Am Ende einer fertig abgeschriebenen Rolle hat jemand eine Zeile in kleiner Schrift ergänzt. Sie stammt, zitiert nach dem Aufsatz von Tian Weiwei, von Zhang Gui, einem „学仕“ (xueshi), also einem Schüler-Schreiber des Klosters Jinguangming in Dunhuang: 「天复伍年乙丑岁十二月十五日敦煌郡金光明寺学仕张龟写。」 — „Geschrieben am fünfzehnten Tag des zwölften Monats im fünften Jahr Tianfu, im Jahr yichou, von Zhang Gui, Schüler-Schreiber des Klosters Jinguangming, Kommandantur Dunhuang.“ Das fünfte Jahr Tianfu ist 905. Die Rolle ist 26,7 Zentimeter hoch und 185,3 Zentimeter lang, und was er gerade zu Ende abgeschrieben hatte, war ein langes Gedicht: 《秦妇吟》 Qin Fu Yin, die „Klage der Dame Qin“. Wir wissen nicht, wie alt er war, wie viele Jahre er in der Klosterschule saß und ob er Schulgeld gezahlt hat. Wir wissen, an welchem Tag er fertig wurde.

Das ist das Material dieses Artikels: Nachschriften am Ende von Handschriften, keine Paragraphen einer Ordnung — keine Geschichte des Bildungswesens der Tang-Zeit. Aus Dunhuang sind elf Handschriften der „Klage der Dame Qin“ geborgen worden, sechs davon tragen die Notiz eines Schuljungen. Das Gedicht selbst ist Wei Zhuangs (韦庄) lange Erzählung vom Aufstand des Huang Chao; es war ein Jahrtausend lang verloren und kam erst mit der Entdeckung der Bibliothekshöhle von Dunhuang zurück. Warum es im Unterricht lag, ist nicht schwer zu erraten: lang, mit wirklicher Geschichte darin, weithin geschätzt, in gleichmäßigem Reim — genau die Übung für einen Schüler, der später einmal politische Gutachten schreiben und Verse verfassen sollte. Die Kinder nannten sich „学仕“ (xueshi), „学仕郎“ oder „学士郎“ (xueshilang), „学士童儿“ (xueshi tong'er, „Schülerknabe“), auch „寺弥“ (Tempelnovize) oder „百姓“ (Bürger). Nach Tian sagten sie früh meist „Student“, später meist „Schüler-Schreiber“. Die datierten Notizen liegen zwischen 850 und 986, also in der Zeit, in der die Guiyi-Armee Dunhuang beherrschte. Zwei Grenzen gleich vorweg: Das ist Dunhuang, nicht Chang'an, und es ist überwiegend späte Tang-Zeit und Zeit der Fünf Dynastien, nicht die Blütezeit der Tang; und die Nachschriften sind aus dem Aufsatz zitiert, nicht an den Tafeln nachgeprüft.

Was sie abschrieben

Die Handschriften sind bescheidene Dinge. Zwei sind lange Rollen: die eine 26,7 × 185,3 Zentimeter, die andere 40,6 × 174,9 Zentimeter; unter den elf finden sich Fragmente von weniger als fünf Zentimetern im Quadrat, und zwei kleine „Taschenausgaben“, beide von ein und demselben Schüler geschrieben, von Yin Nu'er (阴奴儿). Sie schrieben nicht nur Gedichte ab: Handschriften mit Schülersignatur enthalten auch 《太公家教》 Taigong Jiajiao, die „Familienerziehung des Großherzogs Tai“, ein sehr verbreitetes Benimmbuch; 《开蒙要训》 Kaimeng Yaoxun, die „notwendige Unterweisung für den ersten Unterricht“; 《论语集解》 Lunyu Jijie, die „Gespräche“ mit gesammeltem Kommentar; 《孝经》 Xiaojing, den Klassiker der Kindesliebe; und 《王梵志诗》 Wang Fanzhi shi, Gedichte des Wang Fanzhi. Die Lehrtexte von Klosterschulen, Privatschulen und staatlichen Schulen waren „im Großen und Ganzen ähnlich“, und selbst Söhne und Neffen der Guiyi-Herrscher haben eine Klosterschule besucht. Mindestens drei der sechs Nachschriften gehören zu Klosterschulen, und diese Klöster lagen nicht am selben Ort: Jinguangming im Nordwesten der Stadt Shazhou, Jingtu innerhalb der Stadtmauer, Sanjie vor den Mogao-Grotten — die Kinder mit ihren Abschriften saßen nicht alle in einer Ecke der Stadt. Was die Schriftzüge angeht, so urteilt Tian, sie seien „zum größten Teil recht unbeholfen und mit ziemlicher Sicherheit von Anfängern geschrieben“ — das ist ein Urteil der Forschung, kein feststehender Befund.

Erste Ebene: Zeichen

Die erste Ebene war das Erkennen der Zeichen. 《千字文》 Qianziwen, der „Klassiker der tausend Zeichen“, wurde von Zhou Xingsi 周兴嗣 unter der Liang-Dynastie im Süden zusammengestellt und war in der Tang-Zeit allgemein im Gebrauch — nicht von Tang-Leuten verfasst und nicht „von der Tang-Regierung verbindlich eingeführt“. 「天地玄黄,宇宙洪荒。日月盈昃,辰宿列张。」 — „Der Himmel ist dunkel, die Erde gelb; das All ist weites Wasser. Sonne und Mond füllen sich und nehmen ab; die Gestirne stehen in ihren Reihen.“ Vier Zeichen pro Zeile, tausend Zeichen, gereimt, vom Himmel bis zu den menschlichen Dingen, und am Ende läuft es auf ein paar Partikeln zu: 「谓语助者,焉哉乎也。」 — „Was man Partikeln nennt: yan, zai, hu, ye.“ Wer das hinter sich hatte, hatte tausend Zeichen gesehen; und auch einen Satz wie 「尺璧非宝,寸阴是竞」 — „Eine Elle Jade ist kein Schatz; um einen Zoll Zeit wetteifert man.“

Zweite Ebene: Anekdoten

Die zweite Ebene war das Auswendiglernen von Geschichten. 《蒙求》 Mengqiu, die „Suche nach dem Verborgenen“ des Li Han 李瀚, geht vier Zeichen pro Wendung, zwei Wendungen zu einem Paar, und jede Wendung ist ein Mensch, eine Geschichte: 「王戎简要,裴楷清通」 — „Wang Rong knapp und treffend, Pei Kai klar und durchdringend“; 「匡衡凿壁,孙敬闭户」 — „Kuang Heng durchbrach die Wand, Sun Jing schloss die Tür“; 「孙康映雪,车胤聚萤」 — „Sun Kang las beim Schnee, Che Yin bei den Leuchtkäfern“; 「蒙恬制笔,蔡伦造纸」 — „Meng Tian machte den Pinsel, Cai Lun das Papier“; 「王充阅市」 — „Wang Chong las auf dem Markt“. Und am Schluss wendet es sich unvermittelt an die Kinder: 「浩浩万古,不可备甄。芟繁摭华,尔曹勉旃。」 — „Weit sind die Zeitalter, nicht alles ist zu sichten; schneidet das Üppige weg und sammelt die Blüten — ihr da, gebt euch Mühe.“ „尔曹“ ist keine Floskel: das sind die Kinder, die unten sitzen.

Dritte Ebene: Mensch werden

Die dritte Ebene war, ein Mensch zu werden. 《太公家教》 Taigong Jiajiao besteht aus nichts als schlichten Sprüchen in der Umgangssprache; der Verfasser ist umstritten, die alte Zuschreibung an Jiang Gongfu 姜公辅 ist nicht gesichert. 「小儿学者,如日出之光;老而不学,冥冥如夜。」 — „Ein Kind, das lernt, gleicht dem Licht der aufgehenden Sonne; alt werden, ohne zu lernen, ist dunkel wie die Nacht.“ 「弟子事师,敬同于父,习其道也,学其言语。」 — „Ein Schüler dient dem Lehrer mit der Achtung, die dem Vater gilt, übt dessen Weg und lernt dessen Worte.“ 「弟子有束修之好。一日为师,终日为父。」 — „Der Schüler bringt die Gabe des shuxiu dar; ist einer einen Tag lang Lehrer, ist er ein Leben lang Vater.“ 「勤是无价之宝,学是明目神珠。积财千万,不如明解一经;良田千顷,不如薄艺随身。」 — „Fleiß ist ein Schatz ohne Preis, Lernen die helle Perle des Auges. Tausendfachen Reichtum anzusammeln ist nicht so viel, wie einen einzigen Klassiker zu verstehen; tausend Qing guten Landes sind nicht so viel wie eine bescheidene Fertigkeit, die man bei sich trägt.“ Das Wort 束修 (shuxiu) — das Bündel getrocknetes Fleisch, das ein Schüler mitbrachte — kommt vor, ein Preis steht nirgends.

Lehrbücher, die voneinander abschreiben

Die Lehrbücher bedienen sich gegenseitig. 《千字文》 enthält den Satz 「女慕贞絜,男效才良」 — „Frauen streben nach Keuschheit und Reinheit, Männer ahmen die Tüchtigen und Guten nach.“ 《太公家教》 enthält denselben Satz noch einmal, nur ist 「絜」 dort als 「洁」 geschrieben. Das ist kein zufälliges Zusammentreffen, sondern ein Satz, der aus einem Schulbuch ins andere abgeschrieben wurde: keine voneinander unabhängigen Klassiker, sondern eine Schichtung von Lesestoffen für den Alltag, die einander die Sätze nehmen. Man sieht das, wenn man die beiden Texte nebeneinander liest — in den Quellen steht es nicht.

Was fehlt, ist genauso wichtig. Es gibt keine Summe für Schulgeld, keine Preise für Bücher, Papier, Pinsel und Tusche, keinen Stundenplan, kein Schulhalbjahr, keinen Vermerk darüber, wie viele Jahre ein Kind gelernt hat. In den Rändern der Nachschriften sollen Spottverse von Schulkindern stehen; in diesem Durchgang ließ sich keine lesbare Transkription finden, deshalb steht hier nur der Vermerk: nachzutragen, nicht zitieren. Die Nachschriften geben Namen und Daten, keine Rechnungsbücher.

Nicht einmal der Name steht fest. Auf P.3780 hat dasselbe Kind zweimal unterschrieben. Erst: 「显德二年丁巳岁二月十七就家学仕郎马富德书记」 — „Am siebzehnten Tag des zweiten Monats im zweiten Jahr Xiande, im Jahr dingsi, hat Ma Fude, Schüler-Schreiber an der Hausschule, dies geschrieben.“ Dann, zwei Tage später im selben Monat: 「大周显德四年丁巳岁二月十九日学士童儿马富德书记」 — „Am neunzehnten Tag des zweiten Monats im vierten Jahr Xiande der Großen Zhou, im Jahr dingsi, hat Ma Fude, Schülerknabe, dies geschrieben.“ Ein und derselbe Mensch, zwei Bezeichnungen: erst „学仕郎“, dann „学士童儿“. Und eine Sperrigkeit im Text obendrein: „zweites Jahr Xiande“ (955) und das Zyklusjahr dingsi 丁巳, das 957 und damit in Wahrheit das vierte Jahr Xiande ist, passen nicht zusammen. Die Handschrift sagt, was sie sagt; ich glätte es nicht. Es war ein Kind, das für sich noch keine feste Bezeichnung gefunden hatte.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 李瀚《蒙求》(唐;维基文库) — The Tang primer of four-character phrases: “Wang Rong terse and essential, Pei Kai clear and penetrating”; “Kuang Heng bored through the wall, Sun Jing shut his door”; “Sun Kang read by snow, Che Yin by fireflies”; it ends by addressing the reader — “cut the weeds and gather the flowers; you children, do your best.”
  2. 周兴嗣《千字文》(南朝梁;维基文库) — Compiled under the Liang, standard in Tang times: four characters to a line, a thousand characters, ending on the particles. “Women admire chastity, men emulate the worthy”; “a foot of jade is not treasure, an inch of time is what we race.”
  3. 《太公家教》(旧题唐姜公辅,作者有争议;维基文库) — Plain maxims for children: “a child who studies is like the light of the rising sun”; “one day a teacher, a lifetime a father”; the *shuxiu* bond is named but never priced; the line on chastity and worth repeats the Thousand Character Classic almost verbatim.
  4. 田卫卫〈唐宋之交敦煌学童群体与社会文化传播〉,《光明日报》2025-01-25 第 11 版 — Eleven Dunhuang copies of the Lament of the Lady Qin, six with student colophons; dated notes 850–986; the 905 colophon of Zhang Gui at the Jinguangming monastery, the 919 note of An Yousheng, Ma Fude's two signatures of 957; the six self-descriptions; the school texts; scroll measurements; and the judgement that the handwriting is that of beginners. Colophons are quoted from this article, not from the original scrolls.