Am ersten Morgen des Jahres, dem Yuandan (元旦, dem Neujahrstag im ersten Monat), lag auf dem Tisch eines Pekinger Hauses ein Brett voller Weißmehl. Der Teig wurde zu Hörnchen gefaltet, an den Enden zusammengedrückt, mit einer Füllung versehen und in den Topf geworfen: zhu bobo (煮餑餑, „gekochtes Bo-bo“, das nordchinesische Wort für Weizengebäck). Ein einziges Buch beschreibt es, Fu Cha Dunchong (富察敦崇) mit seinem Yanjing Suishi Ji (《燕京岁时记》, „Aufzeichnungen über die Jahreszeiten in Peking“), geschrieben 1900, im sechsundzwanzigsten Jahr der Guangxu-Regierung (光绪二十六年): „是日无论贫富贵贱,皆以白面作角而食之,谓之煮餑餑“ – an diesem Tag falten Arm und Reich Weißmehl zu Hörnchen und kochen sie. In vermögenden Häusern kam ein Schritt hinzu: „暗以金银小锞及宝石等藏之餑餑中,以卜顺利“ – heimlich wurde ein winziger Gold- oder Silberbarren (xiao ke, 金银小锞) oder ein Edelstein in eines der Teigstücke gesteckt, um das Jahr zu prüfen. Wer daraufbiss – „则终岁大吉“ –, dem stand ein ganzes Jahr Glück bevor. Das Buch ist dünn, und es hält nichts als die Festtage und die Geschäfte eines Jahres in Peking fest.
Eine Wette im Teigtäschchen
Das Gericht selbst ist schlicht: Weißmehl, eine gefaltete Kante, kochendes Wasser. Zum Fest macht es das, was darin steckt. Das Buch nennt keine Füllung, kein Rezept, keinen Preis – und es gibt keine Haushaltsrechnung, die sagte, wie viele Stück eine Familie aß. Es ist eine Jahreszeitenchronik (岁时记), keine Speisekarte und erst recht kein Rechnungsbuch. Sicher sind drei Dinge: Der Barren wurde heimlich (暗) hineingelegt, die Familie wusste also Bescheid; wer ihn abbekam, hatte ein Jahr Glück; und der Brauch wurde für alle beansprucht, 举国皆然, arm wie reich. Am selben Morgen gab es auch eine Version des Hofes: „每至元旦,凡内廷行走之王公大臣以及御前侍卫等,均赏八宝荷包,悬于胸前“ – zum Neujahr erhielten die Prinzen und Minister, die im inneren Hof Dienst taten, sowie die kaiserlichen Garden einen Baba hebao (八宝荷包, „Beutel der acht Schätze“), der auf der Brust zu tragen war; die Minister der äußeren Ämter standen nicht auf der Liste. Ein Beutel, ein Teigtäschchen: Beide sortierten am selben Tag die Menschen nach ihrer Nähe zur Macht.
Frühlingskuchen und gebissener Rettich
Dachun (打春, „den Frühling schlagen“) ist der Frühlingsanfang lichun (立春), und der fällt meist in den ersten Monat. Am Tag zuvor zog der Präfekt von Shuntian (顺天府) zum „Frühlingsfeld“ (春场) eine Li vor dem Dongzhimen (东直门) hinaus, um den Frühling zu empfangen; am Tag selbst reichte das Ritenministerium den „Frühlingsberg-Sitz“ ein, die Präfektur das „Bild des Frühlingsrindes“, und nach der Zeremonie kehrte man ins Amt zurück, „führte das Frühlingsrind hinaus und schlug es“ – das ist dachun. Das Buch zitiert auch die Libu Zeli (《礼部则例》, die Statuten des Ritenministeriums): Der Präfekt führte seine Beamten in Hofkleidung zum Empfang hinaus, Amtsdiener trugen den Mangshen (芒神, den Frühlingsgott) und den tuniu (土牛, das Lehmrind), Trommeln und Musik gingen voran, vor dem Amt wurden beide in einem farbigen Zelt aufgestellt; am Morgen des Frühlingsanfangs setzten die Kreisvorsteher von Daxing (大兴) und Wanping (宛平) am Mittleren Tor des Kaiserpalastes einen Tisch auf und überreichten Gott und Rind dem Kaiser, der Kaiserinmutter und der Kaiserin; danach schlug der Präfekt das Lehmrind, „um den Sinn für den Ackerbau zu zeigen“ (以示劝农之意). Für die einfachen Leute hat das Buch einen Satz: „是日富家多食春饼,妇女等多买罗卜而食之,曰咬春“ – an diesem Tag aßen die reichen Häuser meist chunbing (春饼, Frühlingspfannkuchen), und die Frauen kauften luobo (罗卜, Rettich) und aßen ihn, yaochun (咬春, „den Frühling beißen“), um die Frühjahrsmüdigkeit zu vertreiben. Innerhalb eines einzigen Brauchs zeigt sich die Teilung: der Kuchen für die reichen Häuser, der Rettich für die Frauen. Die Art der Teilnahme richtet sich nach dem Haushalt – einen Preis nennt das Buch an dieser Stelle keinen.
Fünf Nächte Laternen
Das Laternenfest dengjie (灯节) lief vom dreizehnten bis zum siebzehnten Tag, fünf Nächte lang; „惟十五日谓之正灯“ – nur der fünfzehnte hieß die rechte Lichternacht. Der Hof gab Bankette und ließ Feuerwerk abbrennen, die Märkte hängten Lampen auf. Welche Straße die schönsten Laternen hatte, ordnete das Buch sogar in einer Rangliste: „六街之灯以东四牌楼及地安门为最盛,工部次之,兵部又次之“ – die Laternen der sechs Straßen standen am prächtigsten am Dongsi Pailou (东四牌楼) und am Di'anmen (地安门), dann folgte das Ministerium für öffentliche Arbeiten, danach das Kriegsministerium, alles andere darunter; die Laternen des Kriegsministeriums wurden im neunten Jahr der Guangxu-Regierung (光绪九年, 1883) auf Anordnung von Yan Wenjie verboten. Die Lampen waren aus Gaze, Seide, Glas und Horn gemacht und mit alten und neuen Geschichten bemalt; geschickte Leute „froren Eis zu Gefäßen und zogen Weizensetzlinge zu Figuren“. Die Feuerwerksbuden wetteiferten mit immer neuen Namen: Schachteln, Blumentöpfe, Feuerwerksstangen, auf Draht gezogene Pfingstrosen, Lotos im Wasser, goldene Schale mit fallendem Mond, Rebengerüst, Fahnenfeuer, Zweistufen-Kracher, zehnfach knallende Raketen – die reichen Häuser kauften alles, und der Lärm hielt bis zur zweiten Trommel an, bis die Menge unter klarem Mond lachend nach Hause ging. Sogar Fische wurden verkauft: Goldfische in Glasflaschen, „beim Drehen wechselt der Schatten, groß und klein im Nu“ – das Buch sagt, so etwas gebe es anderswo nicht (别处所无). Und es ergänzt aus dem Rixia Jiuwen Kao (《日下旧闻考》) den Laternenmarkt der Ming-Zeit: östlich der Wangfu-Straße am Donghua-Tor, westlich der Chongwen-Straße, zog er sich zwei Li dahin (绵延二里许), „in der Mitte des Weges reihten sich die Buden, in mehreren Zeilen wie ein Brettspiel, einander gegenüber standen hohe Türme“, oben waren Vorhänge für Gelage angebracht, „ein Turm wurde täglich für bis zu mehrere hundert Schnüre Geld vermietet“ (租值数百缗), und die Mieter waren die Frauen der reichen Häuser. Laternen waren nie umsonst: Unter ihnen lag der Markt, und der beste Platz musste gemietet werden. Der wichtigste Satz aber ist der schlichteste: „市卖食物,干鲜俱备,而以元宵为大宗“ – die Buden verkauften alles Trockene und Frische, den größten Posten aber machten die yuanxiao (元宵, Klebreisbällchen) aus.
Hundertacht Lampen, vier Nächte oder eine
Am siebten Tag des ersten Monats war renri (人日, der Tag des Menschen): „是日天气清明者则人生繁衍“ – ist das Wetter klar, gedeihen die Menschen. Am Abend des achten war shunxing (顺星, „die Sterne ordnen“): Papier in Öl getaucht, hundertacht Lampen angezündet, Weihrauch geopfert. Vom dreizehnten bis zum sechzehnten wurden die Lampen von den inneren Gemächern bis zum Haustor aufgestellt, san denghua (散灯花, „Lampenblüten streuen“), auch „die kleinen Leute zerstreuen“ (散小人) genannt, um Unheil abzuwehren. Das Buch ergänzt aus dem Dijing Jingwu Lüe (《帝京景物略》) einen älteren Brauch: hundertacht kleine Schalen wurden angezündet und zwischen Brunnen, Herd, Türen und Waschsteinen verteilt, „其聚如萤,散如星“ – gesammelt wie Glühwürmchen, verstreut wie Sterne. Und dann der Satz, der schneidet: „富者灯四夕,贫者灯一夕止,又甚贫者无“ – die Reichen hielten ihre Lampen vier Nächte, die Armen eine, und die ganz Armen keine. Dasselbe Fest, nach Vermögen ausgeteilt.
Der sechste Tag, an dem die Läden aufgehen
Vor den Laternen lagen noch andere Schwellen. Am zweiten Tag wurde der Gott des Reichtums verehrt, ji caishen (祭财神, „dem Gott des Reichtums opfern“): „鞭炮甚夥,昼夜不休“ – Knaller in Mengen, Tag und Nacht ohne Pause. Der fünfte hieß powu (破五, „die Fünf brechen“): „破五之内不得以生米为炊,妇女不得出门“ – innerhalb der Fünf durfte nicht mit rohem Reis gekocht werden, und keine Frau durfte das Haus verlassen. Am sechsten wandte sich alles: „王妃贵主以及各宦室等冠帔往来,互相道贺。新嫁女子亦于是日归宁“ – die Frauen der Prinzen und hohen Beamten besuchten einander in vollem Schmuck und gratulierten, und die frisch verheirateten Töchter kehrten an diesem Tag zu ihren Eltern zurück; Frühlingsschlamm, duftende Wagen, die Gassen voll. Dann die Angel des ganzen Abschnitts: „而闤闠诸商亦渐次开张贸易矣“ – die Läden an den Marktstraßen begannen, einer nach dem anderen, zu öffnen und zu handeln. Das Fest war noch nicht vorbei, aber das Geld war wieder in Bewegung.
Die Grenzen sind so deutlich wie die Bräuche. Fu Cha Dunchong (富察敦崇) war ein Mandschu-Beamter, der um 1900 über das Jahr der Hauptstadt schrieb, und sein Buch trägt sein eigenes Lob: „诚太平之景象也“ – wahrlich ein Bild des Friedens. Sein „举国皆然“, alle tun es, ist das Urteil eines Gelehrten, keine Statistik. Die Beutel des Hofes und die verbotenen Laternen des Kriegsministeriums zeigen ein Fest, das nach Rang gestuft war; die Sätze über die Lampen zeigen es nach Vermögen gestuft. Was das Buch gibt, ist ein nach Tagen geordneter Plan: Teigtäschchen am ersten, Knaller am zweiten, Lampen am achten, ein Rettich zum Frühlingsanfang, Klebreisbällchen und Feuerwerk am fünfzehnten, aufgehende Läden am sechsten – ein Kalender, an dem jedes Datum einen Einkauf hängen hat. Preise aber notieren diese Einträge keinen einzigen: keine Füllung, kein Rezept, keine Summe, keinen Haushalt, der zählte, wie viele Stück gegessen wurden. Deshalb steht in diesem Text nicht, was ein Neujahr in Peking kostete.
Quellen und weitere Lektüre
- 富察敦崇《燕京岁时记》(清光绪二十六年,1900)「元旦」「八宝荷包」「祭财神」「破五」「人日」「顺星」「打春」「灯节」诸条 — 煮餑餑与藏金银小锞卜顺利、八宝荷包、破五与初六开张、顺星一百零八盏与散灯、打春迎春与咬春、灯节十三至十七以元宵为大宗;引文据维基文库转录本
- 《燕京岁时记》光绪刻本(识典古籍影印本)「元旦」条 — 据光绪刻本核对「元旦」条文字(煮餑餑、金银小锞、终岁大吉),与维基文库本对读;本书两条来源为同一书的不同版本




