Am ersten geng-Tag des zweiten Monats kommen die Fische ins Wasser: zwanzig weibliche Karpfen von drei Fuß Länge, schwer von Rogen, vier Männchen von drei Fuß, und 令水无声 – ling shui wu sheng, „das Wasser soll keinen Laut geben“: die Bewegung muss leise sein, damit das Wasser nicht erschrickt. Der Teich ist auf sechs mu (亩) Land ausgehoben, in seiner Mitte liegen neun kleine Inseln; die Karpfen schwimmen um die Inseln und, so der alte Text, „halten sich selbst für Bewohner von Flüssen und Seen“ (自谓江湖也). Das ist das Kapitel „Fischzucht“ aus dem Qimin Yaoshu (齐民要术), einem Ackerbauhandbuch der Nördlichen Wei, das ein älteres Buch ausschreibt: das Tao Zhu Gong yangyu jing (陶朱公养鱼经, „Fischzuchtklassiker des Herrn Tao Zhu“), das dem Tao Zhu Gong (陶朱公) zugeschrieben wird – Tao Zhu ist der Beiname des Fan Li (范蠡), des Ministers, der zum Kaufmann wurde. Es verspricht 1.250.000 Münzen bis zum Februar des folgenden Jahres. Dieses Versprechen ist eine allegorische Rechnung, keine Ernte der Nördlichen Wei.
Sechs mu, neun Inseln
Die Methode ist genau. Von den fünf Arten, seinen Lebensunterhalt zu erwerben, steht „die Wasserzucht an erster Stelle“ (水畜第一); Wasserzucht meint den Fischteich: 以六亩地为池,池中有九洲 – auf sechs mu Land einen Teich anlegen, neun Inseln darin. Der Besatz: 怀子鲤鱼长三尺者二十头,牡鲤鱼长三尺者四头 – zwanzig dreifußlange Rogner, vier dreifußlange Milchner. Der Tag ist der erste geng des zweiten Monats, und der Einsatz ins Wasser hat still zu geschehen. Auch der Grund wird geformt: 池中九洲、八谷,谷上立水二尺,又谷中立水六尺 – neun Inseln und acht Mulden, über deren Rücken zwei Fuß Wasser stehen, in deren Tiefe sechs Fuß. Warum Karpfen? Die Antwort des Textes selbst: 鲤不相食,易长又贵也 – Karpfen fressen einander nicht, sie wachsen schnell, und sie sind teuer. Diese drei Gründe sind handfester als jeder Segensspruch.
Schildkröten als Wächter
Dann kommt die seltsamste und schönste Stelle des Kapitels. Im vierten Monat setzt man einen „Geistwächter“ ein, im sechsten zwei, im achten drei. Was ist ein shenshou (神守, „Geistwächter“)? Das Buch antwortet sich selbst: 神守者,鳖也 – ein Geistwächter, das ist die bie (鳖, Weichschildkröte). Warum Schildkröten? 鱼满三百六十,则蛟龙为之长,而将鱼飞去;内鳖,则鱼不复去 – erreichen die Fische die Zahl dreihundertsechzig, so wird ein jiaolong (蛟龙, Wasserdrache) ihr Anführer und führt sie im Flug davon; setzt man Schildkröten hinein, so bleiben die Fische. Das ist die Erklärung der Alten, nicht moderne Fischbiologie. Wer heute liest, sucht vielleicht nach einer praktischen Funktion; der Text selbst gibt eine andere Antwort, nämlich die Drachen und die Wächter. Dieser Artikel gibt die alte Begründung wieder und schreibt sie nicht in moderne Aquakultur um.
1.250.000 Münzen und eine abkühlende Anmerkung
Der Ertrag ist wie ein Rechnungsbuch geschrieben: im Februar des nächsten Jahres 得鲤鱼长一尺者一万五千枚,三尺者四万五千枚,二尺者万枚。枚直五十,得钱一百二十五万 – fünfzehntausend einfußlange Karpfen, fünfundvierzigtausend dreifußlange, zehntausend zweifußlange, das Stück zu fünfzig Münzen, macht 1.250.000 Münzen. Ein Jahr darauf: 得长一尺者十万枚,长二尺者五万枚,长三尺者五万枚,长四尺者四万枚 – hunderttausend einfußlange, fünfzigtausend zweifußlange, fünfzigtausend dreifußlange, vierzigtausend vierfußlange; zweitausend dreifußlange bleiben als Zuchtfisch, der Rest wird verkauft, 得钱五百一十五万钱 – 5.150.000 Münzen, und danach „nicht mehr zu zählen“. An derselben Stelle steht aber noch eine andere Geschichte: als der König von Wei (威王) davon hörte, legte er in seinem hinteren Garten einen Teich an und nahm 一年,得钱三十余万 – in einem Jahr etwas mehr als dreihunderttausend Münzen ein. Und der Mann, der alles abschrieb, Jia Sixie (贾思勰), setzt eine abkühlende Anmerkung daneben: 如朱公收利,未可顿求。然依法为池,养鱼必大丰足,终天靡穷,斯亦无赀之利也 – Erträge wie die des Herrn Zhu kann man nicht auf einmal verlangen; legt man aber nach der Methode einen Teich an, so werden die Fische gewiss reichlich gedeihen, und es ist ein Gewinn ohne Ende. Die 1.250.000 und die 5.150.000 sind also eine allegorische Rechnung, keine Ernte der Nördlichen Wei; sie stehen hier nur mit dieser Warnung.
Der Teich war auch eine Speisekammer
Danach macht das Handbuch aus dem Teich einen Gemüsegarten. Für kui (莼, Wasserschild): 近陂湖者,可于湖中种之;近流水者,可决水为池种之 – wer an Seen wohnt, pflanzt im See, wer an fließendem Wasser wohnt, staut es zum Teich; tiefes Wasser gibt fette Stängel und wenige Blätter, flaches Wasser umgekehrt; 蓴性易生,一种永得 – der Wasserschild wächst leicht und bleibt nach einer Pflanzung für immer, doch 粪秽入池即死, Mist im Teich tötet ihn. Für ou (藕, Lotuswurzel): 春初掘藕根节头,著鱼池泥中种之,当年即有莲花 – im frühen Frühling gräbt man Wurzelknoten aus und setzt sie in den Teichschlamm, und noch im selben Jahr blüht der Lotus. Für lianzi (莲子, Lotussamen): im achten oder neunten Monat nimmt man harte schwarze Samen, schleift ein Ende auf einem Ziegel dünn, hüllt sie in Schlamm von der Größe dreier Finger und zwei Zoll Länge, lässt sie trocknen und wirft sie in den Teich; das schwere Ende sinkt, und der Samen steht von selbst aufrecht. Für qian (芡, Gorgonuss): im achten Monat sammelt man die Samen, bricht sie auf, streut sie in den Teich, und sie wachsen von selbst; für ling (菱, Wasserkastanie) gilt dasselbe mit reifen schwarzen Samen im Herbst. Die Körner von Lotus, Wasserkastanie und Gorgonuss nennt die Materia medica „erstklassige Arznei“, gut für Verdauung und Geist – und Jia Sixie zieht die praktische Folgerung: 多种,俭岁资此,足度荒年 – pflanzt viel, und in einem mageren Jahr wird euch das durchbringen. Der Fischteich war zugleich ein Vorrat für die Hungerjahre.
Vom Teich zum Grill
Fische werden gehalten, um gegessen zu werden, und das neunte Buch (卷九) des Handbuchs gibt drei Zubereitungen. bingzhi (饼炙, Fischküchlein in heißem Öl): guten weißen Fisch entgräten und zu drei sheng fein hacken, ein sheng gekochtes fettes Schweinefleisch fein hacken, fünf ge Essig, je zwei ge Lauch und eingelegte Melone, je ein halbes ge Ingwer und Orangenschale, drei ge Fischsaucensaft zugeben, mit Salz abschmecken, zu Küchlein von der Größe einer Tasse und fünf fen Dicke formen, 熟油微火煎之,色赤便熟 – in heißem Öl über kleinem Feuer braten, bis die Farbe rot wird. niangzhi (酿炙, gefüllter gerösteter Fisch): ein zwei Fuß langer weißer Fisch wird nicht am Bauch geöffnet, sondern nach dem Waschen über den Rücken aufgeschnitten und gesalzen; eine fette junge Ente wird entbeint, fein gehackt, mit Essig, eingelegter Melone, Fischsauce, Ingwer, Orange, Lauch und Bohnensauce gemischt, erst geröstet und dann durch den Rücken in den Fisch gefüllt; der Fisch kommt wie üblich auf den Spieß, und halb gar wird er mit etwas saurem Wein, Fischsauce und Bohnensauce bestrichen. zha (鲊, in Reis eingelegtes Fleisch): gutes fettes Schweinefleisch in Stücke schneiden, mit Salz auf angenehme Salzigkeit bringen, mit gekochtem Reis als Gärbett einschichten und 看有酸气 – essen, wenn sich Säure zeigt. Das ist ein Konservierungsverfahren, kein Gericht für den sofortigen Verzehr.
Die Grenze muss man ziehen. Belegt ist: Ein Ackerbauhandbuch der Nördlichen Wei hat diese Methode mit sechs mu und neun Inseln abgeschrieben, ebenso die Rede von den Schildkröten, die die Fische halten sollen, und die Rechnung von 1.250.000 bis 5.150.000 Münzen; Jia Sixie selbst hat diese Rechnung abgekühlt; im Teich wuchsen zugleich Wasserschild, Lotus, Lotussamen, Gorgonuss und Wasserkastanie als Nahrung für Hungerjahre; und Fisch wurde als Küchlein gebraten, gefüllt und geröstet oder in Reis eingelegt. Nicht belegt ist: wie viel ein Teich von sechs mu in einem Jahr tatsächlich an Fisch abwarf, was Fisch in der Nördlichen Wei kostete und wie viele Leute die Anleitung wirklich befolgten – ein Ackerbauhandbuch ist für Haushalte geschrieben, die ihren Lebensunterhalt bestreiten, nicht als statistischer Bericht; und „fünfzig Münzen das Stück“ (枚直五十) ist ein Preis aus dem alten Fischzuchtklassiker, kein Marktpreis der Nördlichen Wei. Eine Frage bleibt: Wenn Jia Sixie selbst sagte, solche Erträge seien 未可顿求, nicht auf einmal zu erlangen – was haben die Leute, die den Teich gruben, im ersten Jahr tatsächlich aus dem Wasser geholt?
Quellen und weitere Lektüre
- 贾思勰《齐民要术》卷六·养鱼第六十一 — 引《陶朱公养鱼经》:六亩为池、池中九洲、怀子鲤二十头与牡鲤四头、二月上庚日下池、神守(鳖)防鱼飞去、来年得钱一百二十五万、明年五百一十五万;贾思勰自注「如朱公收利,未可顿求」;又作鱼池法(取近水际土布池底);种莼、种藕、种莲子、种芡、种菱诸法;「多种,俭岁资此,足度荒年」
- 贾思勰《齐民要术》卷九·炙法 — 作饼炙法(白鱼肉与熟猪肉作饼、熟油微火煎)、酿炙白鱼法(二尺白鱼破背、塞入鸭肉馅、炙、刷苦酒鱼酱豉汁)、猪肉鲊法(盐、饭糁、待酸气)




