Am vierundzwanzigsten Tag des sechsten Monats, lange vor Tagesanbruch, war der Platz vor dem Tempel, eine li außerhalb von Wanxing men(万姓门, dem Tor der Zehntausend Namen im Westen von Kaifeng), bereits voller Menschen. Auf der offenen Bühne vor der Halle begann mit dem ersten Morgenlicht die Vorführung der „hundert Künste“, und sie dauerte bis zur Dunkelheit, ohne zu enden. Der Mann, der es aufschrieb, brauchte dafür sechs Zeichen: 至暮呈拽不盡 – bis zum Abend brachten sie sie nicht zu Ende. Der Satz steht in Meng Yuanlaos Dongjing Meng Hua Lu(《东京梦华录》,„Aufzeichnungen vom Traum der Blüte der östlichen Hauptstadt“), einem Erinnerungsbuch an die Hauptstadt der Nördlichen Song.

Zweiundzwanzig Nummern auf einem Tempelprogramm

Der Tempel war dem Zweiten Herrn von Guankou geweiht, Guankou Erlang(灌口二郎神); der Hof hatte ihm den Namen Shenbao guan(神保观, Shenbao-Kloster)verliehen, und er lag eine li oder etwas mehr vor dem Tor. Der sechste Tag des sechsten Monats war der Geburtstag des Herrn Cui, Cui Fujun(崔府君), nördlich der Stadt, und brachte ebenfalls „多有獻送“, viele Gaben; der große Tag aber war der vierundzwanzigste. Schon am dreiundzwanzigsten schickte der Hof seine Geschenke: Spielzeug aus der Werkstatt des Hinteren Gartens(Houyuan zuo后苑作)und dem Kalligrafieamt(Shuyi ju书艺局)– Poloschläger, Kugelbögen, Sättel, Zaumzeug, Käfige –, und das alles wurde unter Musik zum Tempel getragen. Am nächsten Morgen, zur fünften Nachtwache, drängten sich die ersten, um den ersten Weihrauch zu verbrennen; manche, so heißt es, hatten im Tempel übernachtet und waren um Mitternacht aufgestanden, um ihn zu bekommen.

自早呈拽百戲,如上竿、趯弄、跳索、相撲、鼓板、小唱、鬥雞、說諢話、雜扮、商謎、合笙、喬筋骨、喬相樸、浪子、雜劇、叫果子、學像生、倬刀、裝鬼、砑鼓、牌棒、道術之類,色色有之。至暮呈拽不盡。 — „Von früh an brachten sie die hundert Künste: Stangenklettern, Fußjonglage, Seiltanz, Ringen, Trommel und Klapper, kleine Gesänge, Hahnenkampf, komisches Geschwätz, Possenreißen, Rätsel, Mundorgelspiel, Scheinverrenkungen, Scheinringen, Gassenhauerpossen, Singspiel, Straßenrufe, Nachahmerei, Schwerttanz, Geistermaskerade, Trommeltanz, Stockkampf und daoistische Kunststücke – von jeder Sorte war etwas da. Bis zum Abend brachten sie sie nicht zu Ende.“

Zählt man die Nummern durch, sind es zweiundzwanzig. Shanggan(上竿, Stangenklettern), tiaosuo(跳索, Seiltanz)und das Fußjonglieren sind die Akrobatik; Ringen(相扑)ist echt, Scheinringen(乔相扑)gespielt, und beide stehen auf demselben Programm. Trommel und Klapper sowie Mundorgel sind Instrumentalmusik, die kleinen Gesänge, das komische Geschwätz, die Straßenrufe und die Nachahmerei sind Gesangs- und Stimmkunst, Singspiel, Possen und Gassenhauerpossen sind Theater; Schwerttanz(倬刀)und Stockkampf(牌棒)sind Waffenwerk; das Rätselraten(商谜)ist ein bezahltes Spiel; Geistermaskerade(装鬼)und daoistische Kunststücke(道术)stehen je für sich. Ein einziger Zettel deckte den Kletterer, den Ringer, den Sänger, den Redner, den Rätselmann und den Geisterbeschwörer.

An diesem Tag ging es nicht nur um Aufführungen. Die kaiserliche Küche, Taiguan ju(太官局), lieferte Speisen, „連夜二十四盞,各有節次“ – vierundzwanzig Gänge durch die Nacht, jeder an seiner Stelle in der Ordnung; auf der Bühne standen außerdem die Gaben des shehuo(社火, des Gemeinschaftsopfers bei Tempelfesten), und was da zusammenkam, wurde nach Zehntausenden gezählt. Die Darbietungen liefen zwischen Gaben, Gängen und Weihrauch.

Zwei Stangen, zwei Hausherren

Vor der Bühne standen zwei Bannerstangen, fangan(幡竿), jede nach der Überlieferung mehrere Dutzend zhang hoch; ein zhang maß gut drei Meter, die Zahl ist also eher Ausdruck des Staunens als ein Maß. Der Tempel hatte sie nicht bezahlt: zwei Behörden stellten je eine auf.

殿前兩幡竿,高數十丈,左則京城所,右則修內司,搭材分占上竿呈藝解。或竿尖立橫木列於其上,裝神鬼,吐煙火,甚危險駭人。 — „Vor der Halle standen zwei Bannerstangen, mehrere Dutzend zhang hoch: links die Hauptstadtwerkstätten, rechts das Palastinstandhaltungsamt. Die Gerüstbauer teilten sie unter sich und zeigten an jeder ihre Kletterkünste. Oben auf dem Querholz stand einer, als Gott oder Dämon zurechtgemacht, und spuckte Feuer und Rauch – gefährlich, und erschreckend anzusehen.“

Die Hauptstadtwerkstätten, Jingcheng suo(京城所), und das Palastinstandhaltungsamt, Xiuneisi(修内司), waren beides Bauverwaltungen, und eine Stange hatte einen Herrn: „搭材分占“ – die Gerüstbauer besetzten je eine und turnten an ihrer eigenen. Der Rauch und das Feuer kamen oben aus der Stange – Bühneneffekt, kein Wunder.

Dieselbe Stange erscheint zum Laternenfest an anderem Ort. Im Dornengehege(棘盆)vor dem Xuande-Turm, Xuande lou(宣德楼), wurden „內設兩長竿高數十丈“ aufgestellt, und oben hing kein lebender Mensch, sondern es hingen Pappfiguren der hundert Künste: „風動宛若飛仙“ – bewegte der Wind sie, sahen sie aus wie fliegende Unsterbliche. Das ist ein Bild, keine Beschreibung einer Vorrichtung. Eine Stange: im sechsten Monat ein Kletterer, im ersten Monat Papierfiguren.

Die Nacht der Laternen und ihre Namen

Am fünfzehnten Tag des ersten Monats stand der shanpeng(山棚, der Laternenberg)dem Xuande-Turm genau gegenüber, und die Besucher drängten sich längst in beiden Wandelgängen der Kaiserstraße(御街); die Musik war „嘈雜十餘里“, über zehn li weit zu hören. In der Mitte davon:

奇術異能,歌舞百戲,鱗鱗相切,樂聲嘈雜十餘里,擊丸蹴踘,踏索上竿。 — „Wunderbare Künste und seltsame Fähigkeiten, Gesang, Tanz und die hundert Spiele, Schuppe an Schuppe gedrängt, der Lärm der Musik über zehn li weit: Kugelschlagen, Fußball, Seiltanz, Stangenklettern.“

Danach folgt eine Reihe von Namen, einer für jedes Fach: Zhao, der Wilde(赵野人), der kalte Nudeln kopfüber isst; Zhang der Neunte(张九哥), der ein Eisenschwert schluckt; Li Waining(李外宁)mit seinen mechanischen Puppen; der kleine Kraftprotz(小健儿), der fünffarbiges Wasser spuckt und Tonkügelchen im Feuer brennt; Da Teluo(大特落)mit seinen Aschenkünsten; Guduo’er(榾柮儿)im Singspiel; Wen Datou(温大头)und der kleine Cao(小曹)auf der jiqin(稽琴, einem zweisaitigen Streichinstrument); Dang Qian(党千)auf der Flöte; Sun der Vierte(孙四), der Arzneirezepte auskocht; Zweiundfünfzig(五十二)mit seinen Bühnentäuschungen; Zou Yu(邹遇)und Tian Diguang(田地广)in der Possenreißerei; Su der Zehnte(苏十)und Meng Xuan(孟宣)im Ballspiel; Yin Changmai(尹常卖), der die Wudai Shi(《五代史》, „Geschichte der Fünf Dynastien“)erzählt; Liu Hundertvögel(刘百禽)mit seinen Insekten; Yang Wenxiu(杨文秀)an Trommel und Flöte.

Tiere kamen dazu: „猴呈百戲,魚跳刀門,使喚蜂蝶,追呼螻蟻“ – Affen, die die hundert Künste vorführten, Fische, die durch ein Messertor sprangen, Bienen und Schmetterlinge, die man herbeirief, Ameisen, die man mit Namen rief.

Dass diese Namen überhaupt aufgeschrieben wurden, lässt vermuten, dass es sich um Nummern mit Stammpublikum handelte und nicht um namenlose Handwerker. Am Ende desselben Abschnitts stehen noch Arzneiverkäufer, Wahrsager und Sandschreiber, die Rätsel in den Staub schrieben – „奇巧百端,日新耳目“, hundert Arten von Kunstfertigkeit, jeden Tag etwas Neues fürs Auge. Das Publikum zahlte für das Neue; der Truppenchef wollte, dass es morgen wiederkam. Der Satz über Publikum und Truppenchef ist eine Erklärung, kein überlieferter Satz.

Der Goldhahn an der Stange

Akrobatik war in der Song-Zeit nicht nur ein Gewerbe der Gassen, sie gehörte auch zur staatlichen Zeremonie. In den Jahren der großen Opfer(明堂郊祀)wurde am Lizheng men(丽正门, dem Lizheng-Tor)die Amnestie verkündet, und dafür brauchte man die Fußjongleure, die tinong jia(踢弄家):

百戲踢弄家,每於明堂郊祀年分,麗正門宣赦時,用此等人,立金雞竿,承應上竿搶金雞。 — „Die Fußjongleure der hundert Künste: In den Jahren der Opfer am Lichten Saal, wenn am Lizheng-Tor die Amnestie verkündet wurde, nahm man diese Leute, errichtete die Goldhahnstange und ließ sie hinaufklettern und den Goldhahn greifen.“

Die Goldhahnstange, jinji gan(金鸡竿), war Teil des Amnestierituals: Oben stand ein vergoldeter Hahn, und bei der Verkündung kletterten Männer hinauf, um ihn zu holen. Die Kletterer waren keine Zeremonienmeister, sondern Varietékünstler, die man dafür verpflichtete. Eine Fertigkeit, die auf der offenen Bühne den Lebensunterhalt trug, hatte damit einen amtlichen Einsatz.

兼之百戲,能打筋鬥、踢人、踏蹺、上索、打交輥、脫索、索上擔水、索上走裝神鬼、舞判官、斫刀蠻牌、過刀門、過圈子等。 — „Dazu beherrschten sie die hundert Künste: Purzelbäume schlagen, einen Mann mit dem Fuß wegstoßen, auf Stelzen gehen, das Seil besteigen, sich rollend überschlagen, sich aus dem Seil lösen, Wasser auf dem Seil tragen, als Gott oder Dämon über das Seil gehen, den Richter tanzen, mit Schwert und Schild kämpfen, durch das Messertor und durch den Reifen gehen und dergleichen.“

Purzelbaum, Stelzen, Seil, Wassertragen auf dem Seil, das Lösen vom Seil, Messertor und Reifen – das alles ließ sich auf der Stelle prüfen. Wer es konnte, hatte zwei Wege: die Requisition an den Palasthof, „宣押殿庭承應“, zu den großen Audienzen und Kaisergeburttagen; oder die Ladung zu amtlichen Banketten und Festen in den Häusern der Beamten, „點喚供筵“, für die es „大犒“ gab, reichliche Belohnung. Der Palast bedeutete Ansehen, das Bankett Einkommen.

Von der Tempelbühne bis zur Brücke

Eine Ebene tiefer lagen die Gassen. Dasselbe Kapitel sagt es ohne Umschweife:

又有村落百戲之人,拖兒帶女,就街坊橋巷,呈百戲使藝,求覓鋪席宅舍錢酒之貲。 — „Es gibt auch die Leute der hundert Künste aus den Dörfern: Sie schleppen Söhne und Töchter mit sich, ziehen in die Viertel, an die Brücken und in die Gassen, führen ihre Künste vor und suchen den Preis für Matte und Quartier, für Geld und Wein.“

„拖兒帶女“, Söhne und Töchter im Schlepptau – vier Zeichen, und die Ebene ist beschrieben: kein fester Platz, die beiden Kinder sind die Truppe. Verlangt wurde keine Gage, sondern „錢酒之貲“, Bargeld und Wein. Dasselbe Kapitel listet dann ihre Fertigkeiten auf, „雜手藝“ genannt, auch „使艺“: Flaschen kicken, Schalen jonglieren, einen Klangstein kicken, einen Bottich kicken, eine Glocke kicken, mit Münzen spielen, Blumentrommel, Pinsel und Tusche kicken, an der Wand schlafen, einen Weihrauchbrenner ins Leere hängen, Blumenbälle jonglieren, Balltricks, ein Maß jonglieren, harte Körperkunst, Insekten abrichten, einen Bären führen, einen Menschen verstecken, mit Feuer spielen, ein Schwert verschwinden lassen, Nadeln essen, Armbrustkunststücke, jemanden auf dem Rücken tragen, Krüge stapeln.

Flaschen, Schalen, Bottich und Glocke gehören zusammen: Fuß und Hand halten das Gerät in der Luft, ohne dass es zerbricht. An der Wand schlafen heißt, flach an der Wand zu schlafen; einen Weihrauchbrenner ins Leere hängen heißt, ihn dort aufzuhängen, wo ihn nichts halten sollte. Einen Menschen verstecken, ein Schwert verschwinden lassen, Nadeln essen und mit Feuer spielen fallen unter die „藏去之術“, die Kunst des Verschwindenlassens, und der Text gibt dazu ein einziges Urteil ab:

此藝施呈,委是奇特,藏去之術,則手法疾而已。 — „Wenn diese Kunst vorgeführt wird, ist sie wahrhaft seltsam; das Verschwindenlassen ist am Ende nur dies, dass die Hände schnell sind.“

Lin'an ordnete diese Leute in ein Verzeichnis nach Fächern. Unter den „舞綰百戲“, den getanzten Schaustücken, standen elf Namen, unter der Taschenspielerei neunzehn, unter dem Fußjonglieren drei – Wu Jinjiao(吴金脚), Shua Datou(耍大头)und Wu Yaozi(吴鹞子). Die Puppenspiele zerfielen in fünf Arten: Faden-, Stab-, Mechanik-, Fleisch- und Wasserpuppe; dazu kam eine eigene Gruppe für das Ringen(角抵). Einer konnte in zwei Listen stehen: Shua Datou ist bei den Taschenspielern und bei den Fußjongleuren verzeichnet.

Von der Bühne vor dem Tempel bis in die Gassen an den Brücken diente dasselbe Repertoire auf drei Ebenen: Requisition an den Hof, Ladung zum Bankett, Werben um Geld in der Gasse. Das Verzeichnis ist der Beleg für die mittlere Ebene, die Familien mit Kindern sind die unterste. Die Stange aber blieb dieselbe Stange.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 孟元老《東京夢華錄》卷八「六月六日」(Meng Yuanlao, Dongjing Meng Hua Lu, juan 8, 'The Sixth of the Sixth Month') — The festival days of Lords Cui and of the Second Lord of Guankou, the twenty-two acts performed on the temple stage from dawn until dark, and the two banner poles owned by rival government workshops.
  2. 孟元老《東京夢華錄》卷六「元宵」(Meng Yuanlao, Dongjing Meng Hua Lu, juan 6, 'The Lantern Festival') — The Lantern Night programme on the Imperial Way, the roll of named performers and their trades, the animal turns, and the paper figures hung from the tall poles in the thorn enclosure.
  3. 吳自牧《夢粱錄》卷二十「百戲伎藝」(Wu Zimu, Mengliang Lu, juan 20, 'The Hundred Entertainments') — Climbing the golden rooster pole at amnesties, the list of feats from tumbling to knife gates, the rewards for court and banquet service, and the village troupes who worked the streets with their children.
  4. 周密《武林舊事》卷六「諸色伎藝人」(Zhou Mi, Wulin Jiushi, juan 6, 'Performers of Every Kind') — The Lin'an roll of performers grouped by trade, with the names of the danced entertainments, sleight-of-hand artists, kick-jugglers, puppeteers and wrestlers.