Der erste Satz sagt, zu wem sie gehörte: „临淄李伯鱼妻者,范阳张氏女,讳德性。“ – Die Gattin des Li Boyu aus Linzi war eine Frau der Zhang aus Fanyang, ihr Tabuname lautete Dexing. Dann folgen die Fertigkeiten, die ihr der Bruder zuschreibt: pietätvoll und sanft, „能日诵数千言,习礼明诗,达音妙缋“ – sie konnte täglich mehrere tausend Zeichen auswendig hersagen, war in den Riten geübt, in den Liedern klar, in der Musik bewandert und in der Stickerei vortrefflich; Tugend, Rede, Haltung und Arbeit, heißt es, übertrafen die anderer Menschen. Dann die Heirat: Ihr Gatte Li Boyu (李伯鱼) war „天下善为文“, der beste Schreiber seiner Zeit, diente als Kollator (校书郎) und ging als 司功 (Sigong, Beamter für Verdienste) nach Qingzhou (青州), wo er im Amt starb. Sie „寡居无子,以归宗焉“ – verwitwet, ohne Söhne, kehrte sie in ihre eigene Sippe zurück. Im zweiten Jahr Chang'an (长安二年, 702), mit achtundvierzig Jahren, starb sie im Stadtviertel Kangyu (康欲里), und ihr Sarg stand vor dem Yongtong-Tor (永通门). Im dritten Jahr Jinglong (景龙三年, 708) bestattete ihr Bruder Zhang Yue (张说) sie am Sonnenhang des Wan'an-Berges (万安山). Ein Stein fasst ein ganzes Leben.
Ein Leben in dreihundert Zeichen
Der ganze Text umfasst gut dreihundert Zeichen, und sein Aufbau ist außerordentlich fest: Name und Herkunft; Vater und Großvater; Tugenden und Fertigkeiten; wen sie heiratete; wo der Gatte starb; ob sie verwitwete; in welchem Jahr sie starb und in welchem Alter; wo der Sarg stand; in welchem Jahr und Monat und wo sie begraben wurde; zum Schluss eine kurze Inschrift. Was fehlt, ist ebenso regelmäßig: kein Geburtsjahr – man kann es nur vom Sterbealter achtundvierzig zurückrechnen, es liegt etwa um 655; kein Heiratsalter; keine Todesursache, nur die zwei Zeichen „倾逝“ (sie verschied); kein einziger Satz in ihrer eigenen Stimme. Ein Leben wird in den Raum gepresst, den der Stein zulässt, und dieser Raum ist eng.
Diesen Stein schrieb ihr jüngerer Bruder Zhang Yue, der später Kanzler wurde. Der wichtigste Satz des ganzen Textes handelt jedoch vom Geld: „景龙三年,家疚居贫,季弟说鬻词取给,冬十月,安厝伯姊于万安山阳。“ – Im dritten Jahr Jinglong (708), als die Familie in Trauer und arm war, verschaffte sich der jüngste Bruder Yue das Nötige, indem er seine Texte verkaufte, und im zehnten Monat des Winters legte er die ältere Schwester am Sonnenhang des Wan'an-Berges bei. Sie starb 702 und wurde 708 begraben, dazwischen liegen sechs Jahre; warum der Sarg so lange stand, sagt das Epitaph selbst: Die Familie konnte die Bestattung nicht bezahlen.
Wessen Lob ist das?
„能日诵数千言,习礼明诗,达音妙缋“ – dieser Satz stammt vom Bruder, nicht von ihr selbst. Er wurde für eine Bestattung geschrieben, von einem Mann, der später zu den großen Autoren der Xuanzong-Zeit (玄宗) gehörte; er sagt uns, was eine Beamtenfamilie über ihre Töchter öffentlich hören wollte: dass sie las, die Lieder kannte, Musik verstand und mit den Händen gut arbeitete. Die Erlasse zur Eheschließung, die im Tang Huiyao (唐会要) gesammelt sind, erwähnen nichts dergleichen. Die Ordnung regelt Heiratsalter und Vermögensleistung, das Lob regelt Rang und Ansehen – zwei verschiedene Dinge.
„寡居无子,以归宗焉“ – der Gatte tot, keine Söhne, also zurück in die eigene Sippe. Dieser Satz verzeichnet einen Platz im Haushalt, nicht ihre Empfindung: Da in der Familie des Gatten kein Sohn diesen Platz für sie hielt, kehrte sie in ihre eigene zurück. Ein anderes Epitaph zeigt den anderen Ausgang. Eine Frau der Zhao „笄年十五,执事箕帚“ – mit fünfzehn band sie die Haare auf und übernahm Besen und Kehrblech; sie heiratete in die Familie Yang und lebte dort über zwanzig Jahre. Ihr Gatte starb im sechsten Jahr Yuanhe (元和六年, 811) in einem Laden im Kreis Chang'an (长安县) und hinterließ „儿女九人,皆尚幼稚“ – neun Kinder, alle noch klein. Sie „寻患腰脚,行李不逮“ – erkrankte an Hüfte und Beinen und konnte sich nicht mehr fortbewegen; im vierzehnten Jahr Yuanhe (元和十四年, 819) starb sie in Zichuan (兹川) und wurde schließlich im Grab ihrer Mutter, der Gemahlin Duan (段夫人), beigesetzt. Der Stein hält die Reihenfolge fest, nicht, was sie dachte oder ob es einen anderen Weg gab.
Die beiden Enden des Geldes
Auf der Seite der Eheschließung setzte der Staat Obergrenzen. Ein Erlass des vierten Jahres Xianqing (显庆四年, 659) bestimmte: Wer eine Tochter verheiratet, darf an Vermögensleistung nicht mehr als dreihundert Rollen Seide annehmen bei Rang drei und darüber, zweihundert bei Rang vier und fünf, hundert bei Rang sechs und sieben, fünfzig unterhalb von Rang acht; alles davon fällt in die Aussteuer der Braut, und die Familie des Bräutigams darf kein gesondertes „陪门之财“ nehmen. Ein früherer Erlass des ersten Jahres Zhenguan (贞观元年, 627) verlangte: Männer ab zwanzig, Frauen ab fünfzehn sollten heiraten, ebenso Witwer nach abgelegter Trauer und Witwen nach vollendeter Trauerzeit; bei „贫寠之徒,将迎匮乏“, armen Leuten, denen das Nötige zur Hochzeit fehlt, sollten Verwandte und Nachbarn und wohlhabende Häuser „裒多益寡“ helfen, den Überschuss nehmen und den Mangel füllen; „鳏夫年六十、寡妇年五十已上“ sowie jene mit Kindern und festem Vorsatz blieben frei, niemand durfte sie zwingen. Der Erlass legte auch die Prüfung der Beamten fest: Wer „婚姻及时、鳏寡数少“ vorweisen konnte, wurde befördert, wer die Verheiratung versäumte, zurückgestuft. Im zweiundzwanzigsten Jahr Kaiyuan (开元二十二年, 734) sanken die Grenzen auf fünfzehn für Männer und dreizehn für Frauen („听婚嫁“). Das alles sind Erlaubnisse und Obergrenzen, nicht die Summen, die ein einzelner Haushalt tatsächlich zahlte.
Auf der Seite der Bestattung tritt das Geld offen hervor. Zhang Yue verkaufte seine Texte, um seine Schwester zu begraben. In der Inschrift für die Zhao schreibt der Verfasser Gu Fangsu (顾方肃) es ohne Umschweife: „愚夫撰铭,买石雕鑴。“ – Der törichte Gatte verfasste die Inschrift, kaufte den Stein und ließ ihn gravieren. Wer das Epitaph schrieb, war oft der, der es bezahlte. Auch das gehört zu den ersten Dingen, die man sich beim Lesen eines Epitaphs merken sollte: Es ist ein Stück, das auf Bestellung und gegen Geld angefertigt wurde.
Die Spalte der Kinder
Han Yu (韩愈) verfasste für Wei Cong (韦丛), die verstorbene Gattin des Yuan Zhen (元稹), ein Epitaph, das diese Spalte auf die knappste Form bringt. Wei Cong starb mit siebenundzwanzig im vierten Jahr Yuanhe (元和四年, 809) am neunten Tag des siebten Monats und wurde im selben Jahr am dreizehnten Tag des zehnten Monats in Xianyang (咸阳) beigesetzt, „从先舅姑兆“ – im Grabbezirk ihrer Schwiegereltern. Die Inschrift hat für die Kinder nur einen Satz: „实生五子,一女之存。“ – Sie gebar fünf Kinder, eine Tochter lebt. Fünf Kinder, fünf Zeichen. Auf der Zhao-Seite sind es neun, „皆尚幼稚“, und danach werden die vier überlebenden Söhne mit Namen genannt: Wensheng (文晟), Wenqian (文乾), Wenhao (文暠), Wenyu (文昱). Wo Platz ist, stehen Namen; wo keiner ist, bleibt ein Satz.
Was der Stein auslässt
Damit haben die beiden Fragen ihre Antwort. Was ein Epitaph sagen kann: den Namen (manchmal nur den Familiennamen), die Amtsbezeichnungen von Vater und Großvater, wen sie heiratete, ob sie verwitwete, Todesjahr und Lebensalter, Begräbnisort und Begräbnistag, die Zahl der Kinder, wer den Text schrieb und oft auch, wer ihn bezahlte. Was er nicht sagen kann: ihre eigenen Worte – in keinem der drei Steine steht ein Satz von ihr; ihr Tag; ihr Heiratsalter (nur der Zhao-Stein nennt es: „笄年十五“, mit fünfzehn die Haarnadel); ihre Todesursache; die tatsächliche Brautgabe, das tägliche Essen und Kleiden, die Arbeit ihrer Hände – außerhalb der Lobformeln. Und das Format gibt den Ton vor: Diese Steine wurden von der Familie in Auftrag gegeben und bezahlt, und sie wurden für die Lebenden geschrieben.
Deshalb ist bei einem Ausdruck Vorsicht geboten. Zhang Yue schreibt: „苍梧不从,古之制也。“ Das ist eine Anspielung auf den weisen König Shun, der in Cangwu (苍梧) begraben wurde und dessen beide Frauen ihm dorthin nicht folgten; der Satz sagt also, dass sie nicht neben ihrem Gatten bestattet wurde, weil die alte Ordnung es so vorsieht. Es ist Sprache der Ritenordnung, nicht ihr letzter Wille. Den Schluss bildet die Inschrift: „送我伯姊,万安之坟。精灵何处?为雨为云。彼临淄兮千里,望倏忽兮夫君。“ – Ich geleite meine ältere Schwester zum Grab in Wan'an. Wo ist ihr Geist? Ist er Regen, ist er Wolke? Linzi liegt tausend Li entfernt; ein Blick, und im Nu ist der Gatte da. Diese letzten Sätze sind Literatur, keine Quelle; aber sie zeigen genau, wozu ein Epitaph dient: Es wird für die geschrieben, die noch leben.
Quellen und weitere Lektüre
- 张说《李氏张夫人墓志铭》(《全唐文》卷二三二;维基文库) — Zhang Yue's epitaph for his elder sister Zhang Dexing, wife of Li Boyu of Linzi: the praise of her learning and accomplishments, her widowhood without sons and return to her natal family, death at forty-eight in 702, the coffin kept outside the city gate, and the burial in 708 paid for by the brother 'selling his writing'; the allusion 'Cangwu not followed' and the closing verse. The author is her brother, which is the point.
- 韩愈《监察御史元君妻京兆韦氏夫人墓志铭》(《全唐文》卷五六五;维基文库) — Han Yu's epitaph for Wei Cong, wife of Yuan Zhen: her descent, her father choosing the son-in-law, the line that she 'followed the rules in all she did and said', death at twenty-seven in 809, burial at Xianyang with her husband's parents, and the inscription's 'she bore five children; one daughter survives'.
- 顾方肃《唐故赵氏夫人墓志铭》(维基文库) — Gu Fangsu's epitaph for a woman of the Zhao: her father a chief minister of the Court of Reception; married at fifteen; more than twenty years of marriage; her husband dying in 811 leaving nine young children; her illness in the hips and legs; death in 819 away from the capital; burial in her mother's plot; four surviving sons named; and the closing admission 'your foolish husband wrote the inscription, bought the stone, had it carved'. A damaged text; only the clearly legible sentences are used here.
- 王溥《唐会要》卷八十三「嫁娶」(北宋编,录唐诏敕;维基文库,页面标 25% 未校对) — Tang edicts on marriage: 627, men of twenty and women of fifteen and over to be married, the poor helped by kin and neighbours, widowers of sixty and widows of fifty left free; 659, ceilings on betrothal gifts of 300, 200, 100 and 50 bolts of silk by rank, all to go into the bride's trousseau; 734, marriage permitted from fifteen for men and thirteen for women. These are limits and permissions, not prices.




