Am 1. des 3. Monats öffnete sich vor dem Shuntian men(顺天门,Tor der Himmelsfolge)das Gelände des Jinming Chi(金明池,der Teich der goldenen Helligkeit). Unter den Weiden am Westufer saß eine Reihe von Angelfischern. Wer die Rute auswerfen wollte, musste zuerst beim Büro des Teichparks eine hölzerne Marke kaufen, ein paizi(牌子,Berechtigungsmarke); ohne Marke wurde nicht gefischt. Was an den Haken ging, wurde an Ort und Stelle zu doppeltem Preis an die Besucher verkauft und gleich am Wasser zu rohem Fischsalat geschnitten, xuanqie yuhui(旋切鱼脍,nach Bestellung geschnittener roher Fisch), dazu Wein. Wohin die Differenz ging, ist nicht überliefert.

Nach dem Laternenfest leert sich die Stadt

Gut einen Monat vor der Öffnung ist die Stadt schon einmal hinausgezogen. Kaum sind die Laternen abgenommen, drängen die Bewohner der Hauptstadt vor die Tore, um den Frühling zu suchen. Die Ziele liegen bereit: südlich der Stadt der Yujin yuan(玉津园,Garten an der Jadefurt)und die Yuxian guan(玉仙观,Abtei der Jadeunsterblichen), östlich der Kuaichuo lin(快活林,Wald des Vergnügens), westlich hinter dem Shuntian men der Jinming Chi. Meng Yuanlao(孟元老)zählt im sechsten Kapitel des Dongjing Meng Hua Lu(《东京梦华录》,„Aufzeichnungen vom Traum der Blüte der östlichen Hauptstadt“)die Gärten und Hallen auf und zieht daraus eine Summe:

大抵都城左近,皆是園圃,百里之內,並無閑地。 — Rund um die Hauptstadt war alles Gartenland, und auf hundert li gab es kein brachliegendes Stück.

„百里之內,並無閑地“ handelt nicht von Blumen, sondern von Boden, der restlos vergeben war. Ein Teil der Gärten gehörte dem Staat, andere trugen die Namen von Großmarschällen und kaiserlichen Schwiegersöhnen, und im Nordwesten der Stadt lag ein Garten eines gewöhnlichen Bürgers, mit aufgeschütteter Terrasse und Pavillons für das Becherspiel im fließenden Wasser; bei ihm steht ausdrücklich „放人春賞“ – zur Frühlingsbetrachtung geöffnet. Sobald der Frühling kam, wurden alle diese Anlagen zu Orten, in die man hineingehen und sich setzen konnte.

四野如市,往往就芳樹之下,或園囿之間,羅列杯盤,互相勸酬。 — Das offene Land war wie ein Markt: Unter blühenden Bäumen oder zwischen den Gärten wurden Schalen und Teller aufgereiht, und man bediente einander mit Speise und Trank.

Das war Qingming(清明,das Fest des klaren Lichts), an dem die Gräber besucht werden. Beamte und einfaches Volk verstopften die Tore, und die Läden für Papieropfer schichteten am Straßenrand Papier zu Türmen und Pavillons. Wer zurückkam, hatte die Hände nicht leer: gedämpfte Fladen, huangpang(黄胖,wohl eine Tonfigur), daodao(掉刀,wohl ein messerförmiges Spielzeug), seltene Blumen und Früchte, shanting xiju(山亭戏具,wohl ein Spielzeug aus Papier in Form eines Pavillons), Enteneier und Hühnerfutter – alles zusammen hieß „門外土“, Erde von draußen vor dem Tor. Die eine Hälfte davon wurde gegessen, die andere bespielt; der Name selbst sagt schon, dass niemand von einem Ausflug ohne Mitbringsel zurückkam.

Der 1. des 3. Monats: der Teich öffnet

Der Teich liegt nördlich der Straße vor dem Shuntian men; sein Umfang beträgt rund neun li und dreißig Schritte, an der Westseite misst der Durchmesser gut sieben li. Wer das Tor passiert und zur Südbank geht, steht nach gut hundert Schritten nach Westen vor der nach Norden ausgerichteten Linshui dian(临水殿,Halle am Wasser), und einige hundert Schritte weiter vor der Xian qiao(仙桥,Brücke der Unsterblichen): drei Bogen aus rot lackiertem Geländer, in der Mitte erhöht, im Volksmund Luotuo hong(骆驼虹,Kamelregenbogen). Am Ende der Brücke liegen fünf Hallen mitten im Wasser, die vier Ufer sind mit Stein ausgelegt.

三月一日,州西順天門外開金明池瓊林苑,每日教習車駕上池儀範。雖禁從士庶許縱賞,御史臺有榜不得彈劾。 — Am 1. des 3. Monats wurden westlich der Stadt vor dem Shuntian men der Jinming Chi und der Qionglin yuan(琼林苑,Park des Jadehains)geöffnet; täglich wurden dort die Formen eingeübt, in denen der kaiserliche Zug auf den Teich ging. Selbst Garde und Gefolge eingeschlossen, war Beamten wie einfachem Volk freies Vergnügen gestattet; das Zensorat hatte einen Anschlag ausgehängt, dass keine Anklage erhoben werde.

Hinter diesem letzten Satz lohnt ein Halt. Das Yushitai(御史台,das Zensorat)wachte über die Amtsführung der Beamten, und wer außer der Ordnung Bankette feierte, musste mit einer Anzeige rechnen. Dass während der Teichsaison ein Anschlag öffentlich erklärte, es werde keine geben, kommt einer befristeten Erlaubnis für die gesamte Beamtenschaft gleich – der Text überliefert nur den Anschlag und erklärt seine Absicht nicht (Vermutung).

Der Teich blieb bis zum 8. des 4. Monats offen. Dazwischen lagen 39 Tage.

自三月一日至四月八日閉池,雖風雨亦有遊人,略無虛日矣。 — Vom 1. des 3. Monats bis zur Schließung am 8. des 4. kamen Besucher, auch bei Wind und Regen; kaum ein Tag blieb leer.

Am Ufer ist der Platz gemietet

Der beste Platz lag nicht auf der Brücke, sondern auf dem Boden. Unter den hängenden Weiden standen die caipeng muci(彩棚幕次,bemalte Sonnendächer und Zeltbuden)in einer Reihe:

臨水近墻皆垂楊,兩邊皆彩棚幕次,臨水假賃,觀看爭標。 — Am Wasser entlang und an der Mauer standen überall Trauerweiden, zu beiden Seiten reihten sich bemalte Dächer und Zeltbuden, am Ufer vermietet, um dem Wettfahren um die Flagge zuzusehen.

„假賃“ heißt mieten. Das zhengbiao(争标,das Wettfahren um die Flagge)war eine Bootsregatta auf dem Teich, und wer zusehen wollte, brauchte einen Platz; die Plätze wurden saisonweise vergeben. Das war das erste Geschäft der Saison: das Ufer in Abschnitte zu teilen und diese Abschnitte Stück für Stück an die Schaulustigen zu bringen.

Auf der Straße dahinter standen die Läden nach Gewerbe geordnet:

街東皆酒食店舍,博易場戶,藝人勾肆,質庫,不以幾日解下,只至閉池,便典沒出賣。 — Östlich der Straße lagen Weinstuben und Speisehäuser, Tausch- und Handelshöfe, die Gehege der Schausteller und Pfandhäuser; eingelöst wurde nicht nach einer bestimmten Zahl von Tagen, sondern erst mit der Schließung des Teichs, und dann wurde das Pfand verkauft.

Die Straße war nach Gewerbe sortiert, und ihr Taktgeber stand am Ende. Boyi changhu(博易场户,Tausch- und Handelshäuser), gousi(勾肆,Gehege der Schausteller), vor allem die zhiku(质库,Pfandhäuser): Deren Frist war an den Spielplan des Teichs gebunden, nicht an eine Zahl von Tagen, sondern an die Schließung. Wer bis dahin nicht eingelöst hatte, dessen Pfand verfiel und ging in den Verkauf über, dianmo chumai(典没出卖,Verkauf verfallener Pfänder). Der Geldfluss einer ganzen Straße hing am 8. des 4. Monats. Was verpfändet wurde und warum, steht nicht da; Geld für den Ausflug ist eine Vermutung.

Dazu kam das guanpu(关扑,Kaufen durch Wetten): Münzen wurden geworfen, Waren als Einsatz gesetzt, Gewinn und Verlust nach Wert verrechnet. Im Teichpark hieß es „有以一笏撲三十笏者“ – einer setzte ein yi hu(一笏,eine Gewichtseinheit für Silber)und spielte um dreißig. Sogar Wagen und Pferde, Land und Häuser, Sängerinnen und Tänzerinnen ließen sich „約以價而撲之“: erst wurde der Preis vereinbart, dann entschied der Wurf. Wie viel ein hu wert war, ist nicht angegeben (unsicher).

Für das Essen am Teich gab es eine eigene Liste: shuifan(水饭,mit Wasser verdünnter Reis), kalte Mungobohnensuppe, Schneckenfleisch, meihuajiu(梅花酒,Pflaumenblütenwein), Birnen- und Aprikosenscheiben, Pflaumen, in Gewürz eingelegte Pflaumen, nach Bestellung geschnittener roher Fisch, Schwarzfisch, gesalzene Enteneier, gemischtes scharfes Gemüse. Ein gutes Dutzend Posten, fast alle kalt oder frisch aufgeschnitten – am Ufer stand wohl kein Herd (Vermutung).

Die Boote und ihre Preise

宣、政間亦有假賃大小船子,許士庶遊賞,其價有差。 — In den Jahren Xuanhe und Zhenghe wurden auch große und kleine Boote vermietet; Beamten wie einfachem Volk war das Vergnügen auf dem Wasser erlaubt, und die Preise waren verschieden.

Es ist der einzige Satz des ganzen Berichts, der Bootspreise erwähnt, und er nennt keine Zahl. Zu erfahren ist nur, dass die Preise verschieden waren: Boote in Größen, Tarife in Stufen. Das Geschäft begann in den Jahren Xuanhe und Zhenghe, also in den 1110er und 1120er Jahren; wer die Boote auf dem Teich vorher benutzte, ist nicht überliefert. Die Häuser der Reichen hatten ihren eigenen Weg: flache, schwarz lackierte Boote mit doppeltem Tauwerk, violetten Vorhängen und der eigenen Musik an Bord – gemietet wurde nichts.

承平時,頭船如大綠、間綠、十樣錦、百花、寶勝、明玉之類,何翅百餘。 — In den friedlichen Jahren gab es touchuan(头船,Spitzenboote)mit Namen wie Großes Grün, Gesprenkeltes Grün, Zehnfacher Brokat, Hundert Blumen, Kostbarer Sieg und Helles Jade, weit mehr als hundert.

Großes Grün, Gesprenkeltes Grün, Zehnfacher Brokat, Hundert Blumen, Kostbarer Sieg, Helles Jade – sechs Namen, und alle sechs sind Boote; weit mehr als hundert, der Rest „不計其數“, nicht zu zählen. Ein Boot mit Namen trug ein Schild, und erst mit dem Schild ließ sich über einen Preis reden.

Die Gärten öffnen ihre Pforten

Auch außerhalb des Teichs gingen die Gartentore auf. Nördlich der Mauer von Lin'an, neben dem Wohnsitz des Eunuchen Jiang Yuanshi(蒋苑使,Gartenkommissar Jiang), lag ein Garten mit den prächtigsten Pavillons und Blumen; jedes Frühjahr ließ man die Leute hinein, wie Wu Zimu(吴自牧)im neunzehnten Kapitel des Mengliang Lu(《梦粱录》,„Aufzeichnungen von den Träumen von Liang“)notiert:

每歲春月,放人遊玩,堂宇內頓放買賣關撲、並體內庭規式,如龍船、鬧竿、花籃、花工,用七寶珠翠,奇巧裝結,花朵冠梳,並皆時樣。 — Jedes Frühjahr wurde der Garten zum Lustwandeln geöffnet; in den Hallen standen Handel und Wetten bereit, ganz nach der Ordnung des inneren Hofes: Drachenboote, Feststangen, Blumenkörbe und Blumengestecke, mit siebenfachem Edelstein- und Eisvogelschmuck kunstvoll verknüpft, Blüten, Kronen und Kämme ganz nach der Mode der Zeit.

In den Hallen standen nicht Blumen, sondern Handel und Wetten; die Ausstattung folgte dem Muster des Palastes, und Drachenboote wie Feststangen waren mit Edelstein und Eisvogelfedern aufgebaut. Der Garten ließ außerdem ein Stück Dorf errichten, „桃村杏館酒簾“ – Taocun xingguan jiulian(桃村杏馆酒帘,Pfirsichdorf, Aprikosenherberge und Weinfahne)–, Kulisse auf ein paar mu Land, und die Zuschauer standen wie auf einem Markt. Die Stadtleute gaben Geld aus, um ein Dorf zu sehen, das für sie hergerichtet worden war.

Bei den staatlichen Gärten war es nicht anders. Der Qionglin yuan war „多是酒家所占“, überwiegend von Weinhäusern besetzt, und der Hamating(虾蟆亭,Krötenpavillon)am Teich „亦是酒家占“ – ebenfalls von einem Weinhaus. Der Garten gehörte dem Staat, das Geschäft dem Weinhaus.

Daher stammt das Sprichwort aus Hangzhou. Auf dem Westsee war „凡遊觀買賣,皆無所禁“ – Sehen und Handeln war niemandem verboten. Obst und Gemüse, Suppen und Wein, Wetten, yinan(宜男,Taglilie), Spielgerät, Feststangen, bemalte Fächer, Zuckerfische und Tonfiguren hießen zusammen huzhong tuyi(湖中土宜,die einheimischen Erzeugnisse des Sees); Musikanten, Possenspieler, Taschenspieler, Topfwerfer, Ballspieler, Wasserpuppenspieler, Feuerwerker und Drachensteiger zählten zu den gan chen ren(赶趁人,den Leuten, die der Menge nachziehen). Am Ende eines Tages hieß es:

日糜金錢,靡有紀極。故杭諺有「銷金鍋兒」之號,此語不為過也。 — Tag für Tag zerschmolz Geld, ohne Maß und Ende. Daher trägt Hangzhou den Namen „銷金鍋兒“, der Topf, in dem das Gold schmilzt; und das Wort ist keine Übertreibung.

Ein Topf, in dem Gold schmilzt – Geld hinein, und es löst sich auf. Das ist keine Beschimpfung, sondern eine Rechnung. Auf der einen Seite stehen die vermieteten Uferstücke, die zurückverkauften Fische, die verspielten hu und das Geschirr, das in einen Garten getragen wurde; auf der anderen 39 Tage Teich und die Pfandfristen einer einzigen Straße.

Am 8. des 4. Monats schlossen sich die Tore des Teichs. Die Fristen der Pfandhäuser liefen am selben Tag ab, und was nicht eingelöst war, wanderte auf den Ladentisch. Der Frühling dieses Jahres war damit abgerechnet.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 孟元老《東京夢華錄》卷六「收燈都人出城探春」(Meng Yuanlao, Dongjing Meng Hua Lu, juan 6, 'The Lamps Are Put Away and the City Goes Out to Find Spring') — The rush out of the gates after the lanterns are taken down, the roll of gardens south, east and west of the city, and the line that within a hundred li there was no idle ground.
  2. 孟元老《東京夢華錄》卷七「三月一日開金明池瓊林苑」(Meng Yuanlao, Dongjing Meng Hua Lu, juan 7, 'On the First of the Third Month the Jinming Pool and Qionglin Park Open') — The opening day, the censorate notice, the measured circuit of the pool, rented waterside booths, the pawnshops on the east street, the fishing tags and the graded boat rents.
  3. 周密《武林舊事》卷三「西湖游幸」(Zhou Mi, Wulin Jiushi, juan 3, 'Excursions on the West Lake') — Trade on the lake forbidden to no one, the list of lake goods and of the 'chasing-the-crowd' trades, the named head boats, and the Hangzhou saying about the melting pot of gold.
  4. 吳自牧《夢粱錄》卷十九「園囿」(Wu Zimu, Mengliang Lu, juan 19, 'Gardens') — The eunuch's garden opened to the public every spring, with goods and gambling laid out inside its halls and a fake village built on a few mu of ground.