Kurz vor Mittag des 9. Dezember 1965 trugen auf einer Baustelle in Houma Schüler, die bei der Ausgrabung mithalfen, Erde aus einer rechteckigen Grube ab und stießen dabei auf flache Steinplättchen mit schwacher roter Schrift. Die Plättchen wurden aufgelesen, eines hier, eines dort, und gerieten auseinander; die Archäologen auf der Baustelle ließen sie zurückgeben, und 60 Stücke kamen wieder zusammen. Wie sich zeigte, waren sie ein wichtiges Stück der allgemeinen Vorrede der Houma-Mengshu(侯马盟书,der Bundestexte von Houma), und die Grube war eine Opfergrube. Die Stätte liegt rund 2,5 km südöstlich der Stadtanlage von Houma aus der Östlichen Zhou-Zeit; die Prospektion fand mehr als 400 rechteckige Gruben auf einer Fläche von etwa 70 × 55 m.

Die Schrift auf Jade

Die Grabung lief von November 1965 bis Mai 1966 und erfasste insgesamt 326 rechteckige Gruben; in 42 von ihnen fanden sich mehr als 1.500 Bundestexte auf Jade- und Steinplättchen. Die Gruben sind unterschiedlich tief, von 5,7 bis 0,2 m; auch ihre Öffnungen sind verschieden, die größte 1,6 × 0,6 m, die kleinste 0,4 × 0,28 m. In den meisten lag ein einziges Opfertier — Rind, Pferd, Schaf. Die Grabungsaufzeichnung vermerkt, die Opfertiere hätten auf dem Bauch, auf dem Rücken oder auf der Seite gelegen, ohne feste Regel, und einige schienen lebendig begraben worden zu sein.

Jedes Plättchen trägt einen vollständigen Text, höchstens 98 Zeichen, in der Regel 92, im Inhalt gleich, nur der Name am Kopf ist jeweils ein anderer. Die Schrift ist mit dem Pinsel geschrieben, fast alles in Rot, einiges in Schwarz; manche Zeichen sind nur 0,4 cm klein. Auch die Maße sind festgehalten: das größte Plättchen 32 × 3,8 × 0,9 cm, die gewöhnlichen kleinen Plättchen etwa 18 × unter 2 × 0,2 cm. Die Handschriften unterscheiden sich — manche fein und gedrängt, manche frei —, es schrieben also mehr als ein Schreiber.

Ein Eid, zwei Bestimmungsorte

Der Bund hatte ein Verfahren. Der Leiter des Bundes(主盟人)rief die Teilnehmer an den Ort; der Verwalter des Bundes schrieb den Text auf Jade- und Steinplättchen, ein Exemplar für jede Partei; der Platz wurde geebnet und rechteckige Gruben gegraben; Rinder, Pferde und Schafe wurden getötet, der Leiter nahm den Stier am Ohr, das Blut wurde verschmiert(歃血), der Eid verlesen. Dann wurden das Opfertier und das eine Exemplar gemeinsam begraben, damit die Götter es sähen und darüber wachten; das andere Exemplar kam in das Bundesarchiv(mengfu,盟府), um nachgeschlagen werden zu können. Ging das Exemplar des Archivs verloren, wurde das begrabene wieder ausgegraben — der Ritus, den man „Bundessuche“(xunmeng,寻盟)nannte. Jede Partei hatte ein Exemplar, und das Archiv war die Aufzeichnung des Staates; die „Suche“ zeigt, dass sich die Aufzeichnung aus der Erde wiederherstellen ließ.

Die Texte zerfallen in Klassen. Drei sind in Rot geschrieben: der „Sippenbund“(zongmeng,宗盟)unter Männern gleichen Namens und gleicher Abstammung; der „Klientelbund“(weizhi,委质), in dem sich ein Mann einem anderen verpfändet und schwört, ihn niemals zu verraten; und der Eid des „inneren Hauses“(neishi,内室), fremde Menschen und fremdes Gut nicht zu nehmen und jeden Verwandten anzuzeigen, der es tut. Einige wenige sind schwarz: Flüche, die göttliche Strafe auf die Übertreter herabrufen, und Aufzeichnungen der Wahrsagung. Die roten Texte sind der eigentliche Bund; die schwarzen stehen an seinem Rand. 251 Teilnehmer lassen sich bestimmen, und 26 Namen von Zielen; die Zahl der Ziele in einer Gruppe erreicht höchstens 9 Linien und 21 Häuser.

Die Formel im Zuo zhuan

Das Zuo zhuan(《左传》,die Chronik des Zuo)verzeichnet zum neunten Jahr des Herzogs Xi von Lu den Bund von Kuiqiu(葵丘); dort ließ der Fürst von Qi die Fürsten schwören und sprach: „Alle, die wir diesem Bund angehören, wollen nach diesem Bund wieder gute Beziehungen halten“(凡我同盟之人,既盟之后,言归于好). Das ist eine Formel, überliefert in einem Text aus Lu. Sie ist nach der Chronologie des Zuo zhuan selbst auf 651 v. Chr. datiert. Sie zeigt, dass die Bünde der Frühlings- und Herbstzeit eine feste Formulierung hatten, aber sie ist nicht der Text der Houma-Plättchen; die beiden lassen sich nur nebeneinander halten, nichts weiter.

Nach der Tabelle der Bünde im Zuo zhuan(《春秋左传》盟誓表), die Zhang Han(张颔)aufstellte, verzeichnet das Zuo zhuan 196 Bünde, 57 davon unter Beteiligung von Jin(晋). Die Houma-Plättchen verwandeln diese Art Formel in bestimmte Namen, Klauseln und Flüche: wer mit wem ist, was verboten ist, was den Eidbrecher und seine Nachkommen trifft. Zhang Hans Zählung erfasst Bünde im Text, nicht in der Erde. Aber die beiden sind verschiedene Ordnungen von Text; mit dem Zuo zhuan lassen sich die Plättchen nicht ergänzen, und mit den Plättchen lässt sich das Zuo zhuan nicht umschreiben.

Wessen Eid, welches Jahr

Die Datierung ist umstritten. Nach Guo Moruo(郭沫若), der die Stücke gesehen hatte, gehören die Texte in das frühe Zeitalter der Streitenden Reiche, in das sechzehnte Jahr des Königs An von Zhou(周安王), 386 v. Chr., also in die Zeit des Zhao Jinghou Zhang(赵敬侯章); Zhang Han, Wang Kelin(王克林)und Tao Zhenggang(陶正刚)setzen sie nach dem Tod des Herzogs Ding von Jin(晋定公)im Jahr 475 v. Chr. an; andere erwägen 424 v. Chr., als Zhao Huanzi(赵桓子嘉)Zhao Xianzi(赵献子浣)vertrieb. Zhang Shouzhong(张守中)sagt, allgemein anerkannt sei die späte Frühlings- und Herbstzeit, also die Datierung Zhang Hans; der Bericht selbst vermerkt, Anfang und Ende der Datierung, die Einteilung der Texte und die in den Plättchen gespiegelte Geschichte von Jin seien weiterhin umstritten.

Im Oktober 1995 wurden die Houma-Plättchen unter die zehn großen archäologischen Entdeckungen des neuen China gewählt. Der Band Houma Mengshu(《侯马盟书》)erschien erstmals 1976, Neuausgaben folgten 2006 und 2016; von mehr als tausend Texten wurden 656 nachgezeichnet und veröffentlicht, die übrigen waren beschädigt oder Dubletten. Der Bericht bemerkt, drei Auflagen eines einzigen Grabungsberichts seien in der Archäologiegeschichte von Shanxi(山西)beispiellos. Das sind die Zahlen des Archivs und des Buches, nicht die der Grabung — die Zahlen der Grabung sind 42 Gruben und mehr als 1.500 Stücke.

Was sich sagen lässt und was nicht

Die Grenzen. Das hier verwendete Material ist eine Reportage, kein Grabungsbericht; Datierung, Fundchargen und der Leiter des Bundes sind umstritten und werden hier nicht festgeschrieben; die Zahl der Plättchen wird so zitiert, wie der Bericht sie gibt, „42 Gruben, mehr als 1.500 Stücke“, und nicht aufgerundet; die Formel von Kuiqiu dient nur als Parallele, nie als Houma-Text; Guo Moruos Datierung steht als seine Ansicht, nicht als Befund; und kein vollständiger Bundestext wird zitiert, weil seine Übertragung hier nicht gelesen wurde. Der Bund von Kuiqiu nennt keine Zahl von Teilnehmern; bei den Houma-Plättchen beginnen die Zahlen.

Was dieser Artikel geben kann, ist eine Szene, die sich anfassen lässt: die Grube ausgehoben, das Opfer getötet, ein geschriebener Eid begraben, damit die Götter ihn sehen, das andere Exemplar zu den Akten genommen, damit Menschen ihn nachschlagen können; und mehr als zweitausend Jahre später das begrabene Exemplar wieder ausgegraben und gelesen — eine Liste von Namen, einige Verbote und eine Klausel darüber, was denen geschieht, die den Bund brechen. Das „wieder gute Beziehungen halten“ des Zuo zhuan ist die Formel derselben Art von Urkunde. Das Archiv ist untergegangen; nur die begrabenen Exemplare blieben erhalten. Der Abstand zwischen dem Gegenstand und der Formel ist der Abstand dieses Artikels.

Quellen und weitere Lektüre

  1. 新华社〈侯马盟书:玉片上的朱书文带你「穿越」到东周〉2021-07-23(网易转载页,非《新华每日电讯》原刊版面)(Xinhua, 'Houma covenant texts: red brush writing on jade slips', 23 July 2021; NetEase repost, not the original print layout) — News feature, not an excavation report, quoting archaeologists of the Shanxi Provincial Institute of Archaeology: the Houma covenant site was dug from November 1965 to May 1966, 326 rectangular pits, 42 of them containing more than 1,500 covenant texts on jade and stone slips; pits from 5.7 m to 0.2 m deep, one animal victim in most; each slip carries one complete text, at most 98 characters, usually 92, with a different name at the head; brush writing, mostly red, a few black, characters as small as 0.4 cm; the largest slip 32 by 3.8 by 0.9 cm, the smallest about 18 by under 2 by 0.2 cm; classes of covenant (clan, clientage, inner-household in red; curses and divination records in black); 251 participants and 26 targets identifiable; the procedure of writing in duplicate, burying one copy and keeping one in the covenant archive, with 'seeking the covenant' when the archive copy was lost. Dates are disputed: Guo Moruo proposed 386 BCE, Zhang Han and others the late Spring and Autumn period.
  2. 《春秋左氏传·僖公九年》葵丘之盟 (Zuo zhuan, Duke Xi year 9, the covenant of Kuiqiu) — The covenant formula of 651 BCE: 'All we who are of this covenant, after this covenant, return to good relations.' Used only as an example of covenant phrasing, not as the text of the Houma slips.