Mit dem dritten Punkt der ersten Wache, yigeng sandian(一更三点,dritter Punkt der ersten Wache), verebbte der letzte Ton der großen Glocke über Peking – und wer danach noch auf der Straße war, machte sich strafbar. Das Verbot steht im Da Ming Huidian(大明会典,den gesammelten Statuten der Ming), Band 166: Wer nach dem Verstummen der Glocke zur ersten Wache und vor dem Schlagen zur fünften Wache, wugeng sandian(五更三点,dritter Punkt der fünften Wache), unterwegs war, bekam dreißig Stockhiebe; in der zweiten bis vierten Wache waren es fünfzig. Ausgenommen waren allein dringende Amtsgeschäfte, Krankheit, Niederkunft und Todesfälle. Die Uhrzeiten – gegen acht Uhr abends und gegen vier Uhr morgens – sind aus dem Wachensystem zurückgerechnet; geeicht wurden die Wachen an Dämmerung und Morgengrauen, im Winter lagen sie anders als im Sommer. Die Vorschrift band beide Seiten: Ein Nachtwächter, der einen Unschuldigen als Übertreter festhielt, büßte an dessen Stelle.
Wenn die Glocke verstummt, ist die Straße keine Straße mehr
Die Männer, die diese Grenze bewachten, waren keine Polizisten. Nachts zogen die fünf Bezirkskommandanturen, wucheng bingma si(五城兵马司), ihre Runden, und die Zeit verwaltete der Palast: Das kaiserliche Observatorium, Qintianjian(钦天监), maß die Stunden mit der Wasseruhr, wechselte die Wachtafel, schlug die Trommel und markierte Abend und Morgen mit Glocke und Trommel; der louke boshi(漏刻博士,Wasseruhren-Beamte)gab den Takt an. Wer nachts auf der Straße war, wies sich aus: Das Shangbaosi(尚宝司,Siegelamt)hielt sechs quan zhang(权杖,Stäbe als Berechtigungszeichen)bereit, den shen(申,Affe)für die Nachtwachen der kaiserlichen Garden, Jinwu(金吾诸卫), und fünf weitere aus Holz, Metall, Erde, Feuer und Wasser für die der fünf Bezirke. Der Nachtdienst war bezahlt, aber dünn: Der Kreis Wanping(宛平县)hielt fünf gengfu(更夫,Nachtwächter)im Etat, jeden mit 7,2 Taels Silber (两, liang) im Jahr, die Präfektur Shuntian(顺天府)einen mit zwölf Taels.
Die Nacht des Viertelvorstehers
Unterhalb der Ämter war die Stadt in ein Raster geschnitten, fang-pai-pu(坊—牌—铺,Viertel, Pai, Block). Nach dem Kapitel über die Straßen in Shen Bangs Wan Shu Zaji(宛署杂记,Aufzeichnungen aus dem Kreis Wanping)wurde jedes Viertel je nach Zahl der Anwohner in mehrere Blöcke geteilt; jedem Block standen ein putou(铺头,Blockvorsteher)und drei bis fünf huofu(火夫,Feuerwächter)vor, darüber ein zongjia(总甲,Viertelvorsteher). Allein der Teil Wanpings innerhalb der Mauern zählte dreizehn Viertel und 312 Straßen und Gassen, die den Namen hutong(胡同,Gasse)tragen und einzeln im Register stehen. Die Pflichten des Vorstehers sind ohne Schmuck notiert: jeden Abend mit der Laterne Amtspersonen und Gäste geleiten, jeden Morgen Lärm und Gedränge auflösen, jeden Monat die fanghao(房号,Haussteuer)anmahnen, am Jahresende das Räumen der Gräben und das Einebnen der Straßen betreiben.
Über ihm standen zwei Verwaltungen. Die Vorsteher unterstanden den Bezirkskommandanturen, die Menschen, die sie erfassten, aber dem Kreisamt, und die Kreise konnten Männer, die in den Vororten nahe der Mauer standen, nicht einmal vorladen: zwei Behörden, eine Kette, ständige Reibung. Derselbe Vorsteher war zugleich die Datenquelle der Stadt – bei der Aufstellung der Gewerberegister meldeten die Kommandanturen über den Viertelvorsteher, wer im Geschäft war und wer fortgezogen. Darüber lief ein eigener Kanal: Am Ersten jedes Monats traten der Präfekt von Shuntian und die beiden Kreishauptleute südlich der Brücke am Chengtianmen(承天门,Chengtian-Tor)vor die qilao(耆老,Viertelältesten)und verlasen eine Ermahnung; im zehnten Monat lautete ein Satz, Brücken und Straßen müssten zur rechten Zeit instand gesetzt werden.
Shen Bang, in den 1590er Jahren Kreishauptmann von Wanping, hielt fest, was das System aus seinem untersten Glied machte. Nach langen Friedensjahren wollten die alteingesessenen Haushalte den Dienst nicht mehr tun; er fiel an Zugezogene und Nichtregistrierte, bis die Vorsteher der Hauptstadt, wie er schrieb, entweder heimatlose junge Männer oder erbärmliche Bettler waren. Sie lebten von Gewohnheitsabgaben: dem dengyou qian(灯油钱,Lampenölgeld), das jeder Haushalt monatlich zahlte, und dem huazi qian(画字钱,Schreibgeld)auf Hauskaufverträge. Ob das Lampenölgeld ein gemeinsamer Beitrag zur Straßenbeleuchtung war oder eine private Abgabe des Vorstehers – die Quellen sagen beides, nur nebeneinander stellbar: Er führt es als Missstand, die monatliche Form pro Haushalt aber sieht nach einer öffentlichen Umlage aus.
Achthunderteinundeinhalb Räume
Der gewerbliche Raum der Stadt wurde vom Staat gebaut und dann vermietet. Nachdem Yongle die Residenz verlegt hatte, entstanden Ladenhäuser an den vier Toren der Kaiserstadt und rings um Glocken- und Trommelturm; auf Wanping entfielen 801,5 Räume und 16,5 Läden, alle langfang(廊房,staatlich errichtete Ladenhäuser)genannt, die Räume zum Wohnen, die Läden zum Lagern und Verkaufen der Ware. Die Miete richtete sich nach der Lage, nicht nach der Größe des Geschäfts: 443 große Räume zu 45 Schnüren Papiergeld (贯, guan; die Noten selbst hießen 钞, chao) und 90 Cash (钱, qian, Kupfermünzen, in 文, wen, gezählt) je Quartal, 29 mittlere zu 31 Schnüren und 62 Cash, 329,5 kleine zu 30 Schnüren und 60 Cash. Kaufleute besetzten keinen Platz auf eigene Faust; sie mieteten eine Zelle in einem Markt, den der Staat längst ans Tor gelegt hatte.
Die Eintreibung lief über die Mieter selbst. In jedem Abschnitt der langfang wurde ein vermögender Anwohner als langtou(廊头,Mieter-Vorsteher)bestellt; an den Abschnitten am Nordtor, an der Haizi-Brücke und bei Glocke und Trommel waren es je Quartal etwa 31, aus denen zwei als Vorsitzender und Stellvertreter hervorgingen und das Geld samt Papiernoten quartalsweise in den Palast abführten. Die Stadttore waren Zollstellen: die beiden xuanke si(宣课司,Steuerämter)am Zhengyang- und am Chongwen-Tor, die beiden shuike si(税课司,Abgabeämter)am Anding- und am Desheng-Tor; wer Waren in die Stadt brachte, zahlte zuerst. Die Kaufleute wurden in puhang(铺行,Gewerbegilden)erfasst: ursprünglich 132 Gilden, veranlagt nach jiu ze(九则,neun Klassen), oben neun qian Silber (钱 als Gewichtseinheit: ein Zehntel Tael, also 0,9 Taels), unten ein qian (0,1 Taels); Wanping hatte 2.663,4 Taels zu erheben. Dazu kamen die Haussteuer in den fünf Bezirken und die shuiqi(税契,Urkundensteuer)in Präfektur und Kreisen; aus diesem Silber wurden Tempel und Straßen instand gesetzt.
Auch die Arbeitskraft wurde so veranschlagt: In einem Jahr schuldete Wanping 1.052 Mann shiyi(实役,tatsächlicher Dienst), abgelöst mit 3.836,6 Taels, dazu 197 muyi(募役,angeworbene Dienstpflichtige)für 1.492,8 Taels – in einer Liste, die zhafu(闸夫,Schleusenwärter), gengfu(更夫,Nachtwächter), pubing(铺兵,Wachpostensoldaten)und shuifu(水夫,Wasserträger)nennt. Eine Stadt ist in dieser Buchhaltung ein Verzeichnis von Namen und Löhnen.
Alle drei Tage eine Waage
Die Marktaufsicht war enger, als moderne Leser erwarten, und sehr viel konkreter. 1368, im ersten Jahr des Hongwu-Kaisers, wurden den Bezirkskommandanturen auch die Marktämter übertragen: Alle drei Tage wurden die hu und dou (斛斗) sowie die Waagen der Straßenmärkte geprüft, die Namen der yakuai(牙侩,Makler)zwischen Käufer und Verkäufer registriert und die Preise beobachtet; auch der Präfekt von Shuntian hatte für gleichbleibende Preise zu sorgen. Lizenzen wurden keine ausgegeben, keine Küche wurde kontrolliert. Der Staat sorgte für dreierlei: dass ein dou (斗) Reis ein dou war, dass der Makler, der einen Preis ausrief, einen Namen hatte, und dass jemand auf den Preis selbst sah.
Wasser aus Brunnen, Feuer aus Menschenhand
Wasser war viererlei: Graben, Brunnen, Karren und Männer. Die Yuhe(玉河,Jadefluss)entsprang am Yuquan Shan(玉泉山,Jadequell-Berg), lief durch den Palastbereich und aus der Stadt und mündete im Südosten in den Datong He(大通河). Im Nordwesten sammelte der Jishuitan(积水潭)die Quellen. Dieses Wasser hatte zuerst Palast und Getreideschifffahrt zu versorgen; die Gassen lebten von den Brunnen, und die Brunnen stehen in den Namen: Vier-Augen-Brunnen-Gasse, Wasserwagen-Gasse, Flutbrunnen-Gasse, Hoher-Brunnen-Gasse, Quellgasse. Die Männer, die diesen Betrieb aufrechterhielten, standen auf den Frondienstlisten: sechs Schleusenwärter an der oberen Pingjin-Schleuse, Pingjin shang shui zha(平津上水闸), zu je 7,2 Taels, zehn an Guangyuan zha(广源闸)zu je vier, zwei tongzi fu(桶子夫,Eimermänner)am Westsee zu je 1,2, deren Aufgaben die Quellen im Unklaren lassen. Dass Süßwasser mit Karren in die Stadt gefahren und verkauft wurde, während das bittere Brunnenwasser zum Waschen diente, ist eine Vermutung aus den Straßennamen, keine direkte Überlieferung.
Jeder Block hielt drei bis fünf Feuerwächter; über die dreizehn Viertel Wanpings hinweg sind das einige hundert Mann, eine Schätzung nach dem Etat, keine Gesamtzahl. Qiu Jun(丘濬)sagte es in seinem Daxue Yanyi Bu(大学衍义补,Ergänzung zum Großen Lernen)deutlich: In den Gassen seien Feuerposten und Nachtwächter aufgestellt, damit sie einander im Blick behielten und Diebe verhüteten. Die Statuten wurden konkreter. 1474, im zehnten Jahr des Chenghua, bekam jedes shuiguan(水关,Wassertor)der Hauptstadt einen huopu(火铺,Feuerposten), ein tongshui qi(通水器,Wassergerät)und zwei Soldaten zur Wache; brach in einem Haus Feuer aus, sollten die gongbing(弓兵,Bogenschützen)und huo jia(火甲,Feuerrotten)des Bezirks mit Gerät herbeikommen, und jeder Feuerwächter eines Blocks hatte, soweit nicht ausdrücklich befreit, Dienst zu tun; je Bezirk standen achtzig Bogenschützen im Etat, jährlich abgelöst. Die Ermahnung an die Haushalte lief über die monatliche Verlautbarung, und im zehnten und elften Monat, zum Beginn der Heizsaison, hieß es immer gleich: früh aufstehen, spät schlafen gehen, sorgsam mit Feuer und Kerzen umgehen. Welches Gerät ein Feuerwächter trug, sagen die Texte nicht: sie nennen nur ‚mit Geräten‘, ohne Liste. Die Eimer, mada(麻搭,Feuerwedel)und huogou(火钩,Feuerhaken)der Rekonstruktionszeichnungen sind aus Song-Garnisonsposten oder Qing-Feuervereinen entlehnt.
Auch das, was die Statuten nie sagen, sagt etwas über diese Stadt. Für Abfall und Fäkalien gilt: kein zuständiges Amt in diesen Quellen; nicht rekonstruierbar ist, wer sie aus der Stadt brachte. Die Pflicht des Vorstehers endet beim Einebnen der Straße. Dass Ming-Peking keine Kehrichtabfuhr gekannt hätte, steht damit nicht fest – nur, dass diese Belege sie nicht zeigen. Eine Stadtverwaltung mit eigenem Haushalt gab es ohnehin nicht, und kein Bauamt nach Art eines Ministeriums der Arbeiten (工部). Sie lief auf drei Dingen: einem Gesetzeswerk, das die Straßen schloss, einer Kette von Vorstehern, die für die Behörden zu Fuß gingen, und einem Umlageverzeichnis, das Haushalte und Ladenbesitzer in die Männer verwandelte, die Gräben räumten und Wasser trugen. Bleibt die Frage, die die Akten nicht beantworten: Als die Glocke verstummte – wer bezahlte dem Mann mit der Laterne seine Nacht?
Quellen und weitere Lektüre
- 申时行等《大明会典》卷一百六十六·夜禁(万历重修本) — 夜禁律条原文:一更三点钟声静后、五更三点钟声动前犯夜笞三十,二三四更笞五十;公务、疾病、生产、死丧不在禁限;巡夜人诬执犯夜者抵罪
- 《大明会典》卷一百五十九·工部十三·街道沟渠(四库全书一百八十卷本) — 成化十年条「京城水关每座盖火铺一,立通水器」,拨军二名看守;成化六年条街道桥梁损坏「即督地方火甲人等并力填修」;成化十五年添设员外郎专巡街道沟渠。注意:四库本与万历重修本卷号不同,不可混用
- 《大明会典》卷一百七十七·五城兵马司(四库全书一百八十卷本) — 「凡官民房舍火起,不分地方,各司督领弓兵火甲人等俱持器具救火」「凡各城坐铺火夫,除有例优免外,其余俱要编当」;弓兵每司额设八十名、一年更替
- 丘濬《大学衍义补》卷一百三十六 — 明人议论,非条文:「后世于里巷设为火铺、更夫,使之互相觉察以防盗贼」;「今制一更三点禁人行,五更三点放人行」
- 沈榜《宛署杂记》(万历二十一年自序,全书二十卷) — 「街道」条(坊铺编制、总甲火夫、胡同、总甲之苦)、「力役」条(更夫、水夫、闸夫、实役募役)、「廊头」条(廊房三等收钞、廊头轮值)、「铺行」「税契」条(行银九则、房号、税关);卷次依通行整理本,电子本按条切分无卷次
- 张廷玉等《明史》卷七十四·职官三(五城兵马司、顺天府、尚宝司、钦天监、宦官) — 五城兵马司「巡捕盗贼,疏理街道沟渠及囚犯、火禁之事」,并管市司、校斛斗秤尺、稽牙侩、时物价;钦天监「报更以鼓」;尚宝司六种权杖分给金吾卫与五城巡夜




