An der Wand eines Grabes aus der Liao-Zeit in Xuanhua(宣化)in Hebei, im Ort Xiabali(下八里), ist eine ganze Folge von Bewegungen gemalt. Ein Mädchen in der Tracht der Han(汉)sitzt seitlich an der Teemühle, den Kopf gesenkt, und mahlt Tee; auf dem rechten Knie sitzt ein sorgfältig aufgenähter Flicken. Auf dem Boden davor steht ein Tablett, darauf liegt ein runder Teekuchen, der noch gemahlen werden muss. Daneben kniet ein jüngeres Kind in der Tracht der Khitan(契丹), die Wangen gebläht, und bläst kräftig in den Windofen unter dem Kessel. Hinter dem Jungen streckt ein erwachsener Diener, ebenfalls in Khitan-Tracht, beide Hände aus, als wolle er den Kessel mit dem fertigen Tee vom Feuer nehmen. Auf dem Tisch dahinter stehen 壶(Kanne), 盏(Schale), 瓶(Flasche), 夹(Zange), 宗(Gefäß) und 扎(Gebinde) in einer Reihe; vor dem Tisch springen zwei kleine gefleckte Hunde auf und ab. Zwei erwachsene Dienerinnen in Han-Tracht tragen gefüllte, feine Teeschalen und gehen vorsichtig, dem Anschein nach unterwegs in die rückwärtige Kammer, um dem Hausherrn zu servieren.
Ein Bild, Person für Person
Das Bild trägt den Titel Bei cha tu(备茶图, Bild „Tee zubereiten“) und stammt aus dem Grab des Zhang Kuangzheng(张匡正). Xuanhua hieß in der Liao-Zeit Guihua(归化州)und lag knapp innerhalb der Grenzlinie; heute gehört der Ort zu Zhangjiakou(张家口)in Hebei. Auffälliger als die Kostbarkeit des Geschirrs sind die Menschen und ihre Kleidung: Wer den Tee mahlt und wer die Schalen trägt, trägt Han-Tracht; wer das Feuer anbläst und wer den Kessel nimmt, trägt Khitan-Tracht — in ein und derselben Grabkammer. Das ist mehr, als die Wendung vom „Liao-Brauchtum“ fassen kann: Es ist ein Ausschnitt aus dem Alltag eines Beamtenhaushalts, in dem mehrere Ethnien zusammenlebten, und zwar bei der Vorbereitung eines Empfangs. Im Bild trinkt niemand Tee — der Tee wird zubereitet, getragen und gleich in den hinteren Raum gebracht; die Hunde laufen, und niemand hat das Geschirr auf dem Tisch berührt. Der Flicken auf dem Knie des Mädchens ist das Detail, das der Szene ihren Wirklichkeitswert gibt: ein geflicktes Kleidungsstück, hineingemalt in ein Grab.
Wer hier begraben liegt
Auf dem Gräberfeld von Xiabali bei Xuanhua wurden zwischen 1974 und 1993 neun Gräber ausgegraben; in sieben kamen Grabinschriften zutage, die Zeitspanne reicht über vierundzwanzig Jahre, und alle gehören in die späte Liao-Zeit. Bestattet waren han-chinesische Adelige innerhalb des Liao-Herrschaftsgebiets; der ranghöchste von ihnen ist Zhang Shiqing(张世卿), dessen Titel 右班殿直 (diensttuender Beamter der rechten Palastreihe), 检校国子祭酒兼监察御史 (ehrenhalber Leiter der Staatsakademie und zugleich Zensor) und 云骑尉 (Ritter der Wolkenreiter) lauten. Die Grabkammern folgen Tang-Sitte: ein anschauliches Beispiel dafür, dass han-chinesische Adelige im Liao-Gebiet das Bestattungswesen der Guanzhong-Region weiterführten. Die neun Gräber tragen zusammen über dreihundert Quadratmeter Malerei; allein das Grab des Zhang Shiqing kommt auf 87,5 Quadratmeter mit 206 Menschenfiguren. Die Themen sind nicht nur Tee: Es gibt Prozessionszüge, Musikensembles, Sutrenbereitung, Bankette, tanzende Khitan-Kinder, seilspringende Kinder, Kassettendecken mit hängenden Lotosblüten und bemalte Sternkarten. Also bleibt es dabei: Dies sind die Gräber einer han-chinesischen Beamtenfamilie unter Liao-Herrschaft, gemalt ist ihre Art, Gäste zu empfangen — nicht der Alltag von Khitan-Hirten.
Das Geschirr führt in die Tang-Zeit zurück
Das Geschirr im Bild ist keine Erfindung der Liao. Forscher haben die Stücke verglichen: Die Teezubereitungsszene an der Südostwand des Grabes von Han Shixun(韩师训, Grab M4)in Xuanhua — laut Inschrift „天庆元年“, erstes Jahr der Devise Tianqing, 1111 — zeigt 注子(zhuzi, Kanne), 茶碗(chawan) und 茶托(chatuo, Untersatz) in einer Zusammenstellung, die mit dem Teegeschirr im Tang-Grab der Lady Cui(崔氏)in Wangmu(王母村)übereinstimmt; Lady Cui wurde 904 bestattet, unter dem letzten Tang-Kaiser. Und die Inschrift „天赞二年“ (923) aus dem Liao-Grab von Baoshan(宝山辽墓)ist die bisher früheste datierte Grabanlage eines Khitan-Adeligen. 注子, 茶碗, 茶托 — selbst die Namen sind die der Tang. Die Geräte und die Handgriffe kamen also aus der Tang-Überlieferung und wurden in Liao-Gräbern weiter gemalt. Eine Einschränkung gehört dazu: Teezubereitungsbilder häufen sich in Gräbern von Beamtenfamilien; Tee war ein Zeichen von Rang und von Gastlichkeit — nicht ein Getränk, das in der Liao-Zeit täglich auf jedem Tisch stand.
Auf dem Bild steht keine Speisekarte
Die Malerei zeigt Gefäße, Bewegungen und eine Szene; sie enthält keine Speisekarte. Was bei diesem Mahl gegessen wurde, schreibt dieser Artikel deshalb nicht — er erfindet keine Speisekarte. Wer trotzdem nach Institutionen und Wirtschaft fragt, ist auf Texte wie die „食货志“, die Abhandlung über Nahrung und Geld in der „Liaoshi“, der Geschichte der Liao, angewiesen. An den Grenzpräfekturen unterhielt man 和籴仓(hedi cang, Ausgleichsgranarien); sie verfuhren nach dem alten Muster „出陈易新,许民自愿假贷,收息二分“ — sie gaben das alte Korn aus, nahmen neues auf, liehen denen, die es von sich aus begehrten, und nahmen zwei Teile auf zehn als Zins. Im dreizehnten Jahr der Devise Tonghe (995) erging der Erlass, in den Bezirken 义仓(yicang, Gemeindespeicher)einzurichten: „岁秋,社民随所获,户出粟庤仓,社司籍其目“ — im Herbst bringen die Gemeindemitglieder je nach ihrem Ernteertrag Korn ein, Haus für Haus, und die 社司(shesi, Gemeindeverwaltung)verzeichnet es in ihren Listen. Über die Getreidepreise heißt es „春州斗粟六钱“ — in Chunzhou(春州)kostete ein dou Hirse sechs Münzen —, dazu die von Yali(雅里)selbst festgesetzten Naturalwerte: „粟一车一羊,三车一牛,五车一马,八车一驼“ — ein Wagen Hirse für ein Schaf, drei für einen Ochsen, fünf für ein Pferd, acht für ein Kamel. Das alles sind allgemeine Notizen für das gesamte Liao-Reich, keine Preisliste aus Xuanhua; daraus darf man nicht „宣化一斗粟六钱“ machen, also nicht so tun, als habe ein dou Hirse dort sechs Münzen gekostet. Und wenn Forscher die Handelswege um Zhangjiakou bis in die Liao-Zeit zurückverfolgen, ist das eine Vermutung, die als solche zu kennzeichnen bleibt: nach Ansicht einiger Forscher — nicht als gesicherte Tatsache.
Wie man eine Grabwand liest
Beim Lesen solcher Wandmalerei sind ein paar Grenzen einzuhalten. Erstens: Dies ist Grabkunst, und sie idealisiert. Gezeigt wird die Szene, die der Grabherr zurücklassen wollte; sie ist nicht ohne Weiteres das, was an jenem Tag wirklich geschah. Zweitens: Für die Zahl der Gräber gilt die Angabe des archäologischen Instituts — neun ausgegrabene; andere Berichte nennen zehn, und beides wird nicht vermischt. Drittens: Sterbe- und Bestattungsjahr des Zhang Shiqing ließen sich für diesen Text an keiner zugänglichen Grabinschrift prüfen und bleiben daher ungenannt; belegbar sind nur Han Shixun mit 1111 und Baoshan mit 923, beide durch Forschungsarbeiten gestützt. Viertens: Verbrennungsriten und Dharanī-Särge gehören zum Bestattungsbrauch; daraus darf man nicht machen, dass alle Liao Feuerbestattung geübt hätten. Fünftens: Dass Han-Tracht und Khitan-Tracht im selben Bild erscheinen, sagt etwas über diese Stadt und diesen Typ von Beamtenhaushalt in einer multiethnischen Umgebung — es sagt nichts über Khitan-Hirten und nichts über die Liao als Ganzes.
Sicher ist das Bild selbst: Ein Empfang mit Tee ist in einzelne Handgriffe zerlegt — Tee mahlen, Feuer anblasen, den Kessel nehmen, Schalen tragen, Geschirr aufstellen —, und diese Handgriffe tragen Menschen in Han- und in Khitan-Tracht. Das Geschirr und die Bewegungen reichen bis in die Tang-Zeit zurück; der Grabherr war ein han-chinesischer Beamter im späten Liao in Xuanhua, worauf Grabinschriften, Bestattungsform und Bildthemen gemeinsam deuten. Nicht sicher ist, was bei jenem Mahl auf dem Tisch stand, was es kostete, wer die Gäste waren und ob der Hausherr an jenem Tag wirklich so bewirtete: Das Bild liefert eine Komposition, keine Abrechnung; es hält einen Brauch fest und zugleich einen Wunsch. Die offene Frage ist am Ende die interessantere: War dieser Tee für die Toten zum Genuss gemalt, oder für die Lebenden, die zum Grab kamen? Die zwei kleinen gefleckten Hunde springen unter dem Tisch vergnügt auf und ab, und im Bild hat niemand je die Stäbchen angerührt.
Quellen und weitere Lektüre
- 河北省文物考古研究院《宣化下八里辽代壁画墓群》 — 1974—1993年发掘9座辽晚期墓,7座有墓志,时间跨度24年;壁画总面积300余平方米,张世卿墓87.5平方米、人物206个;题材含出行图、散乐图、备茶图、备经图、宴乐图、契丹儿童舞、儿童跳绳图、垂莲藻井、彩绘星图;墓主为辽境汉族贵族,沿关中葬制;张世卿官衔右班殿直、检校国子祭酒兼监察御史、云骑尉
- 武淑萍、郝静《从宣化辽墓备茶图看张家口堡》,《光明日报》2013年3月30日第12版 — 张匡正墓《备茶图》人物与器物细节:汉服女童膝上打补丁碾茶、地上盘子与待碾茶饼;契丹装小童鼓腮吹风炉;契丹装男侍取炉上茶壶;桌上壶、盏、瓶、夹、宗、扎;两只小花狗;两名汉服女侍捧盏送茶
- 唐雪梅《辽人茶事源流的考古学观察》,《故宫博物院院刊》2023年第9期(中国历史研究院转载) — 宣化韩师训墓M4(辽天庆元年1111)东南壁备茶图;其注子、茶碗、茶托与唐王母村崔氏墓(904)茶器组合相同;宝山辽墓天赞二年(923)题记为最早纪年契丹贵族墓
- 脱脱等《辽史》卷五十九·食货志上 — 沿边诸州和籴仓「出陈易新,许民自愿假贷,收息二分」;统和十三年诏诸道置义仓,社民随所获户出粟、社司籍其目;「春州斗粟六钱」;雅里自定粟价(粟一车一羊、三车一牛、五车一马、八车一驼)




