Der Raum hat acht Seiten. Vier Wände tragen Malerei, und vor der niedrigen Totenbank — dort, wo im Haus ein Tisch stünde — sind ein hölzerner Tisch und zwei hölzerne Stühle stehen geblieben. Darauf und daneben stehen die Schalen und Teller, die aus dem Grab kamen: acht Stücke glasierter Keramik, ein Topf aus unglasiertem Ton und die drei Stücke Holz. Niemand sitzt. Es ist das Grab, das im Mai 2020 auf einer Baustelle am Hang südlich der Huwo Road(胡窝路)im Kreis Xiyang(昔阳)in Shanxi gefunden und im August 2025 vom Archäologischen Institut der Provinz Shanxi(山西省考古研究院)vorgelegt wurde.
Das Grab ist ein Ziegelgrab mit nachgebildeter Holzkonstruktion, mit Ziegelreliefs und Malerei: eine achteckige Ziegelkammer mit Kuppelgewölbe, bestehend aus Zugangsgang, Tor, Korridor, Hauptkammer und einer Seitenkammer. Das Gewölbe ist stellenweise zerstört, alles Übrige gut erhalten. Bestattungsbehälter wurden nicht gefunden; die Knochen liegen verstreut auf der Totenbank und in der Seitenkammer. Die Malerei an der Kuppel ist stark zerstört; sie zeigt die Vier Gottheiten und die achtundzwanzig Mondhäuser, die sie umstehen — über einem Mahl liegt ein ganzer Sternenhimmel.
Zwei Bankette, an zwei Wänden
Die Nordwest- und die Nordostwand tragen fast dasselbe Bild: ein Ehepaar, einander gegenübersitzend, ein Tisch dazwischen. Der Unterschied liegt in der Kleidung der Frau an der Nordostwand und in den Gesichtern — weniger Falten, das Paar wirkt jünger. Der Bericht nennt dasselbe Motiv aus Jin-Gräbern von Xiayang(下阳村)in Wenxi(闻喜)und von Xiaoguan(小关村)in Changzi(长子), wo mehrere Paare in einer Kammer dargestellt sind, mit deutlichen Altersunterschieden, und er deutet das so: „应该代表同墓埋葬的为家族内多代夫妇“ — es dürfte mehrere Generationen einer Familie bezeichnen, die im selben Grab bestattet wurden. Das ist die Deutung des Berichts, nicht die Aussage des Grabes: Eine Grabinschrift ist nicht erhalten, und im Grab steht nirgends eine Jahreszahl.
Pferde, Sänften und ein schwarzer Hund
Zwei weitere Wände inszenieren einen Aufbruch. An der Südwestwand stehen zwei gesattelte Pferde im Zentrum, sechs männliche Diener sind um sie verteilt, jeder mit einer eigenen Verrichtung; an der Südostwand sind zwei Sänften — jianyu(肩舆, Sänfte)— nebeneinander abgesetzt und stehen leer, innen warten elf männliche Bedienstete in zwei Reihen, außen sind zwei Frauen und ein schwarzer Hund gemalt. Der Bericht bemerkt, die Sänftenprozession sei in Gräbern der Umgebung selten und nur in einzelnen Song- und Liao-Gräbern belegt. Den Rest der Wände übernimmt das Ziegelrelief: an der Westwand in der Mitte eine bemalte falsche Tür (假门), der Flügel einen Spalt geöffnet, auf dem Türsturz zwei Türnägel in Form eines Persimmonkelchs (柿蒂形门簪), auf den Flügeln ringsum Rankenblüten in Rauten und Ecken (菱形四角卷草花卉); an der Nordwand eine Ziegeltür mit Fenstern (砖雕门窗): äußerer Türrahmen, drei Querfenster (横披窗) und vier Gittertüren (隔扇门).
Der Tisch, der wirklich dastand
Auffällig macht das Grab die Möblierung. Vor der Totenbank stehen ein echter hölzerner Tisch und zwei Stühle; der Bericht sagt, ihre Stellung stimme mit der Anordnung des Banketts im Wandbild überein, „有祭祀之义“ — das habe den Sinn eines Opfers —, und er sagt zugleich ausdrücklich, im Grab beigesetztes Mobiliar sei „非当地所常有“ — in der Gegend nicht üblich. Die Keramik, so der Bericht, „原应放置在供桌上“ — hätte ursprünglich auf dem Opfertisch (供桌) gestanden; auch das ist eine Vermutung. So hat diese Bestattung zwei Tische: einen gemalten und einen auf dem Boden, und der auf dem Boden ist nach dem an der Wand eingerichtet. Die Gefäße selbst sind gewöhnlich: acht Stücke Keramik, Töpfe, Schalen, Teller; die drei Holzstücke sind der Tisch und seine zwei Stühle, der Satz ist vollständig, und die Schlagzeile des Berichts nennt genau sie. Eine schwarzglasierte Schale (黑釉) und ein braunglasierter Topf (酱釉) sind in Jin- und Yuan-Zeit geläufige Formen, weißes Porzellan gibt es nur wenig, Stempeldekor fehlt, die Ausführung ist mittelmäßig, „应该是附近的民窑产品“ — es dürfte Ware einer Volksbrennerei (民窑) in der Nähe sein; das „应该“ ist das Wort des Berichts.
Keine Speisekarte
Was diesem Grab fehlt, ist eine Speisekarte. Der Bericht spricht nur von einem „夫妇对坐宴饮图“ — einem Bild des einander gegenübersitzenden Ehepaars beim Bankett; auf dem Bild steht kein Gericht, auf dem Tisch keine Aufzählung von Speisen, und unter den Beigaben ist nichts Essbares zu erkennen. Dieser Artikel schreibt deshalb nicht, dass sie Hammelfleisch aßen, Wein tranken oder Gebäck bekamen: nicht weil ein wohlhabendes Haus im Shanxi der Jin-Zeit sich das nicht hätte leisten können, sondern weil dieses Grab es nicht gemalt und nichts davon hinterlassen hat. Sagbar ist sehr viel weniger, und doch der Mühe wert: Ein Haushalt, der eine solche Kammer bauen konnte, der sich solche Ziegelreliefs und solche Malerei leisten konnte, hielt einen Tisch, zwei Stühle und ein paar Schalen für Dinge, die ins Grab gehören — und malte dasselbe Mahl zweimal an die Wand.
Wessen Mahl war das?
Der Bericht setzt das Grab in die mittlere Jin-Zeit oder etwas früher, gestützt auf die Form der Kammer, den Inhalt der Malerei und die Arten der Beigaben; eindeutige Datierungsangaben enthält das Grab nicht, das ist ein Urteil, keine Überlieferung. Für den Bestatteten gilt: „推测为经济富足的地主阶层“ — vermutlich eine wirtschaftlich wohlhabende Grundbesitzerschicht, gestützt auf den Aufwand des Baus, die Feinheit von Ziegelrelief und Malerei und die gesattelten Pferde und Sänften im Bild. An beiden Stellen steht ausdrücklich, dass es eine Vermutung ist. Eine weitere Einschränkung nennt der Bericht selbst: Dies ist ein Grab in chinesischem Stil (汉式), mit Elementen aus Song-, Liao- und Jin-Zeit, „尤其具有突出的辽宋风格“ — es zeigt besonders ausgeprägt Liao-Song-Stil —, und taugt nicht als Beleg für Bräuche der Jurchen(女真).
„Wohlhabend“ hat in der Jin Shi(《金史》)eine institutionelle Bedeutung. Die Vermögensabgabe wuli qian(物力钱)wurde nach „田园、邸舍、车乘、牧畜、种植之资,藏镪之数“ gestaffelt erhoben — nach Feldern und Gärten, Stadthäusern, Fahrzeugen, Vieh, dem, was gepflanzt wird, und der Menge gehorteten Silbers; und es galt: „凡民之物力,所居之宅不预“ — beim Vermögen der einfachen Leute bleibt das Haus, in dem man selbst wohnt, außer Betracht. Die Haushaltsregister wurden „三年一籍“ geführt, alle drei Jahre neu, später durch allgemeine Überprüfung (通检) und örtliche Neueinschätzung (推排) ersetzt. Der Satz, der am häufigsten für reiche Tafeln zitiert wird, stammt von Kaiser Shizong(世宗), aus dem einundzwanzigsten Jahr der Devise Dading (1181): Die Haushalte der Meng'an-Mouke(猛安谋克)in den Provinzen Shandong und Daming, so der Kaiser, bestellten ihre Felder nicht selbst, sondern verpachteten sie an Han-Chinesen und lebten von der Pacht; „富家尽服纨绮,酒食游宴,贫者争慕效之“ — die reichen Häuser tragen all Seide und feine Gaze, sie geben sich Wein und Gastmählern hin, und die Armen wetteifern, es ihnen gleichzutun. Das ist ein Kaiser, der eine privilegierte Gruppe von Militärhaushalten tadelt; es ist keine Statistik, und es ist erst recht nicht der Haushalt dieses Grabes.
Die Register des sechsten Jahres der Devise Mingchang (1195) nennen reichsweit 7.223.400 Haushalte von Jurchen, Khitan und Han, 48.490.004 Personen und 2.604.742 Schnüre Vermögensabgabe — eine Zahl für das ganze Reich, die sich keinem einzelnen Haushalt zurechnen lässt. So bleibt das Grab bei seinem eigenen Maßstab: ein achteckiger Raum, die Malerei auf vier Wänden, ein Tisch, zwei Stühle, ein paar Schalen und Teller und ein Datum, das sich nur erschließen lässt. Es gibt keinen Namen, kein Jahr, keine Speisekarte und keinen Preis. Ein gedeckter Tisch, an dem niemand isst, ist hier der ganze Beweis.
Quellen und weitere Lektüre
- 〈最新公布!山西昔阳发现金代壁画墓,内有夫妇对坐、肩舆出行……还有完好的木头桌椅!〉(中国社会科学网,2025-08-20;资料发布:山西省考古研究院) — The excavation report as published: octagonal brick chamber; saddled horses and sedan chairs on two walls, two banqueting-couple murals on the other two; 12 objects including 8 ceramics; a wooden table and two chairs set before the coffin platform, matching the murals and carrying sacrificial meaning; date judged mid-Jin or earlier, occupant inferred to be a wealthy landowning household.
- 脱脱等《金史》卷四十七·食货二(田制、租赋、牛头税) — The means levy (wuli qian) assessed on fields, houses, vehicles, livestock, plantings and hoarded silver; the dwelling one lives in excluded; Shizong's 1181 remark that rich Meng'an-Mouke households wore silk and gave themselves to wine and feasting.
- 脱脱等《金史》卷四十六·食货一(户口、通检推排) — Household registration once every three years, later general inspections and local reassessments; the Mingchang 6 (1195) realm-wide figures of 7,223,400 households, 48,490,004 persons and 2,604,742 strings of means levy.




