Im Hof des Jingle-Klosters (景乐寺) im Luoyang der Nördlichen Wei arbeitete ein Künstler zwischen einem kleinen Brunnen und einem Beet mit Melonenranken. Zuerst 剥驴投井 – der Esel wird gehäutet und in den Brunnen geworfen; dann 植枣种瓜 – Datteln und Melonen werden gepflanzt; und 须臾之间,皆得食之 – im Nu ließ sich beides essen. Das Publikum, Damen und Herren der Hauptstadt, war 目乱精迷: Die Augen waren geblendet, die Sinne verwirrt. Das war kein Straßenkunststück: Es geschah in einem buddhistischen Nonnenkloster, vor der Gesellschaft der Hauptstadt. Der Abschnitt steht im ersten Juan des Luoyang Qielan Ji (洛阳伽蓝记, Aufzeichnung der Klöster von Luoyang), und er ist die konkreteste überlieferte Schilderung einer Illusionsvorführung der Nördlichen Wei.

Ein Nonnenkloster, in das man nicht hineinkam

Das Jingle-Kloster wurde vom Großtutor Yuan Yi (元怿), Prinz Xianwen von Qinghe, gegründet. Es war zunächst ein Nonnenkloster: An den sechs Fastentagen 常设女乐 – es wurden regelmäßig Musikerinnen aufgestellt, mit Gesängen, die um die Balken liefen, und Ärmeln, die sich langsam drehten. Und weil es ein Nonnenkloster war, galt 丈夫不得入 – Männer durften nicht hinein; wer doch hineinkam, 以为至天堂, glaubte sich im Paradies. Die Wende kam nach dem Tod des Prinzen: 及文献王薨,寺禁稍宽,百姓出入,无复限碍 – die Sperre wurde gelockert, gewöhnliche Leute gingen ein und aus, ohne Behinderung. Später ließ Prinz Yuan Yue (元悦) von Runan das Kloster wiederherstellen und 召诸音乐,逞伎寺内 – Musikanten wurden gerufen, und im Kloster ließ man Künstler ihre Künste zeigen, mit fremden Vögeln und Tieren, die im Saal tanzten. Die Illusionen waren also nicht das eigene Geschäft des Klosters, sondern Unterhaltung, die nach der Wiederherstellung durch einen Prinzen hereingeholt wurde – und mehr Menschen konnten sie sehen, weil ein Verbot sich gelockert hatte. Das Viertel ringsum gehört zur Geschichte: Westlich lag das Amt des Staatsministers, östlich die Residenz des Generals Gao Zhao (高肇), nördlich das Stadtviertel Yijing (义井里) – das Kloster stand mitten unter den Machtadressen der Hauptstadt. Am Nordtor von Yijing, so notiert das Buch, standen mehrere Maulbeerbäume mit dichten Zweigen, darunter ein süßer Brunnen mit steinernen Trögen und eisernen Eimern, 供给行人,饮水庇荫 – er versorgte die Vorübergehenden mit Wasser und Schatten, und viele ruhten dort. Im Inneren stand in einer Buddhahalle der Bildwagen, 雕刻巧妙,冠绝一时 – eine Schnitzarbeit, deren Können damals unerreicht war; die Hallen liefen im Ring, 曲房连接,轻条拂户,花蕊被庭 – verbundene Kammern, leichte Zweige streiften die Türen, Blüten bedeckten den Hof.

Gehäutete Esel und Melonen im Nu

Das Programm überlebt nur als Namen: 飞空幻惑,世所未睹。异端奇术,总萃其中 – Illusionen des Fliegens und Täuschens, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte; seltsame Künste jeder Art sammelten sich dort. 剥驴投井,植枣种瓜,须臾之间,皆得食之 – einen Esel häuten und in den Brunnen werfen, Datteln und Melonen pflanzen, und im Nu lässt sich alles essen. Als Abfolge gelesen, wirken die drei Handlungen wie ein Kunststück des Verschwindens und Wiederkehrens: erst ein grausames Verschwinden, dann ein unmögliches Wiedererscheinen. Wie es gemacht wurde, der Text sagt darüber kein Wort, und dieser Artikel rekonstruiert es nicht als ‚eigentlich war es ein Requisit'. Der Sinn einer Illusion liegt gerade darin, dass sie nicht erklärt wird; eine mechanische Erklärung würde die Quelle umschreiben. Sagen lässt sich, warum solche Nummern in ein Kloster gehörten: Die großen Klosterfeste waren das öffentliche Theater der Stadt, und eine Illusion war eine der Attraktionen, die Publikum zogen – die Schilderung der xingxiang (行像, Bildprozession) am achten Tag des vierten Monats im selben Buch zeigt, wie groß diese Menge sein konnte.

Die anderen Wunder derselben Stadt

Dasselbe Juan gibt eine andere Szene im Changqiu-Kloster (长秋寺). Am vierten Tag des vierten Monats zog die Bildprozession mit dem weißen Elefanten aus – die dreistöckige Pagode des Klosters mit goldenen Scheiben und juwelenem Knauf leuchtete über die Stadt, und das Bild, das dabei mitgeführt wurde, war ein sechszähniger weißer Elefant, der Shakyamuni durch die Luft trug, ein Werk aus Gold und Jade, dessen handwerkliche Kunst das Buch nicht im Einzelnen zu beschreiben vermag. 辟邪师子导引其前 – Löwenwesen gingen voran – und 吞刀吐火,腾骧一面;彩幢上索,诡谲不常 – Schwerterschlucken und Feuerspeien, Akrobatik und der hohe Mast, Seiltanz auf farbigen Bannern, Kunststücke ohne Beispiel; 奇伎异服,冠于都市 – fremde Künste und Gewänder, unerreicht in der Hauptstadt. Und wo das Bild anhielt, 观者如堵,迭相践跃,常有死人 – das Publikum stand wie eine Mauer, trat einander nieder, und oft starben Menschen. Das waren also keine stillen Salonshows, sondern städtische Spektakel, die einen erdrücken konnten. Die xingxiang selbst gehört in einen anderen Artikel; hier zählt, was um sie herum geschah: Illusion und Akrobatik, also die baixi (百戏, die vielfältigen Künste), waren Teil des Klosterfestes.

Wann die Vorstellungen aufhörten

Der Abschnitt über das Jingle-Kloster endet kurz: 自建义已后,京师频有大兵,此戏遂隐也 – nach der Jianyi-Ära (建义, 528, eine Regierungsdevise, die in der Krise begann und von Jahren des Kampfes gefolgt wurde) litt die Hauptstadt wiederholt unter großen Truppenbewegungen, und diese Spiele verschwanden einfach. Dieser Satz schreibt das Ende einer ganzen städtischen Unterhaltung: Sie hing an drei Dingen – dem Geld der Vornehmen, dem Raum des Klosters und einem Publikum, das die Ruhe zum Zuschauen hatte. Die ersten zwei überstanden das Chaos, das dritte nicht. Yang Xuanzhi (杨衒之) schrieb sein Buch, als Luoyang schon in Trümmern lag; diese Illusionen aufzuschreiben hieß, festzuhalten, wie lebendig die Stadt einmal gewesen war.

Was das Buch beweisen kann

Die Art der Quelle muss man benennen. Das Luoyang Qielan Ji ist die Erinnerung eines Mannes der Östlichen Wei an das Luoyang der Nördlichen Wei, geordnet Kloster für Kloster – die Illusionen sind eine Episode innerhalb eines Klostereintrags, keine Aufführungsakte. Yang Xuanzhi schrieb nach dem Fall der Stadt; das Buch ist ein Denkmal für das Verlorene, und jedem Eintrag ist diese doppelte Sicht eigen: das Gebäude, wie es war, und die Ruine, die daraus wurde. Belegt ist: dass das Jingle-Kloster nach Yuan Yis Tod und der Wiederherstellung durch Yuan Yue Musikanten und Wunderkünstler holte, die Esel-und-Melonen-Illusionen vor den Damen und Herren der Hauptstadt zeigten, die 目乱精迷 waren; dass die Bildprozession des Changqiu-Klosters im vierten Monat Schwerterschlucken, Feuerspeien und Seiltanz bot; und dass nach 528 die Kriege solche Vorstellungen beendeten. Nicht belegt ist: die Methode, die Namen der Künstler, wie oft sie auftraten, ob es einen Eintritt gab und wie groß das Publikum war – das Buch sagt dazu nichts. Ebenso gilt: Das Buch sagt nichts über einen Zusammenhang mit Indien oder den Westlichen Regionen, deshalb wird die verbreitete Rede ‚aus Indien übernommen' hier nicht wiederholt. Eine Frage bleibt: Wie funktionierten gehäutete Esel und Melonen im Nu wirklich? Yang Xuanzhi sagt es nicht, und eineinhalbtausend Jahre später bleibt nur jene Wendung – Augen geblendet, Sinne verwirrt –, aus der man raten kann. Das ist auch die ehrliche Position: Die Quellen bewahren das Staunen des Publikums, nicht den Trick, und eine Geschichte der Unterhaltung endet manchmal beim Gesicht der Zuschauer statt bei der Methode des Künstlers.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 杨衒之《洛阳伽蓝记》卷一·景乐寺、长秋寺 — 景乐寺「至于六斋,常设女乐」「以是尼寺,丈夫不得入」「及文献王薨,寺禁稍宽,百姓出入,无复限碍」「召诸音乐,逞伎寺内」「飞空幻惑」「剥驴投井,植枣种瓜,须臾之间,皆得食之」「士女观者,目乱精迷」「自建义已后,京师频有大兵,此戏遂隐也」;长秋寺四月四日像出「吞刀吐火,腾骧一面;彩幢上索,诡谲不常」「观者如堵,迭相践跃,常有死人」
  2. 杨衒之《洛阳伽蓝记》卷三·景明寺(行像与百戏的上下文) — 以景明寺四月八日行像的盛大场面作对照,说明幻术与杂技是寺院节庆的一部分;行像本身另有专文,本篇只作背景