In Acheng, einem Stadtbezirk von Harbin in Heilongjiang, steht noch der Aufschluss einer Mauer aus der Jin-Zeit. Der Kern ist Stampflehm, Lage für Lage gestampft; die innere und die äußere Haut bestehen aus graublauen Ziegeln. Zuerst war der Lehmwall da, erst später wurde der Körper mit Ziegeln ummantelt. Vor neunhundert Jahren war dies die erste Hauptstadt der Jurchen-Jin.
1. Zwei Städte, getrennt durch tausend Li und einen Umzug der Residenz
Die erste Hauptstadt der Jin war Shangjing(上京), das Huining fu(会宁府). Nach dem Jin shi(《金史》), Abschnitt „Geographie“, trug der Ort im ersten Jahr von Tianjuan (1138) den Titel Shangjing; im ersten Jahr von Zhenyuan (1153) verlegte Hailing(海陵)die Residenz nach Yanjing(燕京), strich den Titel Shangjing und ließ nur den Namen Huining fu bestehen; erst im dreizehnten Jahr von Dading (1173) wurde der Name Shangjing wiederhergestellt. Im dritten Jahr von Tiande (1151) hatte Hailing Zhang Hao(张浩)und andere angewiesen, die „Yan-Stadt zu erweitern und zu vergrößern“ (增广燕城) — bei diesen zwei Wörtern lohnt ein Halt: Zhongdu war keine neu aus dem Boden gestampfte Stadt auf freiem Feld, sondern ein Umbau und eine Erweiterung der alten Stadt.
Nach dem archäologischen Bericht besteht Shangjing aus einer Nord- und einer Südstadt sowie der Kaiserstadt; der Grundriss ist winkelförmig (曲尺形), der Gesamtumfang beträgt rund elf Kilometer, die Gesamtfläche rund 6,28 Quadratkilometer. Die Kaiserstadt liegt in der Südstadt, westlich der Mitte: 649 Meter von Nord nach Süd, 503 Meter von Ost nach West. In ihrem mittleren Teil liegt der Palastbezirk; fünf Palastfundamente reihen sich von Süd nach Nord auf der Mittelachse, das zweite und das vierte mit I-förmigem Grundriss (工). Vom Südtor der Kaiserstadt bis zum Westtor der Südmauer der Südstadt läuft eine Allee auf der Mittelachse, über 560 Meter lang und über 40 Meter breit, mit Abzugsgräben an beiden Seiten.
2. Wie die Mauer gebaut wurde
Die drei Mauerabschnitte, die die Archäologie geöffnet hat, sind auf dieselbe Weise gebaut: Stampflehm in Schalung, direkt auf gewachsenem Boden, wobei am Mauerfuß zuerst eine Rinne ausgehoben und mit Lehm verfüllt wurde, der mit Ziegel- und Dachziegelsplittern vermischt war. Die Außenseite wurde mehrfach verstärkt, und an allen drei Abschnitten ist beiderseits eine zweite Bauphase zu sehen, in der graublaue Ziegel den Hauptwall ummanteln. Im Text findet sich genau ein Eintrag: im dreiundzwanzigsten Jahr von Dading (1183) „以甓束其城“ — pi(甓)ist der Ziegel, mit Ziegeln wurde die Stadt umschnürt. Ein Text, drei Sondierschnitte, dieselbe Sache. Ob die Ziegelummantelung in jenem Jahr begann, dazu sagt der Bericht nur „stimmt überein“ (相吻合); diese Darstellung legt das Jahr nicht fest.
Shangjing wurde auch einmal zerstört. Im zweiten Jahr von Zhenglong (1157) ließ Hailing „die Paläste, die Ahnentempel, die Wohnsitze der großen Clans und den Chuqing-Tempel restlos zerstören, die Fundamente einebnen und den Boden umpflügen und bebauen“ — die Sockel wurden abgetragen, die Erde umgeworfen und bestellt. Erst nach dem einundzwanzigsten Jahr von Dading (1181) wurden die Paläste wieder instand gesetzt, im dreiundzwanzigsten Jahr wurde die Stadt mit Ziegeln ummantelt. Die Archäologie fand am fünften Palastfundament zahlreiche verbrannte Bauteile; der Bericht „vermutet“ eine Zerstörung durch Feuer — eine Vermutung, kein Befund.
3. Die Zahl der Tore: der Bericht nennt selbst zwei Zahlen
Wie viele Tore die Außenstadt von Shangjing hatte, darauf gibt der Bericht selbst zwei Antworten: im vorderen Teil heißt es „die Außenstadt hat zwölf Stadttore“, im hinteren Teil „die Außenstadt hat dreizehn Stadttore“. Zwei Sätze in ein und demselben Aufsatz; diese Darstellung wählt nicht an seiner Stelle, sondern notiert nur: „bis zum offiziellen Grabungsbericht“. Sicher ist die Form: das Westtor der Südmauer der Südstadt ist am besten erhalten, 2014 ausgegraben, ein Tor mit einem einzigen Durchgang, davor eine vollständige Barbakane (瓮城); das Osttor der Kaiserstadt, 2021 ausgegraben, ist ein hallenartiges Tor, drei Joche breit und zwei Joche tief. Auf den Mauern stehen vorspringende Bastionen (马面) und Ecktürme (角楼). Gemessene Höhe und Breite der Stadtmauer, Jochzahl in Breite und Tiefe der einzelnen Palastfundamente: dafür gibt es kein Material.
Im Jin shi sind die Paläste von Shangjing eine Kette von Namen: Qianyuan dian(乾元殿, erbaut im dritten Jahr von Tianhui, im ersten Jahr von Tianjuan in Huangji dian umbenannt); Qingyuan gong(庆元宫, erbaut im dreizehnten Jahr von Tianhui, Halle Chenju, Tor Jinghui); Chao dian(朝殿, erbaut im ersten Jahr von Tianjuan, Halle Fude, Tor Yanguang, Schlafhalle Xiaoyi, Schreibhalle Jigu); Liang dian(凉殿, errichtet im zweiten Jahr von Huangtong, Tor Yanfu, Turm Wuyun, Halle Chongming); dazu der Ahnentempel (太庙) und die Altäre für Erde und Getreide (社稷). Das ist eine Bauliste, keine Messung am Fundort: welche Halle wo stand und wie groß sie war, sagt die Liste nicht.
4. Die zweite Stadt: Zhongdu
Nach einer archäologischen Notiz ist die Außenstadt von Zhongdu nahezu quadratisch: 18.690 Meter Umfang, rund 20 Quadratkilometer Fläche; der Mauerfuß ist 24 Meter breit, die Mauer war rund 16 bis 18 Meter hoch; 17 Meter außerhalb der Westmauer wurde ein Stadtgraben gefunden, rund 66 Meter breit. Die Mittelachse beginnt im Süden am Südtor Fengyi men(丰宜门), durchquert die einzelnen Palastbereiche der Kaiserstadt und endet im Norden am Nordtor Tongxuan men(通玄门); die Gesamtlänge beträgt rund 4.500 Meter. Die Haupthalle Da'an dian(大安殿)ist elf Joche breit, der Grundriss I-förmig (工); am Fundort kam ein sitzender Bronzedrache zutage. Die Notiz nennt Zhongdu „nach dem Vorbild der Nord-Song-Hauptstadt Dongjing“ (以北宋东京城为蓝本) — das ist das Urteil eines Forschers, diese Darstellung entscheidet es nicht.
Das Jin shi liefert Tornamen und Maße: Zhongdu habe „dreizehn Stadttore“ — im Osten Shiren, Xuanyao, Yangchun; im Süden Jingfeng, Fengyi, Duanli; im Westen Lize, Haohua, Zhangyi; im Norden Huicheng, Tongxuan, Chongzhi, Guangtai; „Yingtian men(应天门)elf Joche“ (十一楹); die Galerien vor der Kaiserstadt je über zweihundert Joche im Osten und im Westen, in drei Abschnitten; an der Prozessionsstraße (驰道) standen Weiden, die Firste der Galerien waren mit grünen Ziegeln gedeckt; das Holz stammte aus dem Tan-Garten des Zhending fu(真定府).
5. Text und Spaten: drei Übereinstimmungen, eine Nichtübereinstimmung
Die Gegenprüfung ist das Wertvollste an diesen beiden Städten. Tore: der Text sagt für Zhongdu „dreizehn Stadttore“; die Archäologie sagt: ursprünglich zwölf, später kam das nordöstliche Guangtai-Tor hinzu — zwölf plus eins, dreizehn, das stimmt. Zahlen: der Text sagt, Yingtian men habe „elf Joche“; die Archäologie sagt, Da'an dian sei elf Joche breit — das eine ist ein Tor, das andere eine Halle, die Zahl aber ist dieselbe; das lässt sich nur als Zahlenzufall notieren. Ziegel: der Text „以甓束其城“, die Archäologie sieht graublaue Ziegelummantelung, das stimmt, das Jahr ist nicht festgelegt. Eines stimmt nicht: ob die Außenstadt von Shangjing zwölf oder dreizehn Tore hatte, darin ist der Bericht selbst nicht einig, der offizielle Bericht steht aus.
Seite an Seite stehen die Maße deutlich auseinander: Shangjing rund elf Kilometer Umfang, rund 6,28 Quadratkilometer Fläche, Kaiserstadt 649 mal 503 Meter; Zhongdu 18.690 Meter Umfang, rund 20 Quadratkilometer Fläche, Mauerfuß 24 Meter, Stadtgraben 66 Meter, Mittelachse 4.500 Meter. Dass die Residenz von Huining fu nach Yanjing zog, war nicht nur ein Wechsel des Ortes, auch der Maßstab der Stadt wurde vergrößert. Die letzten Grenzen: die 31.270 Haushalte von Huining fu und die 225.592 Haushalte von Daxing fu(大兴府)sind Präfekturzahlen, nicht die Bevölkerung innerhalb der Mauern, und dürfen nicht durch die Fläche geteilt werden, um eine Dichte zu errechnen; Arbeitskräfte, Baumaterial, Bauzeit, offizieller Grabungsbericht — all das fehlt. Ein Text, drei Sondierschnitte: was übereinstimmt, stimmt klar; was nicht übereinstimmt, bleibt auch hier stehen.
Quellen und weitere Lektüre
- 《金史》卷二十四·地理志上(元脱脱等修;维基文库) — Huining: the title of Supreme Capital from 1138, stripped at the move to Yanjing in 1153, restored in 1173; the list of palace names; the destruction of palaces, temple and mansions in 1157 and the wall bound with brick in 1183; 31,270 households in Huining prefecture. Zhongdu: the enlargement of the Yan city ordered in 1151, the thirteen gate names (the Wikisource text reads 影风 for the southern gate; the standard reading 景风, Jingfeng, is followed here), the Yingtian gate of eleven bays, galleries of two hundred bays on each side; 225,592 households in Daxing prefecture. Yuan compilation, and the palace section is a list of buildings, not a survey.
- 赵永军、刘阳〈金上京遗址考古新进展〉(中国社会科学网-中国社会科学报,2026-09-28) — Survey report on Huining: L-shaped plan of two cities plus imperial city, about 11 km round and 6.28 sq km; imperial city 649 by 503 m; rammed-earth walls with brick facing as a second construction; twelve gates in one passage of the text and thirteen in another; the 2014 single-passage gate with barbican; five palace foundations on the axis; the 560 by 40 m avenue with drains. Survey article, not a final excavation report.
- 丁利娜〈考古揭示870年前的金中都风貌〉(《人民日报》2023-08-05;中国社会科学网转载) — Archaeological note on Zhongdu: outer wall 18,690 m round, about 20 sq km, wall base 24 m and height about 16-18 m, bastions, moat about 66 m wide, axis about 4,500 m from Fengyi to Tongxuan gate, Da'an hall eleven bays wide, bronze seated dragon. Popular article by a city archaeologist, not a final report.




