Vor der Halle Hanyuan (Hanyuan dian) des Palastkomplexes Daming gong läuft ein ost-westlicher Graben unter der Stampflehmterrasse hindurch; seine Mündung liegt 130 m südlich der unteren großen Plattform der Ruinenstätte. Das Grabungsteam verfolgte ihn über 400 m weit: in Nord-Süd-Richtung 3,65 bis 4 m breit, von der tangzeitlichen Geländeoberfläche aus rund 1,6 m tief, die Wangen ziemlich gerade, stellenweise mit Ziegeln befestigt, die Sohle flach und von einer dicken grauschwarzen Schlammschicht bedeckt. Im Ostabschnitt liegt der Schlamm flach, im Westabschnitt tief, und die Rippelmarken seiner Oberfläche weisen in eine Richtung: Das Wasser floss von Ost nach West.

Der Graben vor der Halle

Über dem Graben lagen einst drei Holzbrücken. Die mittlere stand genau vor der Mitte der Halle Hanyuan, etwa 17 m in Ost-West und 4,3 m in Nord-Süd, ihre Pfostenlöcher in drei Gruppen und sieben Reihen; die westliche Brücke lag 128 m von der mittleren entfernt und war auf die westliche Audienzhalle ausgerichtet, die östliche 129 m, auf die östliche Audienzhalle. Am Südufer lief eine ost-westliche Fahrstraße, auf 300 m Länge und 15 m Breite verfolgt; ihr Belag war 15 bis 32 cm dick gestampft, die Wagenspuren deutlich. Ein mit Ziegeln gepflasterter Fußweg führte zur Westbrücke, in seiner frühen Phase etwa 1,1 m breit. In der Verfüllung fanden sich Ziegelsteine und Dachziegel, Schneckenschalen, Kupfermünzen, Eisennägel und ein Eisenschwert; auf Ziegeln stehen Reste von Stempeln: „…amtlicher Ziegel“, „Anmen…“, „Tianxuan…“.

Das Grabungsteam bestimmte diesen Wasserlauf als den Longshou qu, den Kanal, der in das Daming gong führte. Der Grund ist die Lage: Der qingzeitliche Gazetteer Tang Liangjing chengfang kao verzeichnet, dass der Longshou-Kanal an der Nordost-Ecke der Stadt nach Westen biegt, in den Östlichen Inneren Park eintritt und dort zum Longshou chi wird, während das übrige Wasser unter der xiama qiao, der Absitzbrücke des Daming gong, hindurchläuft; Breite und Verlauf passen. Nach dieser Lesart sind die beiden äußeren Brücken die Stellen, an denen die Beamten vor der Audienz absaßen, die mittlere die kaiserliche Brücke. Das ist eine Benennung, kein Beweis – im Kanalbett liegt kein einziger Gegenstand, der den Namen des Kanals trägt. Dieselbe Mannschaft korrigierte auch einen anderen Graben, der lange „Longshou qu“ hieß: Er war in den 1950er und 1960er Jahren zwischen Hanyuan dian und Danfeng men gefunden worden, und was in ihm lag, stammt aus der Zeit nach Ming und Qing; er wurde also erst danach gezogen.

Drei Kanäle, drei Eingänge in die Stadt

Cheng Dachang, ein Gelehrter der Südlichen Song-Zeit, stellte ältere Ortsbeschreibungen zusammen; sein erster Satz wird gern zitiert: „Die Tang führten das Wasser auf drei Kanälen in die Stadt.“ Der Longshou qu leitete das Wasser des Chan im Südosten der Stadt bis zum Changle-Hang und teilte sich dort: ein Arm nach Norden in den Park, ein zweiter durch das Tonghua men und am Xingqing gong vorbei, aus der Kaiserstadt in das Taiji gong. Der Yong'an qu leitete das Jiao-Wasser, trat an der Weststraße des Da'an fang in die Stadt, lief nach Norden am Westmarkt vorbei, in den Park und in den Wei. Der Qingming qu trat an der Oststraße des Da'an fang ein und gelangte über die Kaiserstadt in das Taiji gong. Das Tonghua men ist das nördliche der drei Tore der Ostmauer; man kann es mit den Tornamen der Hauptstadt in Tang Liudian, Buch 7, vergleichen.

Der Longshou qu ist der älteste und der am genauesten beschriebene. Cheng Dachang zitiert ein verlorenes Tang-Werk, das Liangjing daoli ji: Er wurde 583, im dritten Jahr der Ära Kaihuang, angelegt – in dem Jahr, in dem die Sui in ihre neue Hauptstadt Daxing cheng zogen; das Wehr lag am Matou-Wehr in der Gemeinde Longshou des Kreises Wannian, und diese Gemeinde lag 15 li östlich des Kreissitzes; das Wasser wurde am Changle-Hang gefasst und in zwei Armen nach Nordwesten in den Park geführt. Der Changle-Hang hieß ursprünglich Chan-Hang (in der Wikisource-Ausgabe dieses Buches steht für 滻 oft das ähnlich aussehende 滬; dem Sinn nach ist Chan zu lesen). Weil das 阪 in Chan-Hang (滻阪) so klang wie 反, „umstürzen“, ließ Kaiser Wen der Sui den Namen ändern: Der Hang blickt nach Norden auf Changle, daher Changle-Hang. Für das Daming gong gilt eine andere Geschichte: 662, im zweiten Jahr der Ära Longshuo, ließ Kaiser Gaozong die Anlage auf dem Longshou-Plateau bauen, weil die alte Residenz tief und feucht lag; der Palast stand hoch, der Kanal tief, und Cheng Dachang schreibt, das Wasser lasse sich nicht hinaufführen. Der qingzeitliche Gazetteer Tang Liangjing chengfang kao lässt das übrige Wasser gleichwohl unter der Absitzbrücke hindurchgehen. Der Graben vor der Halle liegt genau zwischen diesen beiden Sätzen.

Für den Yong'an qu gibt es zwei Angaben zu Zeit und Verlauf: Song Minqiu schreibt in Chang'an zhi, er sei 583 angelegt worden, fasse das Jiao-Wasser südlich des Kreises Chang'an und führe es nach Nordwesten in die Stadt, am Westmarkt vorbei in den Park. Das Wasser erreichte also den Westmarkt; wie der Markt es nutzte und ob jemand dafür Geld nahm, darüber gibt es keine einzige Nachricht. Beim Qingming qu bricht die Überlieferung ab: Beide songzeitlichen Werke schreiben nur, er komme aus dem Kreis Wannian, trete an der Oststraße des Da'an fang in die Stadt und laufe über die Kaiserstadt in das Taiji gong; welchen Fluss er führte, sagen sie nicht. Spätere Lokalchroniken ergänzen den Yu-Fluss; die tangzeitlichen Quellen enthalten diesen Satz nicht, und er steht auch hier nicht.

Der Name ist eine Falle. Der Longshou-Kanal, den Kaiser Wu der Han-Dynastie am Shangyan-Berg in Tongzhou graben ließ, erhielt seinen Namen, weil man dabei auf einen Drachenknochen stieß; Tongzhou liegt nördlich des Wei, Tang-Chang'an südlich, die beiden können nicht derselbe Kanal sein. Cheng Dachang urteilt knapp: „Den Chan-Kanal Longshou zu nennen, ist ein Irrtum.“ Der Name des Chang'aner Kanals kommt vom Longshou-Plateau neben dem Wehr, also von der Anhöhe, auf der später das Daming gong stand.

Kam das Wasser bis in die Quartiere?

Für wen wurden diese Kanäle gegraben? Cheng Dachang gibt beim Chan-Wasser die weiteste Auskunft: In der Sui-Zeit habe man das Wasser draußen am Matou-Wehr gestaut, über den Changle-Hang in die Stadt geleitet, bis westlich zu den beiden Kreisen Wannian und Chang'an, und „die Quartiere und Gassen, die Palastbezirke und die Parks“ hätten dieses Wasser zumeist genutzt. Dass Kanalwasser bis in gewöhnliche Quartiere kam, stützt sich allein auf diesen einen Satz; und er spricht vom Gebrauch, nicht von der Menge: Es gibt keinen Anteil, keine Durchflussmenge, keine Liste, welche Quartiere Kanalwasser bezogen, und keinen Wasserpreis. Die Quartiere hatten außerdem Brunnen: In dem im Buzheng fang ausgegrabenen Hof lagen ein Brunnen, Tonkrüge und Tonröhren zur Entwässerung – das ist eine andere Fundlinie.

Wer beaufsichtigte dieses Wasser?

Tang Liudian, Buch 7: Der shuibu langzhong und der yuanwailang „haben die Verfügungen und Verbote für Ströme und Bäche, Teiche und Becken des Reiches zu führen, um Gräben und Wasserläufe durchgängig zu machen und Kanäle zu stauen oder zu öffnen. Alles, was Nutzen bringt für Boote und Ruder wie für die Bewässerung, haben sie zusammenzufassen und zu betreiben.“ Die Einzelregeln stehen darunter: Wo bewässert wird, dürfen Mühlen nicht um das Wasser streiten; von Spätsommer bis Mittfrühling bleiben die Schleusentore geschlossen, nur Überschusswasser darf genutzt werden; Bewässerung darf keine Häuser unter Wasser setzen und keine Gräber beschädigen; im Mittfrühling werden Gräben und Wasserläufe geräumt und Dämme aufgerichtet, im ersten Wintermonat ist die Arbeit fertig; Schäden durch Sommer- und Herbstregen werden ohne Rücksicht auf die Jahreszeit behoben. Auch die Verteilung hat einen Satz: „Wasser wird von unten her genutzt“ – das am tiefsten gelegene Land bekommt es zuerst.

Das alles ist keine Aufzeichnung über Chang'an. Das Tang Liudian handelt vom Reich; es sagt nicht, welche Behörde in der Hauptstadt welchen Kanal reinigen ließ, und eine Vorschrift für die Kanäle in der Stadt oder ein Prozess um Wasser ist darin nicht ein einziges Mal zu finden. Das Dushui jian, das Wasseramt, hatte seinen Sitz tatsächlich in der Kaiserstadt – dasselbe Buch zählt die Amtsgebäude der hundert Beamten auf, und eines der vier Ämter dort ist das Dushui jian. Aber ein Schreibtisch in der Stadt bedeutet nicht, dass sich jemand um den Graben vor der Halle Hanyuan kümmerte.

Das andere Wasser: der Kanal für Brennholz und Holzkohle

Nicht alles Wasser, das nach Chang'an geleitet wurde, war sauber, und nicht alles war für Menschen bestimmt. 743, im zweiten Jahr der Ära Tianbao, führte der Hauptstadtpräfekt Han Chaozong das Wei-Wasser durch das Jinguang men – das mittlere der drei Tore der Westmauer – und legte im Westmarkt ein Becken an, in dem Bauholz gelagert wurde. 766, im ersten Jahr der Ära Dali, zog der Hauptstadtpräfekt Li Gan vom Ausgang eines Tals im Nanshan einen Transportkanal bis zum Jingfeng men und zum Yanxi men und weiter in den Park, „um Brennholz und Holzkohle zu verschiffen“. Jingfeng und Yanxi sind die beiden Tore an der Ostseite der Kaiserstadt. Das ist der cao qu: trübes Wei-Wasser, Holz und Brennstoff; mit den drei klaren Kanälen hat er nichts gemeinsam – Zeit, Wasserquelle und Zweck sind ganz verschieden.

Die Wasserfläche im Südosten der Stadt entstand nach demselben Verfahren. Der Huang qu kam von Süden von außerhalb der Mauer und ließ sich durch die Stadt führen; die Sui umschlossen deshalb jenes Gelände vor der Mauer und leiteten das Wasser als Furong chi in die Stadt. Dieses Gelände lag ohnehin nicht im Raster der Quartiere: Yuwen Kai, der die Hauptstadt anlegte, hielt die Südost-Ecke für zu hoch, um dort Wohnquartiere unterzubringen, und ließ sie kurzerhand zu einem Becken aushuben. In Tang-Zeit maß Qujiang sieben li im Umfang und dreißig qing; am letzten Tag des ersten Monats, am dritten Tag des dritten Monats und am neunten Tag des neunten Monats kamen die Männer und Frauen der Hauptstadt zur Reinigung hierher, die Zelte standen wie Wolken, Wagen und Pferde füllten den Platz.

Was fehlt, ist so konkret wie das, was vorhanden ist. Die Gesamtlänge der drei Kanäle innerhalb der Mauern, ihre Durchflussmenge, ihr Gefälle, die Zahl der Arbeiter, die sie gruben, und wie lange das Wasser bis zu welcher Stelle brauchte – alles fehlt; auch einen Wasserpreis gibt es nicht. Die Archäologie hat nur ein Stück freigelegt: 400 m Kanal, drei Brückenfundamente, eine Fahrstraße, einen Ziegelweg. Das genügt, um zu sagen, wie breit ein Kanal in der Palaststadt war und in welche Richtung das Wasser lief; es genügt nicht, um zu sagen, wie Chang'an mit Wasser versehen wurde. Dieser Abschnitt ist bisher nur aus einem Zeitungsbericht bekannt; der förmliche Grabungsbericht ist noch nicht zu lesen.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 程大昌《雍录》卷六「唐都城导水」「龙首渠」「浐水」「唐曲江」(南宋;维基文库) — Three Tang canals and their entry points; the Chan dammed at Matou Weir and used 'throughout the wards, palace precincts and parks'; Longshou Canal opened 583, weir 15 li east of Wannian; Cheng's correction that the Han Longshou Canal lay at Shangyan Mountain in Tongzhou; Huang Canal into Furong Pool, Qujiang seven li around and thirty qing. This Wikisource juan prints 滻 as 滬 in several passages — a look-alike slip; quoted lines avoid the variant.
  2. 宋敏求《长安志》卷十二(北宋;四库全书本,维基文库) — Yong'an Canal opened 583, drawing the Jiao River past the West Market into the park; Qingming Canal entering from Wannian County with no river named; Longshou Canal leaving the county to enter the Wei; the Cao Canal: 743 Wei water through Jinguang Gate and a timber pool in the West Market, 766 Li Gan's canal to Jingfeng and Yanxi Gates 'to transport firewood and charcoal'.
  3. 《唐六典》卷七·尚书工部·水部郎中条(唐官修,开元二十六年成书;维基文库) — Duties of the Waterways Bureau; watermills barred from competing with irrigation; sluice gates shut from late summer to mid-spring; ditches cleared in mid-spring and works finished by early winter; 'water is used beginning from below'; the capital's gate names, and the Directorate of Waterways among the four directorates in the Imperial City.
  4. 〈考古发现大明宫龙首渠〉(陕西历史博物馆网站转载,原载《西安晚报》,记者呼延思正) — The only measured stretch: 400-plus metres of Tang channel 130 m south of Hanyuan Hall, 3.65–4.0 m wide, about 1.6 m deep, water running east to west; three timber bridge foundations, the middle one 17 by 4.3 m, the outer two 128 and 129 m away; a 300 by 15 m road with ruts and an early brick path 1.1 m wide; stamped brick fragments. The excavators identify it as the Longshou Canal; the identification is theirs, not an inscription.