2000 bis 2001 kamen bei der Ausgrabung des Grabes M54 in Yinxu (殷墟, der Ruinenstadt der späten Shang) einige kleine Tonkrüge ans Licht, tao lei (陶罍, bauchige Vorratskrüge aus Ton). Die Erde in ihrem Inneren war zu einem einzigen festen Block verbacken. Als man ihn aufbrach, zeigten sich darin zahlreiche kleine Fruchtkerne; sie wurden als Pflaumenkerne bestimmt – bei der Bestattung dürfte in den Krügen also ein guo geng (果羹, Fruchtbrei) gestanden haben. Der Tote war ein hoher Offizier namens Ya Zhang (亚长). Sein Grab ist einer der wenigen Orte der gesamten Shang-Zeit, an denen sich eine Mahlzeit zugleich aus Menschenknochen, Bronzegefäßen und Pflanzenresten ablesen lässt. Die Pflaumenkerne sind das schöne Detail. Die härteren Befunde lauten: In der Schüssel lagen neun Zehntel Hirse, das Fleisch wurde nach Rang verteilt, und die Weingefäße kamen als vollständiges Service mit ins Grab.

Ein Getreideträger, in Schildkrötenpanzer geritzt

Die Sorge um die Ernte ritzten die Menschen der Shang in ihre jiagu (甲骨, Orakelknochen) – Schildkrötenpanzer und Schulterblätter von Rindern. In einer buci (卜辞, Orakelinschrift) fragte der Wahrsager Wei (韦, ein namentlich bekannter Divinator) am bingzi-Tag (丙子, ein Tag im Sechzigtagezyklus) zuerst „我受年“ – shou nian (受年, „Empfangen wir die Ernte?“) – und dann das Gegenteil: „我不其受年“, empfangen wir sie nicht. Kommt in diesem Jahr Getreide herein, oder nicht? Das Zeichen nian (年, „Jahr“) setzt sich aus he (禾, Getreidepflanze) über ren (人, Mensch) zusammen: ein Mensch, der Getreide auf dem Rücken trägt. Der König fragte also nicht nach einer Zahl, sondern danach, ob es in diesem Jahr Getreide geben würde. Die Inschriften halten auch fest, wie der König in die vier Himmelsrichtungen zog, um die Ernte zu beaufsichtigen; der Ackerbau war die Grundlage dieser Herrschaft. Eines muss man dabei deutlich sagen: Der König befragte die Ernte des Staates, nicht den Speiseplan eines Haushalts.

Neun Zehntel Hirse

Die harten Belege stecken in den Knochen. Neun Individuen aus M54 wurden einer Stabile-Isotopen-Analyse unterzogen – der Grabherr, die xunren (殉人, mit dem Toten bestattete Gefolgsleute) und die shengren (牲人, Opfermenschen) auf der ercengtai (二层台, dem Absatz im Grab, auf dem sie lagen). Das Ergebnis: Bei allen neun stammten mehr als neun Zehntel der Nahrung aus Hirse, und die Forscher wiesen darauf hin, dass dies zu früheren Analysen der Bewohner von Yinxu passte. Angebaut wurde damals mehr als Hirse – su (粟, Kolbenhirse), shu (黍, Rispenhirse), mai (麦, Weizen), shu (菽, Sojabohne) und dao (稻, Reis) sind alle belegt –, doch in diesem Speiseplan war die Kolbenhirse der Boden, alles andere die Zugabe. Selbst Ya Zhang, der am besten ernährte Mann des Grabes, lag mit seinem Hirseanteil nur um etwa ein Zehntel niedriger; die fehlende Spanne füllten Reis und Früchte. Reis ist in Yinxu insgesamt selten und in den Speiseplänen der Eliten häufiger vertreten – daraus folgt aber nicht, dass einfache Leute Reis aßen.

Fleisch war eine Stufenleiter

Dieselbe Isotopenreihe zieht die schärfste soziale Grenze, die die Archäologie der Shang kennt. Ya Zhang erreichte das höchste Ernährungsniveau des ganzen Grabes: Auf seinem Speiseplan standen Schwein, Rind und Schaf, die gängigen Haustiere, dazu vermutlich Wild und Wasserlebewesen. Die xunren im selben Grab aßen sehr viel weniger; und bei den shengren auf dem Absatz sank der Fleischanteil „jäh auf ein Niveau, das nur noch knapp über dem von Pflanzenfressern lag“ – ihre Nahrung bestand fast ausschließlich aus Pflanzen, Fleisch bekamen sie kaum. Ein Grab, ein Augenblick: Was jemand aß, sagte, wer er war. Wer Bronze besaß, wurde satt; wer um die Bronze herum gelegt wurde, wurde es nicht. Eine Einschränkung gehört dazu: Ya Zhang war ein hochrangiger Offizier in einem reich ausgestatteten Grab, sein Fall ist ein Einzelfall und steht nicht für den Durchschnitt der Shang. Wie oft jemand Fleisch aß, ist nicht überliefert. Pferd und Huhn zählen zwar zu den „sechs Haustieren“ (liuchu, 六畜), doch im Material zur Ernährung gibt es für sie keine messbaren Anteile; genannt werden deshalb nur Schwein, Rind, Schaf sowie Wild und Wasserlebewesen, für die direkte Belege vorliegen.

Die Bronze war das Geschirr

Die Shang gossen ihre Tischordnung in Bronze. Die Speisegefäße – ding (鼎, Kessel), gui (簋, Getreideschale), li (鬲, Dreifußkessel) und yan (甗, Dampfaufsatz) – waren für Kochen und Anrichten zuständig: Fleisch, Getreide und Gedämpftes hatten jeweils ihr Gefäß. Die Weingefäße – jue (爵, Trinkbecher auf drei Füßen), gu (觚, hoher Becher), gong (觥, Weingefäß), zun (尊, Weingefäß), you (卣, Weingefäß), hu (壶, Kanne), lei (罍, bauchiger Krug) und jia (斝, Weingefäß) – deckten Einschenken und Trinken ab; die Wassergefäße pan (盘, Becken) und he (盉, Kanne) dienten der Reinigung bei Tisch. Im ding schmorte Fleisch, im gui lag Hirse, im yan wurde gedämpft, aus dem jue wurde getrunken: Ein Satz Gefäße war eine Art zu essen. Am auffälligsten sind die Weingefäße. M54 enthielt einen für Yinxu seltenen ochsenförmigen zun, dazu einen quadratischen zun, einen lei, einen quadratischen jia und einen fang yi (方彝, rechteckiges Weingefäß). Diese Weingewichtigkeit ist ein Kennzeichen der Ritualbronzen der Shang. Der Grund ist nicht rätselhaft: Die Shang glaubten, dass die Toten zu Ahnen werden und die Lebenden beschützen können; man brachte den Ahnen und den Göttern Speisen und Wein dar. Darum waren die Weingefäße so zahlreich und so aufwendig. Der Wein war ein schwach alkoholisches Gärgetränk – Destillation gab es in der Shang-Zeit nicht.

Pflaumenkerne, Knochenbrühe und das fehlende Gemüse

Die paar Pflaumenkerne belegen den Fruchtbrei. Die Forscher beschrieben außerdem, wie damals gekocht wurde: Man kochte eine Brühe aus natürlichen Gewürzen aus, oder man schlug Tierknochen klein und kochte sie zu einer Knochenbrühe aus, um den Hirsebrei kräftiger zu machen. Das ist eine Synthese der Forscher, keine Zeile aus einem Orakelknochen; es passt aber zur Arbeitsteilung der Gefäße – im ding wurde geschmort, im yan gedämpft, Kochen und Dämpfen waren die Grundverfahren. Für das Braten gibt es im Material der Shang-Zeit keinen direkten Beleg; mehr als eine Vermutung lässt sich daraus nicht machen. Und beim Gemüse bricht die Überlieferung ab: Orakelknochen, Gräber und die fuxuan (浮选, Flotation, das Auswaschen von Erdproben nach Pflanzenresten) ergeben keine Liste von Gemüsen. Dieser Text behauptet deshalb nicht, die Shang hätten Malven oder Lauch gekannt, wie man es aus späteren Zhou-Schriften rückwärts erschließen könnte. Auch zum Salz gibt es keine direkte Überlieferung. Die Quellen sagen es nicht.

Was sich sagen lässt und was nicht, ist damit sauber getrennt. Sagen lässt sich: In der Schüssel von Yinxu waren neun Zehntel Hirse, und das gilt auch für die Menschen, die nie eine Bronze berührt haben; Fleisch wurde nach Rang verteilt, von Ya Zhangs Schwein, Rind und Wild bis zu den shengren, deren Nahrung „nur noch knapp über der von Pflanzenfressern“ lag; Wein- und Speisegefäße kamen als Service ins Grab, gekocht und gedämpft wurde, und der Fruchtbrei ist echt. Nicht sagen lässt sich: wie viele Mahlzeiten am Tag üblich waren, wie oft Fleisch auf den Tisch kam und welches Gemüse dazu gegessen wurde. Orakelknochen, Gräber und die Proben aus der Flotation überliefern das nicht; die Quellen können diese Fragen nicht beantworten. Die neun Zehntel sind ein Gruppendurchschnitt, kein Teller, und der reichste Teller im Grab gehörte einem begüterten General. Genau deshalb lohnt es sich, den kleinen Tonkrug im Gedächtnis zu behalten: Für einen Moment hinterlässt er einer Küche, die sich nur in Prozenten beschreiben lässt, eine einzelne, konkrete Pflaume.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 中研院历史语言研究所历史文物陈列馆〈我受年──甲骨文「年」的故事〉 — 甲骨《乙》867 填硃卜辞释文「丙子卜,韦贞,我受年」「我不其受年」;「年」字上禾下人,像人背负谷物
  2. 吴梦洋〈亚长的餐桌:一位商代将军的饮食人生〉,《中国社会科学报》2026年7月28日A12版(中国社会科学院考古研究所网站转载) — 亚长墓(M54,2000—2001年发掘)9例人骨稳定同位素:小米类占九成以上;贵族小米比例低约一成、以稻与瓜果补齐;肉食等级(亚长—殉人—牲人);青铜食器酒器组合;陶罍梅核与果羹;香料与骨汤提鲜
  3. 光明网〈【节气里的大美中国】3000年前的「五谷丰登」,你想象不到!〉(2024-09-21) — 仅用于「商代已种禾、黍、麦、菽、稻」一句;科普稿,不作数据来源