩抑扬,雅调疏通,清音朗彻“ — Cui Xian, von frischem Geist und hellem Wesen, seine Wendungen steigen und fallen, sein Ton ist klar und durchdringend. Dann Prunk: „芝泥发彩,宣凤诏而腾文;兰检浮香,润龙缣而动色“ — der zinnoberrote Siegelkitt strahlt Farbe aus, und das Phönix-Edikt erhebt sich in Mustern; die orchideenversiegelte Hülle verströmt Duft, und die Drachenseide bewegt sich im Licht. Erst nach dem Umschwung „岂容“ — wie könnte man es dulden — kommt die Begründung: „过误被弹,止当笞罪;不失事意,自合无辜“ — ein Versehen, das die Anklage trifft, verdient nicht mehr als die leichte Strafe; da der Sinn der Sache nicht verloren ging, sollte er schuldlos sein. Der Schluss: „虽触凝霜,理宜清雪“ — obwohl er den Reif berührt hat, verlangt die Vernunft, ihn reinzuwaschen. Fall, Rhetorik, Spruch: jeder Teil tut das Seine; das Urteil dreht die dreißig Stockschläge um, und zwar mit zwei Gedanken — Versehen, und gewahrter Sinn.

Das Urteil ist Parallelprosa

Diese Texte sind als Literatur geschrieben, nicht als Protokoll. Rhythmus aus Vier und Sechs, Antithese, dichte Anspielungen: Über das Zhongshu heißt es „凤池清切,鸡树深严“ — der Phönixteich ist kühl und klar, der Hühnerbaum tief und streng; Phönixteich und Hühnerbaum sind beides Beinamen dieses Amtes. Über das Menxia: „沉沉青琐,肃肃黄枢“ — tief und dunkel das grüne Tor, streng und ernst der gelbe Angelpunkt. Über einen guten Beamten: „邵为内史,流雅誉于周年;荀作令君,振芳尘于魏阙“ — Shao als Innenminister trug seinen feinen Ruf durch die Zhou-Zeit; Xun als Leiter des Sekretariats wirbelte am Wei-Hof den duftenden Staub auf. Die Paare müssen stimmen, die Anspielungen sitzen, der Atem muss tragen. Deshalb liest sich das Buch wie eine Übung: ein Fall wird vorgelegt, und dann soll ein vorzeigbares Urteil entstehen.

„Das Recht“ ist eine Geste

Wenn diese Urteile das Recht erwähnen, dann im Allgemeinen. Im Fall des Wang Xiu (王秀), der Geheimnisse ausplauderte und für den das ursprüngliche Urteil auf Strangulation lautete, heißt es: „非密既非大事,法许准法勿论,待得指归,方可裁决“ — da es nicht geheim und keine große Sache war, erlaubt das Recht, es als nicht zu verfolgen zu behandeln; man warte die Weisung ab, dann könne entschieden werden. Im Fall des Zensors Yan Xuan (严宣), der Tian Shun (田顺) der Bestechung um zweihundert Schnüre bezichtigte: „二百镪坐,法有常科;三千狱条,刑兹罔舍“ — zweihundert Schnüre Strafe, das Recht hat seine stehende Regel; dreitausend Sätze des Strafrechts lassen das nicht nach. Andere Einträge schließen mit „法有正条,理须明典“ — das Recht hat seine feste Bestimmung, die Vernunft verlangt eine klare Ordnung — oder mit „宜从明典,勿信浮辞“ — man folge der klaren Ordnung und traue nicht den fließenden Worten. Keine Paragraphennummern, kein Zitat eines Gesetzbuchs. Das „Recht“ im Urteil ist eine Geste auf die Statute hin; die Statute stehen anderswo. Dieser Artikel füllt die Lücke deshalb auch nicht mit Nummern aus dem Tang Lü Shuyi (《唐律疏议》): eine solche Ergänzung würde das Musterstück als Urkunde lesen.

An einer Stelle wird der Unterschied sichtbar. Der erklärende Aufsatz zum Fall des Guo Tai (郭泰) zitiert in seiner Analyse das Tang Lü Shuyi, Band 23, das Dousong lü (《斗讼律》, „Gesetz über Streit und Klage“), zum Grundsatz der Widerklage bei falscher Anschuldigung, und sagt, A-Song (阿宋) hätte die Strafe der Widerklage treffen müssen. Das ist die Erklärung des Aufsatzautors, nicht eine Zeile des Urteils. Das Urteil selbst sagt nur: „宋无反坐“ — A-Song wird nicht widerbeklagt. Gesetz ist Gesetz, Urteil ist Urteil; die beiden Linien dürfen nicht zu einer verschmelzen.

Zwischen Recht und Gefühl: Guo Tai und Li Ying

Dieses Urteil zeigt die Schreibweise am deutlichsten. Der Fall, wie er im Text steht: „奉判:郭泰、李膺,同船共济,但遭风浪,虽被覆舟。共得一桡,且浮且竞。膺为力弱,泰乃力强,推膺取桡,遂蒙至岸。膺失桡势,因而致殂。其妻阿宋,喧讼公庭,云其夫亡,乃由郭泰。泰共推膺取桡是实。“ — Den Fall empfangen: Guo Tai (郭泰) und Li Ying (李膺) setzten zusammen über einen Fluss; Wind und Wellen kamen, und das Boot kenterte. Sie bekamen ein Ruder zwischen sich und rangen darum, treibend. Ying war schwach, Tai stark; Tai stieß Ying weg und nahm das Ruder, und so erreichte er das Ufer. Ying verlor das Ruder und starb daran. Seine Frau A-Song (阿宋) schrie vor Gericht, der Tod ihres Mannes gehe auf Guo Tai zurück. Dass Tai Ying gestoßen hat, um das Ruder zu bekommen, ist erwiesen. — Der Falltext nagelt zuerst die unstreitige Tatsache fest: Der Stoß ist echt. Dann trennt das Urteil die Ursachen: Ying starb durch Ertrinken, das Kentern war ein Naturereignis, Ertrinken ist nicht Schuld des Stoßenden; „推膺苟在取桡,被溺不因推死“ — wenn Tai ihn um des Ruders willen stieß, so starb er nicht an diesem Stoß. Also: „宋无反坐,泰亦无辜“ — A-Song wird nicht widerbeklagt, auch Tai ist unschuldig; beide seien zu verständigen, man lasse das Geschrei.

Zum Urteil statt zum Syllogismus machen es die Sätze dazwischen: „阿宋夫妻义重,伉俪情深“ — zwischen A-Song und ihrem Mann war die Pflicht schwer und die Liebe tief — und „辄欲科辜,恐伤猛浪“ — wollte man ohne weiteres Schuld feststellen, man verletzte wohl die gewaltigen Wogen. Der Text will, dass der Leser sieht: Der Urteilende wägt neben der Ursache auch das menschliche Gefühl. Ob Tang-Beamte dies allgemein so taten, können diese Musterurteile nicht beweisen; was sie beweisen, ist, dass solches Wägen als etwas galt, das in einem Urteil stehen sollte.

Was dieses Material nicht zeigen kann

Die Grenzen seien deutlich gesagt. Dies sind Musterurteile, keine Verhandlungen: Wang Xiu, Cui Xian und Yang Zhen (杨珍) sind erfundene Personen, und die Strafen an ihren Fällen — Strangulation, dreißig leichte Stockschläge, vier jin Kupfer als Ersatzstrafe — gehören zum Aufgabentext, nicht zu einer Aufzeichnung tatsächlich verhängter Strafen. Ein Urteil ist die Fassung einer Seite: keine Aussagen beider Parteien, kein Beweisverzeichnis, keine Verhandlung im Saal; man darf es nicht als Protokoll lesen. Die Dunhuang-Handschrift und Zhang Zhuos für den Dienst verfasste Stücke sind sich im Stil nah und stammen doch aus verschiedenen Zusammenhängen; sie können einander nicht als Beleg dienen. Die Strafnamen stehen so, wie sie stehen, und werden nicht in heutige Strafmaße umgerechnet. Was eine Sammlung wirklicher Fälle aus der Tang-Zeit betrifft: Der Aufsatz sagt, dass es sie gab, doch in diesem Durchgang war keine lesbare Seite zu prüfen; sie bleibt als „nachzutragen, nicht zu zitieren“ markiert.

Was bleibt, ist nicht der Schauplatz der Tang-Justiz, sondern eine Schreibweise: ein Satz Fall, ein Abschnitt Parallelprosa, ein „Recht“, das Geste bleibt, am Ende „宜从明典“ — man folge der klaren Ordnung. Der Gerichtssaal ist nicht mehr zu sehen; der Text ist es.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 张鷟《龙筋凤髓判》卷上(唐张鷟撰,明张海鹏订;识典古籍) — Model judgments arranged by office: the Secretariat, the Chancellery, the Censorate, the Department of State Affairs, the ministries. Each entry invents a case and then answers it — Wang Xiu's leak of secrets, Cui Xian's verbal error in reporting, Yang Zhen's mistaken name, the censor Yan Xuan's impeachment of Tian Shun for taking two hundred strings. The container metadata is confused with a Ming casebook, but the chapter itself is headed Tang Zhang Zhuo, revised by Zhang Haipeng.
  2. 〈敦煌出土的《文明判集残卷》——唐代的司法案例库〉(甘肃高院政务号,澎湃新闻 2024-12-01) — Judgment collections fall into two kinds, model texts and records of real cases; the Wenming Panji is the model kind, nineteen judgments opening with 'received the case', now in Paris. Gives the Guo Tai–Li Ying judgment in full and the verdict 'A-Song is not counter-charged, Tai is also innocent'; the article's own analysis cites the Tang code, juan 23, on false accusation, which is commentary, not the judgment.